Bayerische Staatsoper: “Hänsel und Gretel” – 24.3. 2013

Man glaubt es nicht! Hänsel und Gretel reloaded in der Landeshauptstadt! In einer NEUinszenierung! Nach „erst“ 48 Jahren wurde die mittlerweile prähistorische Produktion abgelöst und ins Magazin verbannt, allerdings (so hört man aus gut informierten Kreisen) noch nicht geschreddert… Man woaß ja nie ned und in Minga scho glei gar ned. Der Aufschrei der Staub & Moder-Fraktion unter Münchens Opernfreunden ließ nicht lange auf sich warten, fast so, als habe der Stadtrat beschlossen, die Regenbogenfahne zwischen den Türmen der Frauenkirche zu hissen oder den Bierausschank unter freiem Himmel zu verbieten… So ist das eben, wenn mehrere Generationen von Opernfreunden ihr Erweckungserlebnis in Sachen Oper mit der nun ausgemusterten Herbert-List-Inszenierung hatten und sich seitdem in Anspruch und Geschmack nicht mehr weiterentwickelt haben… Das war ja sooooo schön! Und vor allem für die Kiiiinder! Übrigens: die Premierengäste im Grundschulalter fanden die neue Inszenierung ganz toll, gingen richtig mit und tobten und kreischten am Ende vor Begeisterung. Soviel dazu.

Wobei: von einer „Neu“inszenierung kann eigentlich keine Rede sein. Vielmehr hat diese Produktion in der Regie von Richard Jones in den Bühnenbildern von Robert Mcfarland bereits eine weite Reise hinter sich, von der English National Opera und weitere Stationen bis zur New Yorker Metropolitan und nun hat man sich am Max-Joseph-Platz die Siebtverwertungsrechte erworben. Oder so ähnlich. Allzu großes Interesse an seiner Arbeit kann man Jones nicht mehr nachsagen, er hatte lediglich seinen Assistenten und seine Bankverbindung nach München geschickt. Ob die persönliche Anwesenheit des Chefs uns einen inspirierteren Abend beschert hätte? Das ist Spekulation, so jedenfalls holperte das Unternehmen nicht wenig, die sehr choreographisch angelegten Bewegungen waren alles andere als präzise und synchron, sahen zuweilen gar improvisiert aus, der Abend kam erst spät und langsam in Fahrt. Genauer gesagt erst gegen Ende des zweiten Aktes, hier allerdings ist Jones mit dem Abendsegen als Traumvsion eines üppigen Festmahls an einer langen Tafel mit brennenden Kerzenleuchtern und serviert von 14 feisten Köchen und einem fischköpfigen Oberkellner ein wunderbar bizarres und zugleich poetisch-irreales Bild gelungen. Wie sich denn überhaupt der Dualismus Essen-Hunger als optische Konstante durch das ganze Stück zieht, von den leeren Küchenschränken des Beginns über die Zwischenvorhang-Motive bis hin zum fröhlichen Gemansche in der Hexenküche. In letzterer erreicht die Regie dann endlich Betriebstemperatur und bietet das ausgelassene, skurrile und von britischem Humor durchzogene Spektakel, das ich mir für den ganzen Abend gewünscht hätte… Denn bis dahin hatte man eine arg langatmige und nicht eben einfallsreiche erste Stunde absitzen müssen, die wenig bis gar nichts fürs Auge bot und weder erhellend noch wirklich lustig war.

Bekanntlich ist Hänsel und Gretel ja eine verkappte Wagner-Oper und hat es orchestral richtig in sich. Nicht wenige Dirigenten haben vor dieser Partitur ob ihrer zahlreichen schnellen Takt- und Tempowechsel so richtig Manschetten und wirklich gerne macht das kaum einer; sogar ein alter Fahrensmann wie Knappertsbusch hielt die Oper für eine der Schwierigsten überhaupt für den Dirigenten… Leider wurden diese Tücken im Dirigat von Tomáš Hanus mehr als deutlich, er und das Orchester fanden kaum einmal eine hörbare gemeinsame Wellenlänge, rhythmische Unsicherheiten und Wackler prägten über weite Strecken das Bild. Vor allem aber fetzte Hanuš die Musik derart undifferenziert lärmend und knallig in den Saal, dass es in den Ohren wehtat. Subtilere Töne waren Mangelware und beschränkten sich auf die Naturschilderungen im zweiten Akt, allerdings riss auch hier der Spannungsbogen mit unschöner Regelmäßigkeit ab.

Großer Premierenjubel, vom Nachwuchspublikum wie von uns Freaks, galt den beiden Protagonisten Tara Erraught (Hänsel) und Hanna-Elisabeth Müller (Gretel), deren natürliches und quirlig-lebhaftes Spiel einfach mitriss und begeisterte, so glaubhaft und ohne Übertreibungen wie man es sich nur wünschen kann. Und auch gesanglich machten beide ihre Sache außerordentlich gut; Erraughts leichtgängiger, zartherb timbrierter Mezzo und Müllers schwebend lyrischer Sopran ergänzten sich ausgezeichnet. Nicht zum ersten Mal hat sich die konsequente und fachkundige Ensemblepolitik des Hauses hier ausgezahlt und Früchte getragen. Umso unverständlicher daher, dass man für die Eltern mit Janina Baechle als Gertrud und Alejandro Marco-Buhrmester als Peter zwei nur mäßig überzeugende Gäste engagiert hatte, wo man doch im eigenen Ensemble mit Okka von der Damerau und Markus Eiche zwei herausragende Besetzungsalternativen gehabt hätte…! Bleibt noch die Hexe, vom hauptberuflichen Mozart-Tenor Rainer Trost mit viel Mut zur Hässlichkeit und spürbarem Spaß an der Freud verkörpert. Daß die Betriebstemperatur im dritten Akt deutlich anstieg, war zum allergrößten Teil sein Verdienst.

Nach schwacher erster Halbzeit ist also schlußendlich noch ein zumindest annehmbarer Premierenabend geworden. Warum allerdings ausgerechnet Hänsel und Gretel, DIE Familien- und Einsteiger-Oper schlechthin, als einziges Werk in dieser Saison OHNE Übertitel gespielt wird, muß man nicht wirklich verstehen…

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1 Response to Bayerische Staatsoper: “Hänsel und Gretel” – 24.3. 2013

  1. easywriter says:

    Hmmm … mal wieder so ein Fall von “wäre-gerne-(a)dabei-gewesen”. Wenn die Bühnenperformance so gut war … was die Obertitel betrifft: Wahrscheinlich hat man beim Weglassen derselben an eine ganzganzjunge und des Lesens (in diesem Grimmgewaltstoff zum Glück) noch unkundige Zielgruppe gedacht. Man muss das pragmatisch-ökonomisch sehen ;). Oder die Übertitel sind bei der Weltreise der Produktion irgendwo über die Wupper gehuppt. Hauptsache, es hat orchestral nicht so fürchterlich gekracht, sondern das Honigkuchenhäusl ist (statt auseinander zu fliegen) aufgrund der zuletzt erhöhten Betriebstemperatur ganz einfach geschmolzen. Dann bin ich gern (a)dabei und freu mich schon mal vor auf den Fliegenden Holländer nächste Kalenderwoche.

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