Bayerische Staatsoper meets Filmkunst: “The Bear/ La voix humaine” im Theatiner – 23.6. 2013

Die Theatiner Filmkunst mag für manche ein Kino sein, für andere ist es schlichtweg eine Kultstätte; Münchens letzte Bastion der cineastischen Hochkultur gegen die Vulgarität der Multiplexe. Praktischerweise liegt es, gut versteckt unter einer Passage, kaum hundert Meter Luftlinie vom Nationaltheater entfernt. Rein räumlich gesehen, ansonsten lagen bislang Lichtjahre dazwischen. Was Wunder, ist doch das Verhältnis zwischen Oper und Kino, diesen beiden Traumfabriken und Sehnsuchtsorten, diesen stämmigen Ästen der Unterhaltungsindustrie, alles andere als unproblematisch. Denn natürlich begegnen sie sich, beeinflussen und inspirieren sich; ob sie das wollen und es sich bewußt machen oder auch nicht. Da gibt es Filmregisseure, die plötzlich Opern inszenieren, oder zumindest so tun, da wird auf der Opernbühne mit Videokunst, Projektionen und Filmeinspielungen gearbeitet und gezielte Bildzitate aus der Welt des Kinos eingesetzt, etwa wenn der Minister in Bietos Münchner Fidelio-Inszenierung in der Maske des Jokers aus Christopher Nolans The Dark Knight erscheint (was die meisten Opernkritiker nicht zu dechiffrieren vermochten)… Und auf der anderen Seite wird auch die Musik als cineastischer Ausdrucksträger immer wichtiger und opernhafte Momente prägen viele moderne Filme. Und dann gibt es auch noch das, mittlerweile etwas aus der Mode gekommene, Genre des Opernfilms, technisch aufwändige Verfilmungen beliebter Opern. In ca. 98 Prozent der Fälle ist letzteres schiefgegangen und hat uns so gruselige Produkte wie Francesco Rosis Carmen oder zuletzt Jens Neuberts Freischütz beschert. Und doch funktionieren sie so unterschiedlich, sind die technischen Produktionsprozesse wie auch die Rezeptionsbedingungen grundlegend andere. Einen Film kann man sich immer wieder und wieder anschauen – zum 500. Mal Casablanca oder zum 364. Mal Lord oft he Rings, kein Problem. Der Film bleibt immer derselbe, jeder Akzent, jede Geste, jede Lichtstimmung. Dagegen gleicht keine Bühnenaufführung der anderen, der 500. Don Giovanni ist ebenso ein Unikat wie der allererste und selbst wenn an fünf Abenden einer Serie dieselbe Besetzung auf der Bühne steht, ist keine Aufführung mit den anderen identisch. Über diese Kluft zwischen beiden Kunstformen kommt man nicht drüber, no chance.

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Das “Trio infernale”: Heiko Pinkowski, Stefanie C. Braun und Peter Trabner in “The Bear” (Foto: Wilfried Hösl)

