Das “Neue Lenbachhaus” in München

Es ist soweit, Herr Kapellmeister, bitte einen Tusch in Es-Dur! Nach vier Jahren Um- und Anbauzeit hat das „neue“ Lenbachhaus wieder seine Pforte geöffnet. Der Blaue Reiter ist wieder da, Kandinsky, Münter, Marc, Jawlenskij, Madame von Werefkin und wie sie alle heißen, dazu „Jupp“ Beuys, Franz von Stuck, Lovis Korinth und natürlich der Hausherr, der Malerfürst himself, Franz von Lenbach. Über zwanzig Jahre hatte ich das Vergnügen, den Meister quasi zum Nachbarn zu haben, bzw. in bequemer Gehdistanz zu ihm zu residieren und von den Münchner Museen war das Lenbachhaus sozusagen ein Wohnzimmer… Pardon: ein Salon natürlich! Wie viele graue verregnete Sonntage mir die Farbräusche der genannten Damen und Herren schon verschönt haben, wie oft ich einfach mal rüber gegangen bin, mir aus dero Schaffen Energie, Inspiration oder schlicht und ergreifend gute Laune zu ziehen…! Schwer, da am ersten (Wieder)besuchstag nicht sentimental zu werden.

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Links: Das neue und alte Lenbachhaus von außen, Rechts: “Wirbelwerk” von Olafur Eliasson (Fotos: Städtische Galerie im Lenbachhaus/ Studio Olafur Eliasson)

Und nun: Das neue Lenbachhaus. Nur noch wenig ist so wie es war und das war auch die erklärte Absicht. Star-Architekt Norman Forster, drunter macht man es ja nicht in der Landeshauptstadt, hat der schmucken Lenbach-Villa nicht nur einen frischen neuen Außenanstrich verpasst, sondern einen klotzig-monumentalen Anbau darangesetzt, janz in Jold, München soll schließlich leuchten. Die Cafete im Erdgeschoss, zur Brienner Straße hin, trägt den Spitznamen Gabriele Münters, „Ella“ nämlich, muß man aber nicht wissen um dort ein Heißgetränk zu konsumieren, das nach Kaffee schmeckt, aber teurer ist. Der Eingang befindet sich jetzt im Eck zwischen Alt- und Neubau und führt direkt in die neue Eingangshalle. Viel Licht, helle Parkettböden, geflutet von Sonne und Erwartungen. Die Seitenwand von Lenbachs Villa ist in die Halle integriert und über allem schwebt das Wirbelwerk, eine windhosenförmige Kolossalskulptur aus Stahl und buntem Glas des Künstlers Olafur Eliasson. Wow. Auf der anderen Seite führt eine enge Treppe in die Ausstellung. Hmm. Das sieht im Raum eher aus, als habe man sie erst vergessen und dann nachträglich noch irgendwie reingebatzt… Irgendwie unstimmig und unorganisch. Leider ein Eindruck, den man nicht zum letzten Mal hat auf dem Rundgang, immer wieder stößt man auf seltsame tote Winkel, unnutzbaren Platz (das Fachwort dafür heißt übrigens „Totraum“…), Gänge und Korridore ins Nirgendwo. Stararchitekt? Gut, dass wir drüber geredet haben. Auch viele der Ausstellungsräume hätten sinnvoller konzipiert werden können, insbesondere in den Sammlungen des 19. Jahrhunderts und der Kunst nach 1945 herrscht drangvolle Enge, es gibt ein zweites Treppenhaus, die Leute kommen ergo von beiden Seiten, einen sinnvollen Laufweg gibt es nicht, Kollisionen und Rückstaus sind unvermeidlich, ungestörtes Betrachten der Bilder an den Stirnseiten fast ausgeschlossen. Auch über die Hängung und äußerst sparsame Beschriftung könnte man diskutieren… So wirkt die düster-bourgeoise Wohnhöhle des Meisters im Mitteltrakt noch wesentlich finsterer als früher, noch „musealer“. Dafür eröffnen manche der verglasten Übergänge interessante Perspektiven auf altes Gemäuer und den nach wie vor prachtvollen Garten. Schlußendlich ist das Ganze, wie immer bei einer architektonischen Verschmelzung von Alt und Neu, weitgehend Geschmackssache. Hier ist es meines Erachtens ästhetisch sicher nicht wirklich missglückt, der konzeptionelle Mehrwert hält sich allerdings auch in Grenzen.

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Links: Ein Ausstellungsraum des Blauen Reiters, Rechts: das Environment “Aufbruch aus dem Lager I” von Joseph Beuys (Fotos: Florian Holzherr)

Zentrum und Publikumsmagnet der Ausstellung ist natürlich weiterhin das Schaffen des Blauen Reiters, jener um 1912 entstandenen Künstlergruppe um Vassily Kandinsky, Franz Marc und Gabriele Münter. Branchenführer und Publikumsmagnet, einst unverstanden und angefeindet, inzwischen längst Kult und künstlerisches Heiligtum. Oder anders ausgedrückt: einfach unglaublich tolle Malerei, an der man sich nicht sattsehen kann. Rauschhafte Farborgien bei nur angedeuteten Konturen, Verfremdungseffekte und Phantasmagorien, dionysisches Spektakel auf Leinwand. Eine Sammlung, die weltweit nicht ihresgleichen hat. Jetzt sind sie wieder da, die Munich-Murnau-All Stars. Selbstredend bilden sie den Höhepunkt der Ausstellung, versammelt oben im zweiten Stock des Neubaus. Und, siehe da, hier ist auch die Präsentation gelungen, Bilder und Räume bilden eine Einheit, die Kunst hat Luft zum Atmen und korrespondiert. Eine Flucht individuell gestalteter Räume, jeder mit einem anderen Grundriß und einem andersartigen Wandbehang, farblich auf die jeweiligen Kunstwerke abgestimmt. Na bitte, geht doch! Daß mittendrin noch ein einzelner Raum mit Werken der „Neuen Sachlichkeit“ liegt, stört zwar, aber passt doch wieder ins Bild.

Alles neu im Lenbachhaus?! Nein, zum Glück nicht alles. Und an den Rest wird man sich schon noch gewöhnen.

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