BR-Symphonieorchester/ Riccardo Chailly – 16.5. 2013

Wow! Viel mehr als was an diesem Konzertabend vom Bayerischen Rundfunk im Ziegelbunker am Gasteig geboten wurde, geht ja kaum noch: das hauseigene Symphonieorchester in großer Besetzung, höchster Konzentration und wunderbarer Musizierlaune, am Pult einer der faszinierendsten Maestri der Gegenwart und auf dem Programm mit Edgard Varèse und Franz Liszt zwei der größten Exzentriker der Musikgeschichte.

Edgard Varèse, man muß ihn ja tatsächlich heute immer noch vorstellen, Italo-Franzose aus Paris, Naturwissenschaftler und Komponist in Personalunion, 1914 nach New York emigriert, gut bekannt mit Strauss, Busoni, Henry Miller und Picasso, war nichts weniger als ein Revolutionär, ein Sinnsucher, eine faustische Natur, getrieben vom Willen, die Musik als Gesamtheit der Klänge zu verstehen und neu zu definieren, aber auch davon, eine kosmisch-allumfassende Synthese herzustellen zwischen den Klängen, der Physik, der Philosophie und den alchemistisch-hermeneutischen Wissenschaften… Klingt anstrengend und höllisch elitär? Ist es auch! Nach einem sehr bewegten und wechselhaften Leben voller Höhepunkte, aber auch Krisen und Rückschlägen, hinterließ Varèse ein quantitativ eher schmales Oeuvre von nur 15 erhaltenen Werken, in der Besetzung variierend von Density 21.5 für Flöte solo bis hin zu den großen Orchesterwerken Arcana und Amériques, die so ziemlich alles aufs Podium schicken, was das Instrumentarium hergibt.

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Sicherlich ist Arcana Varèses bekanntestes Werk; falls man bei einem solchen Außenseiter überhaupt von Bekanntheit sprechen kann. Bereits 1994 hatten die Münchner Philharmoniker, damals mit Gianluigi Gelmetti am Pult, die hiesige Kulturschickeria mit diesem Stück heftig verschreckt und auch auf dem Spielplan der Musica Viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks war es hin und wieder zu finden. Neben Pierre Boulez ist es unter den heutigen Pultstars vor allem Riccardo Chailly, der sich seit Jahren für den Komponisten einsetzt, vor einigen Jahren hat er dessen Gesamtwerk auch auf CD aufgenommen. Und höchste Qualität und Konzentration tut hier auch absolut Not, zweite Liga geht gar nicht. Arcana gespielt von einem mittelmäßigen oder überforderten Orchester muß der Albtraum überhaupt sein, die grandios hypertrophe Klangsprache Varèses in puren Krach verwandeln. Gespielt von diesem Toporchester dagegen ist es ein Erlebnis, ein Klangrausch, ein Fest. Ja, die Musik ist nicht lieblich, nicht nett, nicht einschmeichelnd. Sie ist harsch, zuweilen kalkuliert dissonant, archaisch, wild und von ungebändigter Kraft und Dynamik. Allein die Schlagzeug-Sektion ist hier mit zehn Mann an den Trommeln, Gongs, Glocken und Stäben besetzt und die Kollegen sind praktisch im Dauereinsatz. Schulmäßige Melodien und „ordnende“ Rhythmen sucht man hier vergebens, kaum ein Instrument wird nur auf die klassische Art gespielt, es entstehen gewaltige Klangballungen und –vibrationen, ungehörte Klangeffekte und dazwischen, wie musikalisches Treibgut, Motive und Allusionen, die an Vorbilder wie Stravinskijs Sacre erinnern. Das alles nur exakt und korrekt zu spielen, den Apparat technisch zusammenzuhalten und den Urkräften Gestalt zu geben, ist alleine schon eine Riesenaufgabe für Dirigent und Orchester. Aber es dann noch mit solch einer luziden Transparenz zu spielen, es mit pulsierendem Leben zu füllen und in der ganzen Komplexität erfahrbar zu machen… Phänomenal. Der Begriff Arcana bezeichnet übrigens in der Alchemie die verborgenen Stoffe und Prozesse, mit denen entscheidende Veränderungen und Wandlungen stattfinden können. Solches Werk ist hier gelungen; mit der Musik und mit uns.

Der zweite Konzertteil, Liszt Faust-Symphonie, begann vergleichsweise gemütlich. Doch auch diese Idylle ist trügerisch. Liszts dreisätziges Werk dauert eine knappe Stunde und vereint drei für sich schon ambitionierte symphonische Dichtungen in einer Partitur. Die drei Sätze sind den Protagonisten von Goethes Drama, Faust, Gretchen und Mephisto zugeordnet, bezeichenderweise ist der letzte, dem diabolischen Prinzip gewidmete, musikalisch der interessanteste davon… Und dann, nach fünfzig Minuten Symphonie, lässt Liszt für die letzten gut fünf Minuten (!) noch den Männerchor, einen Tenor-Solisten und die Orgel aufmarschieren und ein hymnisch-ekstatisches „Andante mistico“, einen klangsatten Schlußgesang auf die letzten Verse des Faust II, abfeiern, dass die Wände wackeln und dem deutschen Bildungsbürger jede Pore des Herzens aufgeht. Siehe oben. Stichwort: Exzentriker. Um so was zu schreiben, muss man schon irgendwie einen an der Waffel haben, aber es ist großartig. Großartig natürlich auch die Interpretation: nach den schrillen Urgewalten der ersten zwanzig Minuten öffnen Chailly und seine Musiker erst mal die Schleusen der romantischen Lyrik und baden förmlich im Wohlklang. Das ist alles pures akustisches Verwöhnaroma, mit wunderbarer Leichtigkeit und Delicatesse, dabei aber immer gestaffelt und konturiert, die zahlreichen Wagner-Anklänge serviert Chailly auch mit einem gewissen Augenzwinkern. Und am Schluß wird noch mal richtig Glut aus der Tüte gezogen und die Reserven mobilisiert, die Herren des BR-Chores sind wie immer ein Muster an Homogenität, Präsenz und Klangkultur und über allem strahl die virile und intonationsreine Tenorstimme von Michael Schade. Das Publikum im nicht ganz ausverkauften Saal zeigte sich von zwei so geballten Ladungen etwas konsterniert und applaudierte unverständlich lau, erst bei Liszt wurde der Zuspruch etwas kräftiger. Hallo Leute, auch hier gewesen?!

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2 Responses to BR-Symphonieorchester/ Riccardo Chailly – 16.5. 2013

  1. Renate Brauns says:

    Der Varèse war in der Tat gewaltig. Kannte ihn vorher nicht mal dem Namen nach und war nach den ersten ohrenbetäubenden Takten erstmal total schockiert, aber dann immer hingerissener. Kompliment, wie Du das Gehörte in Worte fassen kannst! Beim Liszt erstaunt ja echt der gewaltige Aufwand für die letzten Minuten mit Männderchor und Tenor. Ein toller Abend!

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