CD: “Norma” mit Cecilia Bartoli

Von der Primadonnen-Schaukel zum Psychodrama – Neuentdeckung einer Oper

Cecilia Bartoli ist immer für eine Überraschung gut und wenn sie ein Rollendebüt gibt oder ein neues Aufnahmeprojekt vorstellt, ist eine künstlerische Sensation eigentlich schon garantiert. Diesmal geht die temperamentvolle Römerin sogar noch einen Schritt weiter und verkündet im Booklet ihrer neuesten CD-Einspielung nichts weniger als eine Revolution. Es geht um Bellinis Norma. Wie, das kennen wir schon? Wirklich? Glaube ich nicht!

Bartoli Norma

Natürlich kennt man Norma in der herkömmlichen Art und Weise; als schmalzig-pathetisch dargebotenes Vehikel für eine Primadonna mit Tenorbelästigung, eine immer haarscharf zwischen musikalischer Virtuosität und handlungslogischem Flachsinn balancierende Räuberpistole im Unfeld von Asterix und Obelix, als inhaltsleere, koloraturenselige Schmonzette für Hardcore-Melomanen. Natürlich ist das alles dummes Zeug und der Komponist Vincenzo Bellini ein höchst originelles musikdramatisches Genie mit hohem Kultfaktor, nicht umsonst zu Lebzeiten als begnadeter Emphatiker und Societylöwe gefeiert. Musikhistorisch war dieser Bellini die entscheidende Verbindung zwischen dem klassischen Belcanto Händels und Rossinis hin zu Verdi, und selbst Richard Wagner fand über die Kunst des Sizilianers lobende Worte und erkannte – soweit ihm das überhaupt gegeben war – die Verdienste des Kollegen durchaus an. Aber nicht nur die Musik Bellinis ist die pure Wonne, bei näherem Hinsehen ist auch die Geschichte längst nicht so flach und verquast, wie gerne behauptet wird; schließlich gestalteten Bellini und sein Librettist Felice Romani mit der Besatzungs-Szenerie ein topaktuelles politisches Statement, die Parallele zwischen den aufständischen Galliern gegen das römische Imperium und den unter habsburgischer Fremdherrschaft stehenden Italienern in den 1830er Jahren ist nur allzu deutlich. Und wir kennen Norma auch als eine der ganz großen Diven-Rollen der italienischen Oper; Gencer, Sutherland, Caballé, Zampieri und natürlich vor allem Maria Callas heißen hier die Fixsterne und Vorbilder. Gerade letztere hat unser aller Norma-Bild akustisch und ikonographisch geprägt wie es selten einer Sängerin in irgendeiner Partie gelungen ist; auratisch, unwiederholbar und überlebensgroß. Stark vermintes Terrain also für jede Newcomerin…!

So, genug jetzt der Vorreden und Exkurse! Furchtbar, immer diese Theaterwissenschaftler… Wie ist denn die neue Aufnahme mit der Bartoli? Ganz ehrlich? Antwort: Revolutionär. Aufregend. Maßstabsetzend. Ja natürlich, man muss seine Hörgewohnheiten über Bord werfen und sich dieser Lesart öffnen, vergessen, was man bisher über Norma zu wissen glaubte. Was Bartoli und ihre Mitstreiter hier musikalisch erzählen, ist erfrischend anders, ungemein lebendig und sprachmächtig, spannend wie ein Thriller. Das Stück wird vom ersten bis zum letzten Takt ernstgenommen und durchgestaltet, die Textverständlichkeit ist enorm, eigentlich braucht man weder das Textbuch noch profunde Italienischkenntnisse, um der Handlung folgen zu können, so dialogisch wird hier musiziert. Grundlage dieser Einspielung, wie auch der Salzburger Inszenierung zu den diesjährigen Pfingst- und Sommerfestspielen, ist die neue quellenkritische Edition von Maurizio Biondi und Riccardo Minasi. Die im Laufe der Aufführungsgeschichte angehäuften Fehler und Schlampereien werden konsequent entsorgt, Striche geöffnet, Transpositionen korrigiert und die originalen Tonarten, Stimmdramaturgie und Temporelationen wieder hergestellt. Back tot he roots, Bellini reloaded! Nicht nur das Finale des ersten Aktes ist gegenüber der üblichen Version völlig verändert, auch sonst klingt vieles anders als gewohnt, freier, klarer, intimer und schnörkelloser.

