Symphonieorchester des BR/ Andris Nelsons – 14.6.2013

So ganz spurlos geht das Wagner-Feier-Jubi-Jahr 2013 auch am Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nicht vorbei. Und da stellt sich halt die Frage, was zu tun ist… Schließlich hat der Meister so gut wie kein genuines Konzertrepertoire geschrieben, sieht man mal von so obskuren Manifestationen wie dem Siegfried-Idyll oder der Faust-Ouvertüre ab. Und konzertante Aufführungen seiner Opern oder womöglich sogar von Bruchstücken daraus hat er in heiligem Zorn kategorisch abgelehnt; um sie in Zeiten leerer Haushaltskasse dann doch zu machen. Davon ist der BR natürlich weit entfernt und wenn man so etwas macht, dann in der Luxusausgabe.

Plakat Nelsons

Puren Klangluxus ist der geneigte Stamm-Hörer von „seinem“ Symphonieorchester ja gewohnt und das war an diesem Abend unter der Leitung von Andris Nelsons nicht anders. Zur Feier des Jahres erklangen zunächst Ouvertüre und Bacchanal aus dem Tannhäuser, in ebenjener Konzertfassung, die es bei einigermaßen gegebener Konsequenz des Komponisten gar nicht geben dürfte… Schon der einleitende Pilgerchoral kam mit wunderbar luzider Klarheit, vollmundig aber nicht wabernd, und schon war klar, dass dieser Abend wieder ein Fest der Klangfarben werden würde. Anders als die meisten Tannhäuser-Dirigenten grenzt Nelsons die musikalischen Chiffren, die Pilger- und Wartburgwelt und die „sündige“ Welt des Venusberges, nicht plakativ voneinander ab, sondern setzt sie in Beziehung; das Meditative ist durchzogen von der Lust und umgekehrt.  Nelsons und das Orchester geben alles, der Dirigent mit seiner gewohnt lebhaften Pultpräsenz scheint die Musik förmlich mit Händen und Füßen aus dem Orchester herauszuziehen, zu –pressen und zu –wringen. So sinnlich, so opulent und doch klar, so kraftvoll und vital und doch vielschichtig hört man Wagner selten. In jedem Takt wird fühlbar, welch eine Bombe das für das seinerzeitige Publikum gewesen sein muss. Es ist ja auch heute noch eine. Eine Psychodroge à la bonheur und pure Lust am Schwelgen.

Das galt auch für die folgenden „Fünf Gedichte für eine Frauenstimme und Orchester“, besser bekannt unter dem Titel Wesendonck-Lieder. Dieser Zyklus taucht satztechnisch, harmonisch und atmosphärisch schon tief ein in den Kosmos des Tristan und zählt nicht umsonst seit anno Tobak zu den Chevals de bataille sämtlicher hoch- mittel- oder schwachdramatischer Soprane und solcher, die sich dafür halten. Von meinen bisherigen Begegnungen mit dem Zyklus war diese sicherlich eine der eindringlichsten, interpretatorisch vielleicht sogar die beste. Ein solches, geradezu symbiotisches musikalisches Verständnis zwischen Solistin, Orchester und Dirigent erlebt man wirklich nur selten. Angela Denoke singt nicht nur grandios, sondern erfüllt die Lieder auch bis in die letzte Hundertsechzehntelnote mit Ausdruck, die Stimme ist organisch hineingewachsen in dieses Fach und verfügt über Flexibilität, enorme Musikalität und einen sich wunderbar verströmenden, unverwechselbaren Klang. Auf ihre Auftritte als Kundry und Wozzeck-Marie in der kommenden BSO-Saison dürfen wir uns schon freuen!

Von Dingen wie Weltenwahn, Umnachtung oder gar Liebestod ist der gute Antonin Dvořák relativ weit entfernt. So gesehen, konnte man der zweiten Konzerthälfte also sehr entspannt entgegensehen, zumal Nelsons zu Dvořáks Musik ja eine ähnliche Affinität besitzt wie sein großer Lehrmeister Mariss Jansons. Im Spätsommer 1889 in seiner Sommerresidenz 80 Kilometer von Prag entfernt auf dem Land entstanden, könnte man die VIII. Sinfonie als eine Art böhmisches Gegenstück zu Beethovens „Pastorale“ bezeichnen, auch hier sind Naturschilderung, musikantischen Heiterkeit und Harmonie angesagt. Von der zeitgenössischen Kritik und den Kollegen ist der Komponist seinerzeit gescheit abgewatscht worden; ausgerechnet Johannes Brahms nölte, die Partitur enthalte „zu viel Fragmentarisches und zu viele Nebensächlichkeiten, aber keine Hauptsachen“… Na, das sagt echt der Richtige! Heute ist man da auch schon weiter und auch Nelsons nahm sich von solchen Querschüssen gar nichts an und schwelgte regelrecht in der Musik; lebhaft, schillernd, farbenreich und temperamentvoll, den ganzen melodischen Einfallsreichtum des Werkes auskostend. Sehr bedauerlich, dass von Dvořáks Sinfonien zumeist nur die notorische IX. und vielleicht noch hin und wieder die VII. gespielt werden… Wie wäre es mal mit einer zyklischen Aufführung über eine oder zwei Spielzeiten? Maestro??

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