Bayerische Staatsoper: “Macbeth” – 5.5. 2013

Absagepech kennt ja jeder Operngänger zur Genüge, natürlich sagt wenn dann derjenige aus der Besetzungsliste ab, auf den oder die man sich am meisten gefreut hatte… Weitaus seltener dagegen ist das Gegenteil, das Absageglück. So geschehen in der jüngsten Wiederaufnahme von Verdis „schottischem Stück“ wie wir abergläubischen Theatermenschen den Mxxxxxx zu nennen pflegen: dankenswerterweise hatte die angekündigte Interpretin der Lady M. kurzfristig die Segel gestrichen. So konnte man sich frohen Mutes auf den Weg ins Nationaltheater machen, da man an diesem Abend mutmaßlich von den rasiermesserscharfen Soprantönen und dem enervierenden S-Fehler jener Dame verschont bleiben würde.

Diese Inszenierung von Martin Kušej war 2008 die Eröffnungspremiere der Intendanz Bachler gewesen und hat sich im Repertoirebetrieb ausgezeichnet behaupten können. Nicht umsonst gilt Kušej als einer der profiliertesten Bilder-Erfinder unter den heutigen Star-Regisseuren und sowohl die präzise Charakterzeichnung seiner Regie wie auch die düstere, irreal-albtraumhafte Atmosphäre des Bühnenbildes von Martin Zehetgruber fesseln nach wie vor. Auch ohne personelle oder historische Analogien und Konkretisierungen entwirft Kušej eine zwingende und absolut moderne Psychologie der Macht und Gewalt; eine Aufführung, die Shakespeares Geist atmet, eine gute Prise kultivierten Horror hinzufügt und doch dem Musiktheater zu seinem Recht verhilft. Das muß man erst mal hinkriegen! Einziger Einwand sind nach wie vor die vielen unmotivierten Schwarzblenden, mit denen die relativ kurzen Szenen getrennt werden, was vor allem vor der Pause den szenischen Ablauf etwas stört.

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Bühnenbild von Martin Zehetgruber (Foto: Wilfried Hösl)

Wie schon in der Premierenserie sang Željko Lučić die Titelrolle und beeindruckt nach wie vor mit seinem kernig-markanten Material und seiner kultivierten Linienführung. Bezüglich  Phrasierung, Atemtechnik und Stimmkontrolle wirkt der Künstler sogar noch reifer, noch freier und stilsicherer als seinerzeit, die große Arie Perfidi! All’anglo contra me v’unite… Pietà, rispetto, amore im vierten Akt war ein Musterbeispiel in Sachen Verdi-Gesang. Lediglich seine Bühnendarstellung ließe sich noch intensivieren, bei aller Präsenz haftet seinem Auftreten oftmals ein latentes Phlegma an, das zur Rolle des Kriegers, Mörders und Thronräubers nicht wirklich passt… Davon konnte bei seiner eingesprungenen Partnerin Paoletta Marrocù wahrlich keine Rede sein, ihre Rollengestaltung wäre mit „extrovertiert“ entschieden zu schwach beschrieben, „manisch“ trifft es weit besser. Die psychotische Grenzgängerin, die Kušej hier inszeniert hat, übersetzte sich nachdrücklich. Und auch gesanglich ging die attraktive Sizilianerin in die Vollen und schonte weder sich noch andere.  So konnte die intensive Gestaltung zumindest teilweise kaschieren, dass die Stimme mittlerweile doch einige Schärfen aufweist und die Intonation nicht immer krisenfest ist. Rollendebütant Goran Jurić überzeugte als Banco mit Stimmschönheit und eleganter Phrasierung und Wookyung Kim heimste mit seiner wunderbar strahlend und durchschlagskräftig gesungenen Macduff-Arie den größten Einzelapplaus des Abends ein.

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Macbeth (Željko Lučić), getrieben von den Furien (Foto: Wilfried Hösl)

Weniger glücklich war ich mit dem Dirigat von Massimo Zanetti, das doch über weite Strecken sehr pauschal und undifferenziert ausfiel. Größere Unfälle oder Diskrepanzen waren zwar nicht zu beklagen, aber von der Plastizität und dem Farbenreichtum, die seine Vorgänger hier aus der Partitur gezaubert haben, war das doch weit entfernt. Insgesamt ein ordentlicher bis guter Opernabend, der es im Saisonrückblick aber vermutlich nicht in die Spitzengruppe schaffen wird.

 

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