Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf: “Tannhäuser” – 19.5.2013

Tannhäuser findet nicht statt – Eine rheinische Provinzposse mit Musik

Hossa die Waldfee – da war ja mal wieder richtig Rabatz am Rhein, seit Gunther, Gernot und Gieselher hats nicht mehr so gescheppert in Nordrhein-Vandalien… Und dabei gings diesmal gar nicht um die Nibelungen, sondern um den Tannhäuser. Der wurde nämlich nun in Düsseldorf neu inszeniert vom Mannheimer Schauspielchef Burkhard C. Kosminski. Und zwar ganz neu. So neu, wie die Mehrzahl der Leute ihn nie und nimmer haben wollten: Buh- und „Aufhören!“-Rufe ab der 15. Spielminute, Beschimpfungen, Pöbeleien, angeblich sogar Morddrohungen gegen den Regisseur und Premierenbesucher in ärztlicher Behandlung. Was war passiert? Für Kosminski sind Schuld und Sühne das Grundthema des Tannhäuser; und um eine so schwere, selbst von höchsten moralischen Gremien nicht verzeihbare Schuld zu definieren, hat er ganz tief in die Nazi-Kiste gegriffen. Der Venusberg als KZ, Vergasungs- und Erschießungsszenen reihenweise, Vergewaltigung, Mord und Totschlag, Tannhäuser als Nazischurke mit Hakenkreuzbinde und was dergleichen mehr ist. Muss das sein? Braucht es das wirklich? Natürlich muss es nicht. Oder doch? Natürlich darf ein Regiekonzept, gerade in unserem hochsubventionierten Theaterbetrieb, radikal sein. Harte, auch schockierende Lösungen und Umsetzungen müssen auch auf der Opernbühne prinzipiell möglich sein, künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit zählen nicht umsonst zu den höchsten Gütern der Demokratie. In diversen Interviews mit dem Regisseur hörte sich das zwar sehr eigenwillig, aber auch nicht gänzlich unplausibel an. Gerne hätte ich mich damit auseinander gesetzt, rezensiert, vielleicht auch polemisiert. Und? Nix gabs. Ob das Konzept am Ende des Tages aufgegangen ist, ob es einen Sinn hatte, zum Nachdenken angeregt hat oder nicht doch ein Griff ins Klo war – es lässt sich nicht mehr feststellen.

Denn der mit der Situation überforderte Rheinopern-Intendant Christoph Meyer hat vor dem Aufstand der Wutbürger und Buhligans von der Heinrich Heine-Allee sowie den reflexhaften Protestritualen der versammelten Berufsempörer (von denen natürlich keiner die Aufführung gesehen hatte…!) den Schwanz eingezogen und die Produktion abgesetzt. Nach zwei Tagen Eiertanz findet Tannhäuser seit dem zweiten Abend nicht mehr statt, bzw. nur noch als Deutsche Philharmonie am Rhein in konzertanter Form. Das ist nicht nur katastrophal schlechtes Krisenmanagement, das ist schlicht ein Akt beispielloser Feigheit, mit dem Meyer sich als Theaterleiter bis auf die Knochen disqualifiziert hat. So etwas stelle man sich mal bei seinem Vor-Vorgänger im Amt, Kurt Horres, vor… Oder bei einem Götz Friedrich, einem Wolfgang Wagner, einem Liebermann oder Everding. Aber solche Urgesteine sind nunmal leider ausgestorben und vielerorts regieren farblose Kunstbeamte die Theater, die Folgen liegen auf der Hand. Natürlich soll niemand gezwungen werden, sich etwas anzuschauen, was er partout nicht will oder meint, nicht aushalten zu können; ein entsprechender Warnhinweis beim Kartenverkauf oder auch eine unbürokratische Umtauschaktion wäre hier ein gangbarer Weg gewesen. Denn kein Kunstschaffender, Herrn Meyer eingeschlossen, kann so naiv sein, nicht zu wissen, dass jeder szenische Bezug auf die deutsche Vergangenheit zuverlässig Ärger gibt. Und zwar richtig Ärger. Das war seit fast einem Jahr bekannt, hätte bekannt sein müssen. Niemand hätte es Meyer ernsthaft verübeln können, wenn er sich und sein Ensemble dem nicht hätte aussetzen wollen und die Sache rechtzeitig gestoppt hätte. Das ist sein Recht als Intendant. Wenn aber ein Intendant hinter einem Konzept steht, es wichtig findet und sich entschließt, es zu realisieren, dann hat er einfach die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Sache durchzuziehen. Der peinliche Umfaller ist in dieser rheinischen Provinzposse – denn bis zu diesem Aufreger hat das Haus in den letzten Jahren überregional ja nicht mehr großartig stattgefunden – der eigentliche Skandal. Nein, ich ergreife hier nicht Partei für Kosminski und seine Arbeit. Kann ich ja gar nicht. Denn im Gegensatz zu besagten Kreisen urteile ich nur über etwas, was ich persönlich, live und in Farbe gesehen habe. Vielleicht wäre ich auch angefressen gewesen, hätte mich geärgert und Buuuuuh geschrien bis an den Rand des Bronchialkollapses; aber das will ich gefälligst selbst entscheiden!

