Carl Orff-Saal im Gasteig: “Orpheus- Variationen von Liebe und Tod” – 11.6.2013

Die Unsterblichkeit ist bekanntlich nicht jedermanns Sache und so konnte einer wie Orpheus kaum anders, als zum Mythos zu werden; genauer gesagt neben Faust und Don Juan zu einem der Hauptmythen der abendländischen Kulturgeschichte. Da war schon immer mächtig viel los und der thrakische Super-Barde immer voll dabei. Orpheuse gibt es viele, die Maestri Monteverdi, Gluck und Haydn haben die bekanntesten Opernversionen des Stoffes vom Stapel gelassen, Carl Orff hat ihn ins 20. Jahrhundert gebracht und der rheinische Wahl-Franzose Jacques Offenbach hat ihn virtuos parodiert und auf die Hörner genommen. Von den vielen anderen Adaptionen auf der Bühne und im Film ganz zu schweigen, sogar eine Opernzeitschrift und eine Plattenfirma haben sich nach ihm benannt. Orpheus und kein Ende?! Mein Orpheus! Dein Orpheus? Orpheus ist für uns alle da und man muss nicht einmal eine Mänade sein, um sich ein Stück davon abzureißen…

Und nun hat die private Theatertruppe „Das andere Opernemsemble e.V.“ wieder zugeschlagen und eine neue Version kreiert und im (erfreulich gut besuchten) Carl Orff-Saal im Münchner Gasteig vorgestellt: Orpheus – Variationen von Liebe und Tod nennt sich das Opus. Es handelt sich um eine „Opern-Collage“, zu Barockzeiten nannte man solche Best-of-Abende auch pasticcio (Pastete) und sie waren eine Kunstform für sich. Dieser Orpheus-Abend nun zeigte zwei Dinge: zum einen, dass dieses Genre durchaus eine Wiederbelebung lohnen würde, und zum anderen, was in der Landeshauptstadt auch im Windschatten der Supertanker Staatsoper und Gärtnerplatztheater musiktheatralisch möglich ist. Hier sind Idealisten am Werk und es wird mit so viel Einsatz, Spielfreude und Phantasie agiert, dass einem das Herz aufgeht. Ein großes Kompliment für das gesamte Ensemble um den spiritus rector, den (nicht nur in München) bestens bekannten Bariton Hector Guedes!

Orpheus1          Orpheus2

 

Links: Orpheus (Franz Xaver Schlecht) tanzt mit den Furien – Rechts: Eurydike (Eleni Ioannidou) und der Regisseur (Hector Guedes) – Fotos: David Burmeister)

Guedes hatte nicht nur die Konzeption und Regie des Abends übernommen (gemeinsam mit der Dramaturgin Gabriele Bodenstein), sondern auch zusammen mit dem Dirigenten Julio Miron die Einrichtung und das musikalische Arrangement der einzelnen Musiknummern. Und, als sei das nicht genug, trat er noch höchstpersönlich als Pluto sowie, in einer Art Rahmenhandlung auf dem Theater, als Regisseur auf und zeigte sich in all diesen Facetten als souveräner, vielschichtiger und mit sämtlichen Theater-Wassern gewaschener Bühnenprofi. Wie der Titel schon andeutet, wird hier nur der Abschnitt der Orpheus-Sage erzählt, der sich mit Orpheus Liebe zu Eurydike, deren Tod und dem Gang in die Unterwelt sowie dem fatalen Rück-Blick des Sängers befasst. Liebe, Tod, Verlust, Verführung, Vertrauen und Mitleid, in diesem emotionalen Kontext spielt sich diese Version ab. Die Rahmenhandlung mit dem Regisseur und den beiden Hauptdarstellern wirkte dagegen ein wenig gewollt und wurde im zweiten Teil auch nicht mehr wirklich durchgezogen. Virtuos gelungen ist die musikalische Montage: ein Großteil des Materials stammt natürlich aus den Vertonungen der oben genannten Komponisten, es gibt darin aber auch weitgehend unbekannte Klänge und einige „fachfremde“  Stücke wie Beethovens Konzertarie Ah, perfido! oder fröhliche Samba-Rhythmen für die Furien der Unterwelt. Pluto darf auch für einige Minuten in die Rolle des Nibelungenfürsten Alberich aus dem Rheingold schlüpfen, Hades meets Nibelheim… übrigens hat Nietzsche den alten Rich auch mal  den „Orpheus allen heimlichen Elends“ genannt; siehe oben. Natürlich nivellieren der Klang des 11köpfigen Orchesters und die Bearbeitung etwas die Stilunterschiede zwischen den einzelnen Ausschnitten, aber das Ergebnis ist sehr organisch, die Übergänge fügen sich wunderbar ins Gesamtgefüge ein. Das flexible und kammermusikalisch transparente Spiel der Musiker und das aufmerksame und temperamentvolle Dirigat von Julio Miron rundeten die Sache ab und ließen keine Sekunde Langeweile aufkommen.

