Theater Augsburg: “Elektra” – 26.5.2013

Mit Strauss’ Elektra ist das ja so eine Sache: nur läppische 1h 40 lang, da hat der andere Richard, wenn man Glück hat, gerade mal den ersten Akt fertig… und trotzdem ist das Hardcore-Oper, ein shabby little shocker à la bonheur: Atridenfluch, Blutrache, Muttermord, Paranoia und alles andere, was der geneigte Opernfreak so liebt. In den Hauptrollen: drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, bzw. schon mittendrin, drei totale Monster, aufgetakelte Sing-Hyjänen auf Beutezug, eine Zerfleischungsorgie in Dur und moll, in der das Blut eimerweise über die Rampe fließt und diejenige verloren hat, die als erste ein piano singt… Wer da nicht bereit ist, das voll durchzuziehen, E-Dur oder Tod, der soll die Finger davon lassen. Und wer unter Oper Kuschel-Klassik oder terzenselige Gefühlssurrogate versteht, dem wird’s bei diesem Hysterical ganz gepflegt den Schalter raushauen. Angesichts der enormen stimmlichen, physischen und emotionalen Herausforderungen an die drei Protagonistinnen sollten sich eigentlich nur erstklassige Fachkräfte an das Werk heranwagen. So gesehen konnte einen schon eine gewisse Skepsis befallen, wenn ein Haus wie das Augsburger Theater diesen Kracher aufs Programm setzt… nicht selten ist man in solchen Fällen ja geneigt, das Unternehmen entweder zu belächeln oder den guten Willen für das Werk zu nehmen, als standesbewusster Landeshauptstädter und Staatsopern-Habitué zumal. Aber von wegen – hier hatte das Haus weder die eine Haltung verdient noch die andere nötig, hier wurde eine für die Möglichkeiten eines Stadttheaters mehr als achtbare Umsetzung geboten.

Ganz besonders zu loben ist dabei die Leistung des Augsburger Philharmonischen Orchesters, welches sich unter dem aktuellen GMD Dirk Kaftan enorm entwickelt hat. Auch wenn Kaftan in dieser letzten Vorstellung der Serie nicht mehr selbst am Pult stand, sondern den Taktstock an Roland Techet weitergerreicht hatte, konnte das Orchester doch auf die Einstudierung des Chefs zurückgreifen und seine Qualitäten ausspielen: einen satten und vollmundigen, aber nur ganz selten wabernden, Sound, eine gute Tiefenstaffelung und ein hohes Maß an Intonationssicherheit, auch in der Blechbläser-Abteilung. Die Tempi waren angenehm straff, ohne gehetzt zu wirken, die Musik klang durchweg homogen, die dynamischen Spitzen wurden durchaus ausgespielt, die Härten und Schroffheiten der Partitur fanden ebenso statt wie die kontemplativen Ruhepunkte. Zu dieser Leistung kann man nur gratulieren!

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Die Schreckens-Schwestern unter sich: Elektra (Elena Nebera) und Chrysothemis (Sally du Randt) – Foto: A.T. Schaefer