Es sei denn, es sei denn… man wagt eine Quadratur des Kreises. Nicht weniger haben nun die Bayerische Staatsoper und die Produktionsfirma „Sehr gute Filme“(!) versucht. Was man dafür braucht: profunde Genrekenntnisse auf beiden Seiten, eine zündende Idee und eine gewisse Portion positiver Beklopptheit und Hybris. Na, wenn es weiter nichts ist?! Der junge Berliner Filmemacher und bekennende Opernenthusiast Axel Ranisch scheint über all das in reichem Maße zu verfügen und hat tatsächlich eine gewisse Synthese hinbekommen. Wie soll man das Ergebnis nun nennen? Kino-Oper, Opernfilm, Happening oder Performance? Auf jeden Fall hat es sakrisch viel Spaß gemacht! Ranisch verknüpft in seinem Projekt zwei Kurzopern aus dem 20. Jahrhundert, nämlich William Waltons „Extravaganz in einem Akt“ The Bear und Francis Poulencs Monodram La voix humaine. Abgesehen von einer gewissen dramaturgischen Eigenwilligkeit und der Tatsache, dass in beiden Stücken eine unglückliche und verlassene Frau im Mittelpunkt steht, haben beide absolut nichts mit einander zu tun. Großartige Voraussetzung also, um hier etwas wirklich Eigenes und Originelles zu schaffen. Den Walton hat Ranisch zunächst schlicht und ergreifend verfilmt, in einer monströs plüschig- überladenen Szenerie, als ironisch immer wieder durchbrochene Kitschorgie in gelblichem Dämmerlicht. Die Geschichte geht, mal wieder, auf Anton Tschechow zurück: eine junge Gutsbesitzerwitwe wird von einem Gläubiger ihres Verblichenen aufgesucht und findet in diesem am Ende des Tages einen neuen Liebhaber; freilich erst nach einem aufreibenden und gnadenlos komischen Psychokrieg, der beinahe in einem Duell mündet. „Extravaganz in einem Akt“ fürwahr. Das wäre alleine schon ein wunderbar hintersinniges und absurdes Spektakel, aber Poulencs szenischer Monolog fügt dem noch eine Dimension hinzu. Denn dieser findet live im Kino statt und unterbricht zweimal den Film um an dessen Ende dann selbst den Abend abzuschließen. Der gesamte Kinosaal wird als Spielfläche genutzt, Personen treten aus dem Film hinaus in den Raum und wieder zurück (Woody Allens Broadway Danny Rose läßt grüßen…), erzählte Zeit und Erzählzeit entsprechen sich: während der Live-Performance steht die Handlung auf der Leinwand nämlich still, und zwar nicht als Standbild, sondern bei weiterlaufender Kamera. Hab ich so auch noch nicht gesehen. So sieht man etwa die Witwe Popova lesend auf dem Sofa, während sich Poulencs Protagonistin hektisch telefonierend (das Werk besteht aus einem großen Monolog, einem letzten Telefonat der Frau mit ihrem vormaligen Geliebten) durch die Sitzreihen zwängt und sich schließlich selbst ins Gesicht blickt – denn natürlich werden beide Frauenrollen von derselben Darstellerin verkörpert, der großartigen Sopranistin Stefanie C. Braun. Mit ihrer farbenreichen Stimme, ihrer umwerfenden Präsenz und vis comica und ihrer unglaublich wandlungsfähigen Schauspielkunst auf Leinwand und Bühne (wie viele Opernsängerinnen fallen einem ein, von denen man ein brauchbares Close-up drehen kann? Eben!) trägt sie das gesamte Konzept. Wie das bei großen Bühnenkünstlern so ist, gehen auch hier Singen und Spielen ineinander über, verschmelzen zu einer Einheit. Sie ist das Kraftfeld des Abends und gibt über 90 Minuten ein virtuoses Duett mit sich selbst, ein Zwiegespräch zwischen Trauer, Abstoßung, Anziehung, Ironie und schieferer Bedeutung. Das gilt gleichermaßen für die überspannte und völlig irrationale Tschechow-Figur wie für diejenige von Poulenc; wie Stefanie C. Braun hier deutlich macht, wie inmitten des zunächst banalen Geplauders die ersten Risse aufbrechen, wie infam manipulativ das Ganze eigentlich ist und wie existenziell verzweifelt es endet, das ist, jawohl, ganz großes Kino! Im wahrsten Sinne des Wortes. Und Poulencs Musik ist alles andere als einfach zu singen, zumal die extrem trockene Akustik des Kinosaales nicht wirklich hilfreich ist und die stark modernisierte deutsche Textfassung nicht immer unsperrig aus der Kehle fließt… Sophie Reynaud am Klavier erwies sich da als souveräne und sichere Wegbegleiterin durch den aberwitzigen Psycho-Dschungel, ebenso wie bei Walton das Kammerorchester unter der Leitung von Richard Whilds.

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Stefanie C. Braun im Gespräch mit sich selbst (Foto: Wilfried Hösl)

Als zweite direkte Verbindung zwischen den Ebenen fungiert die Figur des Dieners Luka, der hier auch in der Live-Aufführung als stumme Rolle mitspielt und dabei häufiger direkt die Seiten wechselt. Der Schauspieler Heiko Pinkowski gibt dieses stumme Faktotum, das direkt aus einem Marthaler-Stück entlaufen sein könnte, mit stoischer Präsenz und viel Mut zur skurrilen Aufmachung in kurzen Hosen und einer riesigen Nerd-Brille. Manchmal muß man gar nichts sagen um zu wirken… Stimmlich gedoubled wird Pinkowski von Tareq Nazmi aus dem Ensemble der Staatsoper. Dieser, wie auch der Bariton Wiard Witholt und die Sopranistin erscheinen in ihrer Eigenschaft als Sänger auch immer wieder in Form gerahmter Vignetten in den Film eingeblendet; nicht ganz neu, aber immer noch gern genommen.  Den titelgebenden Bären im Film gibt Peter Trabner angemessen vollbärtig und mit urwüchsiger Landjunker-Attitüde. Hier hat wirklich type-casting in Reinkultur stattgefunden.

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Ist das hier ein Film, oder was? (Foto: Wilfried Hösl)

Schade nur, dass so wenige aus der Oper bekannte Gesichter den kurzen Weg hinüber gefunden hatten; so war es für das cineastische Stammpublikum ein echtes Heimspiel. Lag es daran, dass dieses von Haus aus etwas experimentierfreudiger veranlagt ist oder an der nahenden Trovatore-Premiere? Schließlich muss für Anja & Jonas das Styling aufgefrischt, die Kleidchen flottgemacht und der gute Anzug aufgebügelt werden…! Vielleicht erleben wir ja auch am Max-Joseph-Platz mal wieder ein wenig vom frechen Witz und der Spielfreude dieses köstlichen Experimentes? Wär doch schön.

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