Münchner Philharmoniker/ Teodor Currentzis – 13.6.2013

Sollte Tim Burton mal auf die Idee kommen, in seinem nächsten Film einen Dirigenten auftreten zu lassen, er müsste nicht lange suchen. So wie Teodor Currentzis hier aufs Podium eilt und wie er seines philharmonischen Amtes waltet, das erinnert schon sehr an das skurril-spukhafte Figurenarsenal des Regisseurs: großgewachsen und geradezu beängstigend hager, mit ewig langen krakenhaften Armen, schulterlangem pechschwarzen Haar und bleichem Teint. Dazu kommt ein Dirigierstil, der mit „eigenwillig“ noch unzureichend beschrieben wäre… Und doch haben wir es hier natürlich nicht mit einer märchenhaften Spukgestalt zu tun, sondern mit einem Dirigenten, der bei allen namhaften Intendanten mit ganz oben auf dem Zettel steht, auch hier in der Landeshauptstadt erinnern wir uns an sein dämonisch-fulminantes Macbeth-Dirigat in der letzten Spielzeit. Seine Vita ist übrigens ähnlich unkonventionell, als gebürtiger Grieche studierte er in St. Petersburg, war Chefdirigent in Novosibirsk und leitet seit drei Jahren mit herausragendem Erfolg das Opernhaus im ebenfalls sibirischen Perm; ein Maestro, der in die Kälte ging!

Die Erwartungshaltung war also recht hoch. Und die Entscheidung, ein so schwieriges und komplexes Werk wie Béla Bartóks Konzert für Orchester gleich an den Anfang eines Programms zu setzen, ganz schön kess… Sowas kann eigentlich nicht gut gehen. Tat es auch nicht. Dirigent und Orchester brauchten eine ganze Weile um sich „freizuschwimmen“, das Orchesterspiel war zwar von Beginn an sauber und technisch sicher, wirkte aber noch allzu schwerfällig und wenig dynamisch, wie mit angezogener Handbremse. Currentzis hielt die Zügel zunächst sehr straff, was dem Musizieren nicht wirklich gut bekam, seine Sicht auf Bartók war erdenschwer und weitgehend humorfrei. Für den zentralen dritten Satz, das drangvoll-verzweifelte Lamento, erwies sich die Interpretation als adäquat, in den anderen Sätzen vermisste man jedoch schmerzlich die musikantische Energie und die farbenreiche Musiksprache Bartóks. Zur Pause hielt die Begeisterung sich folglich noch eher in Grenzen.

Doch danach hatten Currentzis und die Seinen dann den Schalter gefunden und boten eine fulminante und wahrlich mitreißende Interpretation von Prokofjevs 3. Klavierkonzert. Da funkelte und sprudelte die Musik nur so hervor, die irrlichternde Brillanz arbeitete er ebenso heraus wie die ironische Schärfe der Holzbläser-Soli und den sich immer wieder Bahn brechenden romantischen Tiefgang. Der Solist Alexander Melnikov folgte bedingungslos auf diese Höhenflüge, sein wunderbar klares Spiel vereinte Virtuosität, Prägnanz und Poesie. Eine absolute musikalische Delikatesse, hier hat Currentzis eine Visitenkarte erster Ordnung abgegeben!

Zum Dessert gab es schließlich noch das größte Meister-Mach-Werk der Musikgeschichte, Ravels Boléro natürlich. Der ist vermutlich das bekannteste klassische Orchesterstück überhaupt, auch wenn sogar der Komponist (halb)ironisch einräumte, es enthalte „leider gar keine Musik“ und der einzige bislang im Konzertsaal ermordete Zuhörer derjenige war, der danach „Zugaaaaabeee!“ geschrien hat… Trotzdem (oder deshalb?) machen die meisten Dirigenten gerne einen Bogen darum. Viel kann man hier tatsächlich nicht zeigen, ein wirklich gutes Orchester spielt das, einmal rhythmisch aufs Gleis gesetzt, praktisch von selbst. Die Philharmoniker zeigten alles beides, rhythmische Präzision und vielfarbige Klangkultur. Und, anders als viele Kollegen, blieb Currentzis bis zum Ende a tempo und versuchte nicht, den Effekt durch Anziehen des Tempos noch zu verstärken. Gut so, denn gerade in diesem eher breiten Tempo wirkten die letzten Wiederholungen des notorischen Themas besonders klangsatt.

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