Ein gangbares Parkett und waidgerechte Grundlage also für die vokale Freakshow… Im Auftrittsmonolog agierte Elena Nebera in der Titelpartie noch arg verhalten, spielte hörbar noch nicht auf Sieg sondern auf Taktik, die Stimme klang etwas spröde und wenig modulationsreich und auch der folgenden Konfrontation mit Chrysothemis hätten ein paar Briketts mehr nicht geschadet… allerdings sang sie sich im Laufe des Abends zunehmend frei und überraschte im letzten Drittel doch noch mit einigen bemerkenswert strahlenden Spitzentönen. Dagegen war Sally du Randt als Chrysothemis vom ersten Ton an präsent und befreite die Rolle von der ihr sonst oft anhaftenden Passivität, auch die angeblich so liebliche Schwester ist ja in Wirklichkeit ein Monster, egoistisch und rücksichtslos ohne Ende in ihrer Gier nach kleinbürgerlichem Glück. Das übersetzte sich in du Randts temperamentvoller Gestaltung bestens, den obligatorischen Höhenjubel gabs noch obendrauf. Die Monster-Mutter Klytämnestra ist als Rolle besonders heikel, da sie vom gesamten Personal am meisten zur Übertreibung verleitet… auch Kerstin Descher entging dem nicht durchgehend, ein paar Zwischen-Lacher weniger hätten es sicher auch getan. Zumal sie dies angesichts ihres profunden Stimm-Materials auch gar nicht nötig gehabt hätte. Die Herren haben in Elektra von Haus aus nicht wirklich viel zu melden und blieben auch hier eher im Hintergrund. Im Falle von Stephen Owens Orest war das sogar wörtlich zu verstehen: da er in der Inszenierung nur als Stimme, bzw. Einbildung Elektras vorkommt, muß er aus einem Haufen von Trödel heraus singen, eine akustisch äußerst undankbare Angelegenheit. Dagegen durfte Keith Boldt als Ägisth ganz konventionell zur Türe reinmarschieren und sich niedermetzeln lassen wie Chrysothemis, Klytämnestra und der junge Diener vor ihm.

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Finale mit Lokal-Kolorit: Familie Agamemnon im Bierzelt (Foto: A.T. Schaefer)

Womit wir auch schon bei der Inszenierung von Lorenzo Fioroni sind. Je nach persönlicher Neigung ließe sich diese als „ungewöhnlich“, „seltsam“ oder „an den Haaren herbeigezogen“ bezeichnen. Nun, ich würde sagen: weitgehend sinnfrei, aber durchaus unterhaltsam. Bei Fioroni und seinem Team (Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Annette Braun) spielt die Geschichte (welche?) in einer Art geschlossener Einrichtung, einer WG für verhaltensauffällige Gestalten, irgendwo zwischen Pyjama-Party, Messie-Herberge und Drogenhöhle. Per Drehbühne werden vier verschiedene Räume dieses klaustrophobischen Systems gezeigt, das Geschehen läuft offenbar rein in Elektras Vorstellungskraft ab, die anderen Insassen/ Bewohner werden bei Bedarf zu den Personen der Handlung umfunktioniert; sobald man das Prinzip verstanden hat, darf man fröhlich rätseln, wer denn nachher wer sein wird… Orest kommt, wie gesagt, nicht vor (oder soll eines der Kinder der nämliche sein?), dafür erscheint am Schluß Agamemnon himself als Wiedergänger im Ornat eines Wehrmachtsgenerals und herzt seine sichtlich konsternierte Mörderin und Ehefrau. Auch die zuvor von Elektra gemeuchelte Chrysothemis darf wieder mittun (das sieht die Partitur halt so vor…), wie alle am Schluß in bayerischer Tracht mit Blaskapelle und Maßkrügen. Langeweile kommt zumindest nicht auf, es ist immer irgendwas los und in jeder Szene sieht man sich mit neuen Rätseln konfrontiert; warum Klytämnestra und ihre Einflüsterinnen buddhistische Rituale praktizieren oder im Flur in blutroter Farbe der Satz „Erst blechen, dann sprechen“ an die Wand gepinselt ist… Wenn man an diesem Abend nicht krampfhaft alles interpretieren und verstehen will, kann man sich durchaus amüsieren über manches Detail und das Ganze als Happening sehen, das in seinen besten Momenten an Sartre oder Beckett, in den weniger guten auch an die kleine Komödie in Knieritz a.d. Knatter erinnert. Die Musik erzählt über weite Strecken halt etwas anderes, deren archaische Wucht und Großflächigkeit findet szenisch keine echte Entsprechung, bildet aber einen bemerkenswerten Kontrast. Wenn es denn so gemeint war.

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