Schon die einleitenden Sforzati der Ouvertüre klingen hier wie Kanonenschüsse und Dirigent Giovanni Antonini legt mit dem bewährten Orchestra La Scintilla los wie angestochen, in einem aufsässig-virtuosen Wirbel jagt die Ouvertüre vorüber und die Druidenchöre kommen mit geradezu paramilitärischer Präzision, hier hört man deutlich, wo Verdi das her hatte. Wie schon im Salzburger Giulio Cesare letztes Jahr setzt Antonini auch hier auf extreme Tempokontraste, zieht in den Cabaletten und Aktschlüssen halsbrecherisch an, kostet aber die lyrischen Ruhepunkte aus bis an den Rand des Stillstandes. Das mag hier und da etwas zuviel des Guten sein, aber die Konsequenz und kammermusikalische Transparenz des Orchestersatzes überzeugt ebenso wie die präzise Diktion des Chores mit dem leicht obskuren Namen „International Chamber Vocalists“.

norma szene

Cecilia Bartoli (Norma) und John Osborn (Pollione) – Pfingstfestspiele Salzburg 2013 (Foto: Hans Jörg Michel)

Diese konsequente Entschlackung ist auch für die Sängerbesetzung entscheidend, statt großem Opernpathos findet hier ein gnadenlos spannendes Kammerspiel zwischen emotional bis zum Siedepunkt erhitzten Charakteren statt. Schon von daher wäre es idiotisch, Cecilia Bartoli und Maria Callas (oder sonst eine der genannten) zu vergleichen oder gar gegen einander auszuspielen, es sind einfach zwei grundverschiedene Interpretationen, die beide gültig sind und uns begeistern können. Die Norma der Bartoli ist weniger heroische Priesterin und Führungsfigur, als vielmehr eine bedingungslos liebende Frau, die trotz Charisma und politischer Macht auch Schwächen und Zweifel kennt, der zerstörerische Konflikt zwischen patriotischer Emphase und der Liebe zu einem Feind ist vom ersten Takt an spürbar, mit der ihr eigenen schier unerschöpflichen Fülle von Ausdrucksnuancen und Farbvaleurs bietet Bartoli ein Rollenporträt von faszinierender Präsenz und schonungsloser Glaubwürdigkeit. Eines von vielen Beispielen ist gleich Normas erster Auftritt: anders als die meisten Vorgängerinnen gestaltet Bartoli das Accompagnato-Rezitativ „Sediziose voci! Voci di guerra“ nicht als pathetische Machtdemonstration, sondern als sachlich-beherrschten Appell, von dem sich die folgende berühmte „Casta diva“-Arie klanglich wie emotional dann entsprechend absetzt; hier öffnet sie sämtliche Schleusen ihrer delikaten Gesangskunst, schmiegt sich förmlich hinein in Bellinis lang geschwungene Melodiebögen und trägt ihre wunderbare Stimme spielerisch leicht und unangestrengt in die Höhe, ein wahrer Exzess vokaler Lyrik wie ihn eigentlich nur Bellini erfinden konnte. Hier sind Sängerin und Hörer völlig „drin“ im Stück, in der Psyche der Figur, im emotionalen Zentrum des Werkes. Ein Glücksmoment! Und zwar nicht der einzige. Ob der eine oder andere Hörer an manchen exponierten Stellen jetzt gerne noch einen Löffel mehr Durchschlagskraft und Squillo hätte, geschenkt! Ich bin sicher: hätte Bellini Cecilia Bartoli gehört, er hätte umgehend zur Feder gegriffen und ihr weitere Glanzpartien in ihre begnadete Kehle komponiert…

Vom Höreindruck ungewohnt ist die Besetzung der Adalgisa mit einem hellen Sopran, vor allem in den beiden großen Duettszenen mit Norma wirkt dies zunächst sehr irritierend. Historisch ist das allerdings korrekt und macht auch stimmtypologisch und -psychologisch Sinn, daß die junge Novizin vom Timbre her heller und jugendlicher klingt als die reifere Oberpriesterin. Sumi Jo verfügt über die entsprechende Virtuosität und ergänzt sich bestens mit Bartoli. Natürlich ist auch Pollione hier nicht, wie früher so üblich, mit einem Otello-gestählten Testosteron-Monster à la Corelli oder del Monaco besetzt, sondern mit einem Rossini-Tenor, wie ihn auch Bellini zur Verfügung hatte. John Osborn singt die Partie sehr kultiviert und musikalisch sicher, für den Erzmacho und Krieger hätte ich mir allerdings schon eine etwas virilere und strahlendere Stimme gewünscht. Die „konventionellste“ Besetzung ist sicherlich Michele Pertusi als Oroveso, der mit Bassfülle, schöner Linienführung und Stilkompetenz einmal mehr zeigt, daß er im Fach Belcanto und italienische Frühromantik zu den Marktführern zählt. Abgerundet wird das Ensemble durch die fast luxuriös besetzten Comprimarii von Liliana Nikiteanu (Clotilde) und Reinaldo Macias (Flavio).

Decca 478 3517

http://www.deccaclassics.com

http://www.ceciliabartolionline.com

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2 Responses to CD: “Norma” mit Cecilia Bartoli

  1. rotkehlchen says:

    Toller Beitrag – ich liebe die Bartoli, einfach weil sie sich an neue Sachen heranwagt und viel sympathischer ist als beispielsweise eine Netrebko… danke für die Rezension, ich muss echt mal reinhören 🙂

  2. Sólveig says:

    Thanks for this honist critiquie, it’s nice to read a critique from someone that is well informet in classical music. Signora Bartoli in my favorite and I do agree with you about the new Norma cd. It’s a piece of art and I’m grateful that all those great artist made this wonderful cd.

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