BR-Symphonieorchester/ Daniel Harding – 12.4.2013

Eigentlich hätte an diesem Abend Alan Gilbert, seines Zeichens Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, sein Debüt am Pult des BR-Symphonieorchesters geben sollen. Leider musste dieser krankheitsbedingt passen… High Noon also, was tun? Ersatz war mit Daniel Harding rasch gefunden, man kennt und schätzt sich, Dirigent und Orchester können bereits auf eine längere Zusammenarbeit zurückblicken, eine große Asientournee und CD-Einspielungen inklusive. Das entsprechende Verständnis und Zusammenspiel konnte also vorausgesetzt werden und fand auch statt. Programmatisch kam anstelle der ursprünglich vorgesehenen Serenade für Orchester Nr.1 in D-Dur von Brahms nun Gustav Mahler mit seiner 4. Sinfonie zum Zug. Nothing to complain, persönlich bin ich ja froh, wenn ich Mahler hören darf statt Brahms, bzw. eigentlich bin ich immer froh wenn ich irgendetwas anderes hören darf als Brahms…! Los ging es allerdings mit Benjamin Britten, auch der ja schließlich ein Jubilar dieses Jahres 2013; Happy Birthday zum (auch schon) 100.! The young person’s guide to the orchestra lautet der etwas sperrige Titel seines vermutlich bekanntesten Orchesterstücks. Anders als der Titel vermuten lässt handelt es sich nicht nur um ein Kinderstück, sondern um geistreich-virtuose Variationen mit abschließender Fuge über ein bekanntes Thema von Henry Purcell. Das Besondere dabei ist, dass das Thema quer durch sämtliche Instrumentengruppen und Einzelinstrumente vagabundiert und sich variantenreich der jeweiligen Klangfarbe anpasst; jedes Orchesterinstrument darf hier sozusagen seine klangfarbliche Visitenkarte abgeben und mit seinen „Verwandten“ in Dialog treten, bis sich in der Schlussfuge alle zu einer pompösen, klanggewaltigen Synthese vereinen. Nicht umsonst hatte Mariss Jansons das Stück bereits 2003 in seinem Antrittskonzert dirigiert, schließlich ist es eine perfekte Gelegenheit für die grandiosen Musiker des BR-Sinfonieorchesters, sich solistisch und im Kollektiv zu zeigen. Ungleich seltener gespielt als der Guide wird das zweite Stück des Abends, der Liederzyklus Les illuminations auf Gedichte des französischen Symbolisten Arthur Rimbaud für Singstimme und Streichorchester. Auch ich kannte das Werk bisher nur dem Titel nach und war von dieser Erstbegegnung sehr angetan. Inspiriert von Rimbauds äußerst rätsel- wie bildhaften und exaltierten Texten hat Britten eine für sein Oeuvre eher ungewöhnliche, expressionistisch flirrende Musik geschrieben, die phasenweise eher an Debussy erinnert, lediglich die Führung der Singstimme mit ihren Skalenläufen oder die zum Teil perkussive Behandlung der Streicher sind „typischer“ Britten. Berauschter Sprechgesang wechselt hier mit fast belcantesken Kantilenen, eine stilistisch heikle Aufgabe, der die Sopranistin Anna Prohaska sehr gut gerecht wurde. Prohaskas zwar nicht sehr voluminöser, aber individuell timbrierter Sopran verfügt vor allem in der mittleren und tieferen Lage über ein breites Farbenspektrum. Dennoch könnte ich mir vorstellen, dass die Musik in der alternativen Fassung für Tenor einen noch exstatischeren Charakter bekommt. Die Programmänderung bescherte der Sängerin nach der Pause noch eine Sonderschicht: auch im Finalsatz von Mahlers 4. Sinfonie war sie noch einmal zu hören, wobei ich hier doch ein wenig den Silberglanz in der Höhe vermisst habe. Ansonsten konnte man sich nahezu uneingeschränkt am kultivierten, warm leuchtenden und vollmundigen Klang des Orchesters laben. Nun ist Harding ja bekannt dafür, dass er sich tempomäßig gerne etwas mehr Zeit nimmt und dabei eher auf Breite denn auf Tiefenschärfe setzt, aber in diesem Fall gelang es ihm, die Musik im Fluß zu halten und mit Innenspannung zu füllen, vor allem das zart strömende Ende des dritten Satzes gelang sehr berührend und organisch, auch das kurze gewaltige Orchestercrescendo war kein Fremdkörper. Daß nicht alle Übergänge gleich fließend gelangen und einige Passagen arg al fresco musiziert wurden, ließ sich daher verschmerzen. Dankbarer Applaus von allen, die froh waren, keinen Brahms gehört zu haben… kleiner Scherz.

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