Szenisch ergänzte Hector Guedes das Spiel der Darsteller noch um Projektionen und Filmeinspielungen, die zum einen etwas atmosphärische Verdichtung boten, zum anderen aber auch zur Illustration von Schauplätzen dienten. Leider wurde hier das eine oder andere Mal die Kitschgrenze nicht nur gestreift und auch auf das zuweilen arg esoterisch anmutende „Sounddesign“ mit Hintergrundgongs, rauschendem Wasser und seltsamen Sphärenklängen hätte ich verzichten können. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen, zumal das von den Darstellern und der intensiven Personenregie abzulenken drohte. Die Funktion des Chores in der antiken Tragödie übernimmt hier ein achtköpfiges Gesangsensemble, das die Protagonisten in Freud und Leid kommentierend unterstützt, nach der Pause aber auch als Furienchor in bundeswehrolivfarbenen Overalls die Unterwelt aufmischt. Was die jungen Künstlerinnen und Künstler, die Soprane Maria Lantzouraki und Claudia Quiroz, die Mezzi Cornelia Lanz und Monica Sardi, der Counter Nicholas Hariades, der Tenor Andreas Stauber und die beiden Bässe Roland Albrecht und Minari Urano, hier an Klangschönheit, harmonischer Ausgewogenheit und choreographischer Bravour auf die Bühne brachten, war absolut bewundernswert und sprach für intensive Probenarbeit. Die Sopranistin Eleni Ioannidou bezauberte als Eurydike in Liebe und Leid durch eine Erscheinung von klassisch-archaischer Schönheit und ihre klangvolle, dunkel timbrierte Stimme, vor allem ihre langsamen und kontemplativen Arien setzten die Höhepunkte des Abends. Ob der mythische Orpheus auch so sportiv und durchtrainiert aussah wie der an den jungen Patrick Swayze erinnernde Franz Xaver Schlecht, haben weder Ovid noch Vergil überliefert, stimmlich könnte der junge Bariton hingegen noch etwas Feinschliff vertragen.

Fazit: ein origineller und sehr kurzweiliger Abend, der einmal mehr deutlich machte, dass Oper weit mehr ist als ein Karussell aus fünf oder sechs gehypten Star-Namen. Bitte mehr davon!

Orpheus3

 

Stück ist aus, viel Applaus! (Foto: Violetta Valéry)

Weitere Aufführung: Dienstag, 18. Juni 2013, 20.00 Uhr

Weitere Info: http://www.dasandereopernensemble.de

 

 

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1 Response to Carl Orff-Saal im Gasteig: “Orpheus- Variationen von Liebe und Tod” – 11.6.2013

  1. Eine sehr schön geschriebene, fachlich fundierte Rezension! Ich finde es sehr begrüßenswert, auch Produktionen ernst zu nehmen, die weniger von staatlichen Subventionen denn von Enthusiasmus und Liebe zum Metier getragen werden. Bravo und Chapeau!

    Cantalupo

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