Bayerisches Staatsorchester/ Kent Nagano – 10.6.2013

Wenn eine Ära zu Ende geht, findet notwendigerweise alles irgendwann zum letzten Mal statt. So stand an diesem Abend das letzte Akademiekonzert unter der Leitung von Kent Nagano an, der ja leider erzwungenermaßen zum Saisonende seinen Posten als GMD der Staatsoper räumen muss. Glücklicherweise ist Nagano nicht der Typ dazu, sich mit Sentimentalitäten aufzuhalten; er kommt lieber zur Sache und lässt die Musik sprechen. So kamen wir noch einmal in den Genuß, ein echtes Kent Nagano-Programm zu erleben, das seine Vorlieben, seine Qualitäten und seinen ureigenen musical approach wie unter dem vielzitierten Brennglas zusammenfasste und erfahrbar machte, was München in einigen Wochen verlieren wird.

Nagano pr

 

Foto: Wilfried Hösl

Es war ein langes und sehr anspruchsvolles Programm, wie es für den Dirigenten und Musikdramaturgen Nagano kaum typischer hätte sein können: eine Uraufführung flankiert von Spätromantik, klassischer Moderne und einem Klassiker in erfrischend moderner Lesart. Dass die eine oder andere Probe mehr keine Verschwendung gewesen wäre und einige der Bläser, insbesondere die Hörner, leider nicht gerade ihren Sahne-Tag erwischt hatten, ließ sich angesichts der Fülle spannender Höreinsichten verschmerzen. Dabei hinterließ ausgerechnet das neueste Werk den belanglosesten und antiquiertesten Eindruck. Was die südkoreanische Komponistin Unsuk Chin in der hier erstmals gespielten Neufassung ihres Konzertes für Cello und Orchester auffährt, ist, mit Verlaub, kalter Kaffee und so prickelnd wie ein auf dem Tresen vergessenes Weißbier nach Sperrstunde. Eine eigenständige, authentisch-originelle Klangsprache sucht man bei Chin ebenso vergebens wie eine irgendwie geartete Idee oder Struktur. Wenn eine Musik schon unter der Leitung des begnadeten Strukturisten Kent Nagano dermaßen ins Ungefähre auseinanderfließt, dann spricht das wirklich nicht für deren Qualität… Chin hat in braver Fleißarbeit sämtliche Klangtopoi und –chiffren des späten 20. Jahrhunderts zusammengerafft, alles in einen Topf geworfen und einmal umgerührt; eigentlich genügen die ersten fünf bis zehn Minuten, um genau zu wissen wie sich der Rest anhören wird. Auch die riesige Orchesterbesetzung ist angesichts der extrem überschaubaren musikalischen Substanz eigentlich verschenkt. Das gilt vor allem für das gigantische Arsenal an Schlagwerk, das weder zur rhythmischen Strukturierung noch zur Steigerung des orchestralen Farbspektrums dient, sondern pures Alibi bleibt – wenn einem gar nichts mehr einfällt, kann man immer noch gegen die Schiffsglocke oder aufs Klangblech hauen. Nicht zu beneiden war auch der Solist Alban Gerhardt, dessen Part physisch äußerst fordernd ist und der sich mannhaft und engagiert zwischen erregtem Ostinato-Gewühl und rudimentären Kantilenen-Resten aufreiben muss.

Wie ein großer Komponist arbeitet und welch perfekte Synthese zwischen musikalischen Mitteln und emotionalem Ausdruck erreicht werden kann, zeigten nach der Pause die Orchesterstücke op.6 von Alban Berg. Nicht umsonst eines der profiliertesten und wirkungsmächtigsten Orchesterwerke der vergangenen Jahrzehnte und Nagano dirigierte es mit der von ihm gewohnten glasharten Präzision und Transparenz in Tateinheit mit jenem inneren Leuchten des Klanges, die seine Interpretationen so authentisch und wie aus einem Guss wirken läßt, so eindringlich und homogen. Jeder Takt ist nicht nur technisch bravourös umgesetzt und musiziert, er erfüllt auch sinnlich fühlbar seinen Seinszweck innerhalb der Komposition; auch die berühmten Schläge mit dem Holzhammer am Ende des Marsches sind Ausdrucksmittel und nicht Selbstzweck. Das rief natürlich Erinnerungen wach an Naganos Wozzeck-Dirigate, für mich nach wie vor einer der Höhepunkte seiner hiesigen Amtszeit, und war sicherlich auch genauso gemeint.

Einen harten und regelrecht dialektischen Kontrast setzte Nagano mit der Wahl der beiden Eckstücke im Programm: dem Adagio aus Mahlers Zehnter und der Achten Sinfonie von Beethoven. Nach einer gewissen Findungs- und Einspielphase gelang Mahlers wuchtiger Solitär so opulent und kraftvoll wie erwartet und offenbarte, bei schon grenzwertig zügigen Tempi, einen starken inneren Zug, ein machtvolles Ringen wie es für Mahler kaum typischer sein könnte. Diese innere Dynamik und Steigerungsdramaturgie liegt dem Dirigenten ohnehin und auch diesmal war der Schluß des Satzes mit seinem fast schlagartigen Verlöschen und Wiederanziehen ein echter Gänsehautmoment. Ganz im Gegensatz dazu der Beethoven: die Achte ist ja, neben den ersten drei Sätzen der Neunten, so ziemlich der unbekannteste Beethoven wo gibt und ein sträflich unterschätztes Werk. Ebenso wie ihre große Schwester, die Siebte, ist auch diese eine funkelnde Partitur voller Elan, tänzerischer Vitalität und purer Energie. Und in Naganos schwungvoller Interpretation natürlich der perfekte „Rausschmeißer“ am Ende eines langen Konzertabends. Ovationen um halb elf.

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