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Elisabet Strid (Elisabeth) und Markus Eiche (Wolfram) in Oper (links, Foto: Hans Jörg   Michel) und Konzert (rechts, Foto: Matthias Jung)

Also, bringen wir die Chronistenpflicht hinter uns, denn gesungen wurde im weiten und nahezu leeren Rund ja wenigstens noch. Und das, obwohl ja auch Wagners Musik potenziell nicht ungefährlich für Körper und Seele ist und durchaus ihre emotionalen Risiken und (Neben?)wirkungen beinhaltet… Ob der knalligen Einheitslautstärke des Orchesters hat übrigens niemand den Arzt gerufen, merkwürdigerweise. Was sich nun auf der leergeräumten Bühne vor einem Podest mit drei Reihen roter Stühle (viel mehr Bühnenbild gibt es bei Christof Loy i.d.R. auch nicht…) tat, war zwar keine Inszenierung, sondern eine Improvisation, die aber weitaus mehr Spielfreude und „action“ ausstrahlte als so manche offiziell als szenisch angekündigte Produktion; ja genau, ich denke da an Rigoletto oder I Capuleti in München! Das streifte zwar manchmal die Grenze des Privaten, ja Kumpelhaften, wirkte aber so unverkrampft und sympathisch, dass man sich auf das Spektakel einzulassen begann… Vor allem natürlich deshalb, weil größtenteil herausragend gesungen wurde. So punktete der schwedische Tenor und Ex-Rocksänger Daniel Frank in der strapaziösen Titelrolle mit einer kraftvollen Darbietung, baritonaler Grundierung und schön aufgehender Höhe und kam auch ohne Konditionsprobleme durch den Abend. Die Technik mag vielleicht zuweilen etwas unorthodox sein und der eine oder andere Spitzenton eine Spur zu tief geraten, aber das schmälerte den sehr überzeugenden Gesamteindruck nicht. Hier wurde Tannhäusers Hin-und-Her-Gerrissen-Sein zwischen den beiden weiblichen Prinzipien so nachvollziehbar und verständlich wie selten, denn mit Elena Zhidkova (Venus) und Elisabet Strid (Elisabeth) waren zwei geradezu magisch schöne Frauen aufgeboten, vollkommen unterschiedlichen Typs, aber gleichermaßen zauberhaft. Eigentlich hätte es einen nicht gewundert, wenn Tannhäuser sich im Stück geirrt und „Recondita armonia“ angestimmt hätte! Und auch vokal waren beide Damen absolut auf der Höhe: die gertenschlanke, katzenhaft-geschmeidige Russin betörte (nicht nur) den abtrünnigen Minnesänger mit ihrem pastos-metallischen, hocherotischen Mezzo und die majestätische blonde Schwedin sang Elisabeth mit glasklarem, wunderbar aufblühendem Sopran und gab ihren Tönen soviel Herzlichkeit und innere Stärke mit, dass auch in diesem Rahmen niemand unberührt bleiben konnte. Da klopfen Senta und Isolde schon hörbar an die Türe, von dieser Künstlerin wird man sicher noch hören! Und doch hätte man den Abend auch Wolfram von Eschenbach betiteln können angesichts der Glanzleistung von Markus Eiche. Das war nicht nur phänomenal gesungen, es war beinahe so etwas wie die Ehrenrettung dieser sonst so oft eher graumäusig präsentierten Rolle. Dank Eiches ausgesprochen maskuliner Stimmfarbe, seinem differenzierten Vortrag und seiner vokalen Präsenz wurde Wolfram hier zu einem echten und glaubwürdigen Gegenspieler Tannhäusers. Wenn man so will verkörpern beide Antagonisten, Frank und Eiche, einen neuen Typus von Wagner-Sänger, der ohne falsches und abgestandenes Pathos auskommt und vom Wort und von der Betonung her gestaltet, differenziert, klug, hochmusikalisch und eben dadurch berührend. Thorsten Grümbel gab einen soliden Landgrafen, wenn auch ohne die ganz große stimmliche Opulenz, unter den singenden Wartbürgern ragte Corby Welch als Walther heraus, während der Biterolf des eingesprungenen Almas Svilpa eher rustikal ausfiel.

Und dann gab es natürlich noch das Orchester. Wagner ist nun mal in der Regel Chefsache, und so stand GMD Axel Kober am Pult. Wo die Sänger einen frischen, flexiblen und modernen Wagner-Stil pflegten, da macht Kober die Rolle rückwärts und dirigiert das Werk so, wie es schon vor 20 Jahren stilistisch antiquiert war: bretthart und unflexibel im Klangbild, vollgesogen mit ranzigem Pathos und in knalliger, ohrenbetäubender Einheitslautstärke runtergedroschen. Irgendwelche Zwischentöne oder lyrischen Ruhepunkte suchte man in diesem Bracchial-Dirigat vergebens und auch ein auf-die-Sänger-Hören oder womöglich mit ihnen Atmen, war nicht angesagt. Im Sommer wird er mit dem Tannhäuser in Bayreuth debütieren; ein weiteres Indiz, wie dramatisch die Qualitätsmaßstäbe auch am Festspielhügel inzwischen gesunken sind.

Nächste Saison plant man an Rhein und Ruhr übrigens eine Neuproduktion von Lohengrin. Dann fahre ich lieber zur Premiere, man kann ja nie wissen…

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