Sänger, hört die Signale… Elisabeth Kulman ruft zur “Revolution der Künstler”

Wenn die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman auf der Bühne die Stimme erhebt, ist musikalischer Hochgenuß garantiert. Ob in der Musik des Barock, der Früh- Hoch- und Spätromantik oder der Gegenwart, ob als Wagners Fricka und Brangäne, mit Mahler-Liedern oder als Fürst Orlovskij in der Fledermaus; mit ihrer warm leuchtenden, schlank und flexibel geführten Stimme ist Elisabeth Kulman eine feste Größe.

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Elisabeth Kulman (Foto: Julia Wesely)

Neuerdings erhebt die Sängerin ihre Stimme auch außerhalb der Theater und Konzertsäle und geht aufs Ganze. Nicht weniger als eine Revolution hat sie im Sinn, eine „Revolution der Künstler“. Um was geht es? Im Wesentlichen darum, zunächst einmal aufzuräumen mit glorifzierten Vorstellungen, die sich viele Opernbesucher immer noch machen, von Glanz, Glamour und hochbezahlten und vergötterten Diven beiderlei Geschlechts. Das mag noch für den einen oder anderen Star, für eine Anna Netrebko oder Cecilia Bartoli, für einen Plácido Domingo oder Jonas Kaufmann, gelten, doch für die Mehrheit sieht die Realität leider anders aus. Wer sich zumindest halbwegs auskennt in der Branche und in Musikerkreisen verkehrt, der kennt die Klagen über Dumping-Gagen, Knebelverträge, unbezahlte Reisen, Unterkünfte und Probenzeiten, gefährlich eng getaktete Probenpläne und nicht zuletzt eine wachsende Verrohung der Sitten und fehlenden Respekt. Ein Lied, das inzwischen wohl jeder mitsingen kann, der im heutigen Opernbusiness unterwegs ist; ich selbst könnte hier aus meiner langjährigen Berufspraxis in einer Management- und PR-Agentur für Interpreten klassischer Musik so einiges beisteuern, die Schachereien und Feilschereien um ein paar hundert Euronen, einen Heimflug oder eine popelige Hotelübernachtung hatten teilweise mehr mit dem vielzitierten orientalischen Basar zu tun denn mit seriösem Geschäftsgebaren. Gerade junge Künstlerinnen und Künstler am Beginn ihrer Karriere werden oftmals schamlos ausgebeutet, getäuscht und abgezockt, da ihnen aufgrund fehlender Erfahrung und einer erdrückenden Konkurrenzsituation zumeist wenig Möglichkeiten bleiben sich zu wehren. Aber auch für durchaus etablierte und beliebte Fachkräfte ist die Situation nicht rosig, nicht selten muß der Künstler finanziell in Vorlage treten und riskiert es, im Krankheitsfall gänzlich ohne Honorar dazustehen wenn keine Probenpauschale mehr gezahlt wird. Über den schönen alten Lieblingswitz von Giuseppe di Stefano „Was ist der Unterschied zwischen einem reichen und einem armen Tenor? – Der arme muß seinen Rolls Royce selbst waschen!“ können vermutlich nur noch die wenigsten von „Pippo“s Erben wirklich befreit lachen. Auch das wohlfeile Argument, man lebe ja schließlich in einem freien Land und niemand werde gezwungen, unter solchen Bedingungen aufzutreten, zieht nicht: ein oder zwei Mal absagen ist noch kein Problem, aber sobald ein Künstler mal den Ruf weg hat, „schwierig“ zu sein, wird die Luft schnell dünn.

Den Anstoß zu Elisabeth Kulmans Initiative gab die von Johannes Maria Schatz initiierte Facebook-Seite mit dem etwas holprigen Titel Die traurigsten & unverschämtesten Künstler- Gagen und Auditionerlebnisse, eine Art digitale Klagemauer, auf der in erster Linie unbekannte Künstler ihre frustrierendsten Erlebnisse berichten. Das mag in vielen Fällen etwas kleinkariert anmuten, die Stoßrichtung ist dennoch die richtige. Kulman und Schatz (die sich laut einem Kulman-Interview inzwischen halbironisch mit „Jeanne d’Arc“ und „Robin Hood“ anreden) haben absolut Recht: so kann es nicht weitergehen, im Interesse aller Beteiligten: sowohl der Künstler, die von ihrer hochqualifizierten Arbeit leben können müssen als auch des Publikums, das für die hohen Kartenpreise Anspruch auf gut geprobte Aufführungen und ausgeruhte und optimal vorbereitete Sänger hat. Diese Schieflage geht alle an, auf beiden Seiten der Bühnenrampe!

