Bayerische Staatsoper: “Der fliegende Holländer” – 17.4.2013

Ganz so viele Jahre wie der titelgebende untote Seefahrer hat diese Produktion noch lange nicht auf dem Buckel. Nach dessen Maßstäben wäre es gerade mal der zweite Landgang, denn „die Frist ist um und abermals verstrichen sind sieben Jahr“; seit der Premiere nämlich. Und immer noch ist die Inszenierung von Altmeister Peter Konwitschny eines der großen Highlights im Staatsopern-Programm und in jeder Aufführung ein Erlebnis. Selbst die fröhlich wechselnden Besetzungen der letzten Spielzeiten haben der immensen atmosphärischen Dichte und Bildhaftigkeit und der bezwingend genauen Personenregie Konwitschnys nicht nennenswert Abbruch getan.

Für frischen Wind sorgte an diesem Abend auch Dirigent Asher Fisch, der erstmals in München das Steuer des Holländer übernommen hatte. Sonst ja nicht unbedingt als einer der größten Dynamiker unter den Dirigenten bekannt, legte er diesmal gleich mächtig los, erreichte schon in der Ouvertüre locker Windstärke 8 und ließ auch in den folgenden knapp zweieinhalb Stunden nicht locker, eine musikantisch auftrumpfende, aber nicht undifferenzierte Lesart, die auch ihre lyrischen Ruhepunkte hatte. Das innig getragene Duett des Holländers mit Senta, mithin das musikalische und interpretatorische Zentrum der Partitur, gelang ihm ebenso stilsicher wie die „kracherte“ Volkstümlichkeit der Matrosenchöre. Selbst seine gefürchteten Generalpausen, in denen man sich fragt, ob es heute noch mal weitergeht, setzte er weitaus sparsamer ein als gewohnt… Warum eigentlich nicht immer so?

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Links: Epizentrum des Abends: Anja Kampe (Senta), Rechts: “Danish Dynamite” im Doppelpack: Johan Reuter (Holländer) und Stephen Milling (Daland) – Fotos: Wilfried Hösl                

Das Epizentrum der Aufführung war wieder einmal die phänomenale Anja Kampe als Senta, die seit der Premiere fast alle Aufführungen dieser Inszenierung bestritten hat. Wie bei ihr nicht anders gewohnt, stürzte sie sich mit vollem Stimm- und Körpereinsatz in die Partie und gestaltete die Borderlinerin von der Waterkant ohne Rücksicht auf Verluste. Ihr friesisch-herb timbrierter und zugleich metallisch leuchtender Sopran ist ideal für die Rolle und hat in den letzten Jahren an Schattierungen und Farben sogar noch hinzugewonnen. Einen guten Erfolg ersang sich auch Johan Reuter. Mit seinem kernigen und kultivierten, extrem wortdeutlichen Bariton gestaltete er einen betont menschlichen und durchaus bewegenden Holländer, der seine stärksten Momente in den introvertierten Szenen wie dem besagten Duett hatte. Was ihm hingegen doch abging waren die düstere Aura des Verfluchten und Rastlosen, die Dämonie und numinose Andersartigkeit des Geisterwesens sowie nicht zuletzt am Ende ein wenig die stimmlichen Kraftreserven. Sehr gut harmonierte Reuter mit seinem dänischen Landsmann Stephen Milling, dem der Daland geradezu auf den imposanten Leib geschneidert ist; mit seiner respekteinflößenden Statur und Präsenz sowie seinem nachtschwarzen, leicht knorrigem Baß war dieser geradezu ein Seebär aus dem Bilderbuch. Sehr prägnant besetzt waren auch der Steuermann mit Norbert Ernst (der Größenunterschied zu seinem Käptn sorgte für eine gewisse Heiterkeit im Saal) und die Mary mit Okka von der Damerau. Bleibt als einziger Wermutstropfen der Auftritt von Klaus Florian Vogt als Erik. Über die bekannte, anämisch weiße Stimmfarbe dieses Sängers kann man natürlich geteilter Meinung sein, es soll ja Leute geben, für die ein Chorknabentimbre im Wagnerfach für das Größte halten. Geht mir definitiv anders, ich empfand Vogts emotionsfreien, monotonen und manirierten Vortrag als Zumutung. Wobei man ihm in der Rolle des natural born loser eine gewisse typenmäßige Eignung schwerlich absprechen kann…!

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2 Responses to Bayerische Staatsoper: “Der fliegende Holländer” – 17.4.2013

  1. J.K. says:

    Es war in der Tat stark, wie die zwei Dänen auf deutsch in Norwegen den Holländer sangen und spielten. Stürmischer Applaus! Den Jäger indes hätte man in der Tat verjagen sollen. Die weibliche Hauptrolle: Senta-tionell. Unbedingt wieder reingehen!

  2. Reiner says:

    Dem kann ich nur zustimmen – komme gerade aus der Vorstellung.

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