Im Kino: “Hänsel und Gretel: Hexenjäger” von Tommy Wirkola

“Don’t eat the fucking candy…!”

Kann es sein, dass die Brüder Grimm uns nur die halbe Geschichte erzählt und das Beste verschwiegen haben? Jetzt jedenfalls ist im Kino eine etwas andere Version zu erleben, eine ganz ganz andere sogar… natürlich beginnt auch diese mit dem armen, im Wald verirrten Geschwisterpaar, dem Knusperhäuschen und der Hexe im Ofen, doch ist dies nur Vorgeplänkel und nach zehn Minuten abgehandelt. Es folgt ein Zeitsprung von ca. 15 Jahren, inzwischen sind Hänsel (der sich in der englischen Originalfassung natürlich „Hansel“ schreibt…) und Gretel zu feschen und selbstbewussten Twens herangewachsen. Vor allem aber drehen sie gewaltig den Spieß um und sind als professionelle Hexenjäger und –killer bestens im Geschäft. Ab jetzt wird aufgeräumt und scharf geschossen im deutschen Wald und die Zauberschwestern haben nichts mehr zu lachen, gleich reihenweise werden sie massakriert von zwei coolen, erbarmungslosen Youngstern im engen schwarzen Lederoutfit, mal mit Feuer, oder auch mit Schwert oder gleich mit den seltsamen, zugleich antik und futuristisch aussehenden Schusswaffen. Inszeniert hat diesen extrem blutigen und latent unappetitlichen Spaß der norwegische Regisseur Tommy Wirkola. Hier wird ganz tief in die Special Effects-Kiste gegriffen: Hexen werden im Flug mittels aufgespannter Drähte in Scheiben geschnitten oder verändern permanent ihre Gesichtszüge, aus geheimnisvollen Schönheiten werden verzerrte Digital-Monster-Fratzen und vice versa, halbe Wälder fliegen in die Luft und zum Hexensabbat treten die Schwarzmagierinnen in Kompaniestärke an… irgendwas ist immer los, irgendwie scheinen die Lebkuchen vom Knusperhaus mit synthetischen Drogen getränkt gewesen zu sein. Spielen tut das Ganze im mittelalterlichen Augsburg (Hänsel: „Gibt’s in dem Kaff irgendwo was zu trinken?“) und es gibt sogar so etwas Ähnliches wie eine Handlung, nämlich dass die fiese Oberhexe Mina (Pihla Vitala) zwölf Kinder und Gretel als Nachkomme einer weißen (also guten) Hexe entführen lässt, um aus dero Blut und Herzen in einer Blutmondnacht ein Elixir zu brauen, welches die Hexen unempfindlich gegen Feuer machen soll… Außerdem treten natürlich dezente erotische Versuchungen an die Geschwister heran, für Hänsel in Gestalt der guten Zauberin Muriel (ganz zauberhaft: Famke Janssen), bei Gretel ist es der fesche Bürgerssohn Ben (Thomas Mann; doch, der heißt wirklich so!) und außerdem ist da noch Edward. Edward ist ein Troll, dient ursprünglich der Oberhexe, verliebt sich, King Kong lässt grüßen, in Gretel und wird von dieser umgedreht… Überhaupt wird hier die Filmgeschichte mal wieder gut gefleddert, Wirkola nimmt nicht nur Anleihen beim Meister des Schmunzel-Horrors, Tim Burton, sondern auch beim „Herrn der Ringe“ sowie diversen Klassikern des SciFi- und Splatterkinos. Wirklich Sinn macht das Ganze nicht, aber wo steht geschrieben, dass eine Filmhandlung welchen machen muß?! Und wenn die Dramaturgie lahmt und die Geschichte Löcher bekommt, wird eben noch wem der Kopf abgeschlagen, the show must go on. Bei einem solchen visuell-technischen Overkill haben es die Darsteller von Haus aus schwer, zumal diese eher in der zweiten Hollywood-Liga unterwegs sind. Während Jeremy Renner als Hänsel kaum mehr als eine leicht blasierte Instant-Coolness zu bieten hat, gewinnt Gemma Arterton ihrer Rolle zumindest ein paar Nuancen ab oder wie Hänsel so schön sagt: „Meine Schwester fragt immer nach Beweisen, bevor jemand gegrillt wird!“. Aber das kann auch ein Versehen sein, denn fünf Minuten ohne Blutvergießen, Totschlag, Folter, Feuersbrunst oder technischen Hokuspokus scheinen für den Regisseur verlorene fünf Minuten zu sein und die wilde Jagd geht schon in die nächste Runde. Großes Kino? Sicher nicht, aber für einen kalten, verregneten Mittwochabend im März taugt es allemal…

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