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Große Oper, begeistert gefeiert: “Anna Bolena” an der Wiener Staatsoper

So eindeutig der Status Quo, desto schwieriger gestalten sich die Schlußfolgerungen. Auf der Internetseite http://opernreform.com hat eine rege Diskussion begonnen, was man konkret unternehmen könnte, angefangen bei Mindestgagen bis hin zu einer Art Moralkodex für Agenten, Intendanten und künstlerische Vorstände. Das ist alles wunderbar und wunderprächtig, für entscheidend halte ich allerdings zwei andere Punkte, wo es m.E. anzusetzen gilt. Der erste ist, dass der Fisch bekanntlich vom Kopf her stinkt – und damit sind in diesem Fall nicht die Intendanten gemeint, sondern die (Kommunal)politik, die hier die finanziellen Rahmenbedingungen setzt und den ausführenden Organen seit Jahren in Form von massiven Etatkürzungen die Daumenschrauben ansetzt. Sicherlich gibt es unter den Intendanten und Castingdirektoren das eine oder andere schwarze Schaaf, das heimliche Absprachen trifft oder sich mit faulen Tricks auf Kosten des Künstlers Prozente in die eigene Tasche stopft, aber die allermeisten Intendanten haben, aus meiner Erfahrung jedenfalls, keine Freude daran, Sänger kurz zu halten und auszunutzen, im Gegenteil. Sie können oft eben einfach nicht mehr zahlen. Hier in München leben wir vergleichsweise auf einer Insel der Opern-Seligkeit, während sich andernorts die Verantwortlichen nicht nur fragen, wie sie überhaupt noch ihre Häuser füllen, sondern vor allem wie sie in Zeiten sinkender oder stagnierender Subventionen die steigenden Tariflöhne und Betriebskosten auffangen können. Daß die vormalige Elite, die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler nämlich, in diesem Spiel die schlechtesten Karten haben, liegt auf der Hand. Hier müssen zum einen die jeweiligen Kulturträger von Bund, Ländern und Kommunen in die Pflicht genommen werden, die herausragende Bedeutung der Kultur zu erkennen und diese entsprechend ökonomisch abzusichern. Schließlich ist ein reiches und populäres Kulturangebot für eine Stadt auch ein knallharter Standortvorteil und Tourismus-Magnet, dessen auch wirtschaftliche Bedeutung nicht zu unterschätzen ist! Natürlich sind auch die Opernhäuser und Orchester selbst aufgerufen, ihre Einnahmensituation zu verbessern, sei es durch Erschließung neuer Publikumsschichten, durch Marketingkonzepte (in diesem Punkt hat sich in den letzten Jahren schon einiges getan, es gibt aber immer noch viel Potenzial), durch neu kalkulierte Preissysteme oder durch verstärkte Gewinnung von Sponsoren. Die noch bis in die 90er Jahre hinein praktizierte Elfenbeinturm-Mentalität mancher Theaterleiter ist passé und muß es auch sein. Der andere Punkt ist eher noch heikler: ohne eine weitreichende Solidarisierung der Betroffenen untereinander wird es nicht gehen. Und das in einer Branche, in der Konkurrenzdenken, Futterneid und Egoismus ja nun nicht vollkommen unbekannt sind…! Der stetig steigende Konkurrenzdruck hat die Situation noch verschärft. Angesichts des riesigen Angebotes an jüngeren und jungen Sängern, etwa aus Asien und Osteuropa, die auch gerne mal für eine kleine Gage auftreten, da auch diese in den jeweiligen Heimatländern viel Geld ist, wird sich fast jeder doppelt und dreifach überlegen, ein Engagement einfach abzulehnen und Gefahr zu laufen, das nächste Mal nicht mehr angefragt zu werden. Umso notwendiger ist es, hier endlich sinnvolle und rechtlich verbindliche Standards festzulegen.

Zurück zur Revolution der Künstler, was tun? Sollen Opernstars, -sternchen und –fans gemeinsam die rote Fahne schwenkend vor die Kulturtempel ziehen und auf Occupy Staatstheater machen? Ja, warum nicht auch mal?! Vor allem aber müssen sich die Betroffenen zusammensetzen, kommunizieren, sich vernetzen und gemeinsam Lösungen finden. Ein Moralkodex zur Verbesserung des Geschäftsgebarens macht gewiss Sinn, die Mindestgage ebenso. Künstler, Agenten, Intendanten und Kulturträger müssen begreifen, dass es nur miteinander funktionieren kann. Wenn Elisabeth Kulmans Initiative dazu einen Anstoß bietet, hat sie schon eine Menge erreicht. Erste Wellen sind jedenfalls zu erkennen, einige prominente Medien haben schon berichtet und die Zahl der namhaften Unterstützer wächst, beispielsweise Laura Aikin, Marlis Petersen oder Markus Brück haben sich dankenswert deutlich positioniert. Ihnen und allen weiteren und zukünftigen Unterstützern ein fulminantes IN BOCCA AL LUPO; auf das nicht nur die Stimmen gehört werden, sondern auch die Botschaft!

Weitere Info natürlich auf http://www.elisabethkulman.com

 

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