BR-Symphonieorchester/ Esa-Pekka Salonen – 10.5. 2013

Es gibt Dirigenten, von denen man sich jedes Mal einen außergewöhnlichen Abend erhofft. Und dann gibt es auch welche, bei denen man sich dessen sogar sicher sein kann… Esa-Pekka Salonen gehört zweifellos in die zweite Kategorie, er ist nicht nur ein grandioser Musiker, sondern besitzt auch das Gespür für eine innovative und spannungsreiche Programmgestaltung. Mit letzterer konnten zwar offensichtlich nicht alle Abonnenten des Symphonieorchesters wirklich etwas anfangen; obwohl das Konzert offiziell ausverkauft war, blieben doch eine Reihe von Plätzen frei… Nur weil alle drei Werke des Abends dem 20. Jahrhundert entstammten? Also wirklich! Dabei erwiesen sich etwaige Berührungsängste als vollkommen unbegründet, es dominierten klassische Moderne und romantischer Gestus. Nun ist Salonen ein erwiesener Kenner der musikalischen Moderne und im Nebenberuf auch selbst ein anerkannter Komponist, aber er liebt auch einen warmen und luziden, fein abgestuften und betont sinnlichen Orchesterklang, Transparenz und Präzision sind hier nicht etwa das Gegenteil von Ausdruck, sondern die Voraussetzung dafür. Unnötig zu erwähnen, dass sich diese Musizierhaltung mit dem Klangbild des Orchesters wunderbar deckt und folglich das Zusammenspiel der Musiker mit dem Maestro auch diesmal intensiv und auf einer Wellenlänge war.

Das wurde bereits in der einleitenden Musique funèbre für Streichorchester von Witold Lutoslawski deutlich. Dabei wirkt der Titel zunächst etwas irreführend, mit einem Lamento im klassischen Sinn hat das viersätzige Werk wenig zu tun, vielmehr ist der Duktus der Musik expressiv und bewegt, strenge satztechnische Formen wechseln mit marschartigen Motiven und auch die Anklänge an die serielle Musik sind hier mehrfach durchbrochen und sehr individuell interpretiert. Der Komponist selbst verstand das Ende der 50er Jahre entstandene Werk als seinen Durchbruch und die erste Arbeit in einem wirklich eigenen und persönlichen Stil und in der Tat erscheinen die für Lutoslawskis späteres Werk so charakteristischen Ausdrucksformen hier stilbildend angelegt: der Dualismus von Reihe und Polyphonie, von Strenge und Variation, von Ausdruck und Substanz. Als Schüler des Komponisten nutzte Salonen hier seinen „Heimvorteil“ und lieferte eine sehr genaue und bis in die Nebenstimmen aufgefächerte Wiedergabe.

Zeitlebens hat sich Lutoslawski zu seiner großen Verehrung für die Musik von Béla Bartók bekannt, vor allem dessen Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta von 1937 hatte es ihm angetan. Und tatsächlich ist der künstlerische Einfluß des Ungarn auch in der Musique funèbre deutlich erkennbar, sowohl in der viersätzigen Struktur und dem freien Spiel verschiedener Formelemente als auch teilweise in der Orchesterbesetzung. Für mich gehört Bartóks geistreiche Orchestersuite zu den interessantesten und reizvollsten Partituren der ersten Jahrhunderthälfte und ich habe sie live selten, wenn überhaupt schon einmal, so farbenreich und ausdrucksstark musiziert gehört wie hier. Die vier Sätze sind als Fuge, Sonatenform, Notturno und Rondo konzipiert und repräsentieren somit bekannte formale topoi, allerdings werden diese von Bartók nicht historisierend eingesetzt, sondern als ein in sich geschlossener Kosmos, eine Synthese aus vier eigentlich kaum kompatiblen Formteilen und somit zu einer Art Quintessenz der zeitgenössischen Ausdrucksmittel. In Salonens Interpretation rückt vor allem der dritte Satz ins Zentrum des Werkes; entrückt und geheimnisvoll, fast schwerelos hält er die Musik in der Schwebe, ein wahres Wunder an klanglicher Rafinesse und Expressivität, wie nicht von dieser Welt. Umso heller und strahlender dann der Kontrast zum Finalsatz, in dem tänzerische Rythmen und folkloristisch geprägte Motivik das Werk zu einem mitreißenden Abschluß bringen. Ovationen!

Dazwischen lag mit Paul Hindemiths Violinkonzert ein Mittelstück, das eher wie ein Fremdkörper wirkte. Sicherlich auf Bestreben des Solisten Frank Peter Zimmermann ins Programm genommen, der sich derzeit sehr für das Werk einsetzt, es kürzlich auch für CD aufgenommen hat… Einerseits verständlich, da der Solopart zwar nicht wirklich virtuos oder spektakulär, aber geigerisch sehr dankbar ist und viel Raum für erzromantische Affektdarstellung bietet. Andererseits auch wieder nicht; gerade wenn man bedenkt, was es im Entstehungsjahr 1939 schon alles gab und was in dieser Zeit geschrieben wurde, so mutet das Konzert schon sehr altbacken und konventionell an. Der Orchesterpart klingt in toto sehr pauschal, hohles Pathos und aufgesetzte Lärmattacken statt musikalischer Einfälle. Natürlich spielt Zimmermann einmal mehr grandios, mit der ihm eigenen Synthese aus lyrischer Innenschau, erdig-markantem Ton und musikantischer Emphase, er lässt das Instrument singen, ohne nur eine auf Hochglanz polierte Oberfläche zu bieten. Dieser Tiefgang seines Spiels unterscheidet ihn von den vielen Geigennymphen und –adonissen der jüngeren und jüngsten Generation, ebenso wie sein geradezu provokant unspektakuläres und seriöses Auftreten. Das Staunen und die Hingabe kommen sowieso; nämlich dann, wenn er zu spielen beginnt. Und so sollte es ja auch sein.

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