Bayerische Staatsoper: “Das Rheingold” – 13.7.2013

Wogende Wellen wallen wieder zur Wiege…

Auch wenn die letzten beiden Ring-Zyklen erst ein halbes Jahr her sind, strömte die Gemeinschaft des Ringes auch bei hochsommerlichen Temperaturen wieder am Max-Joseph-Platz zusammen; die Saga beginnt von neuem, das Gold ward dem Riff entrissen, der rächende Ring geschmiedet und wallende Wogen wellen und wiegen sich wieder in wonniger Wucht… Auch Freund Loge zeigte sich wieder am Amt und heizte die Schmiede schon mal ein für diesen und die kommenden Ring-Abende. Dann muss bei der Betriebstemperatur allerdings erheblich nachgebessert werden, dieser Vorabend blieb in allen Disziplinen erheblich unter den Erwartungen.

Regisseur Andreas Kriegenburg, in München nicht zuletzt durch seine phänomenale Wozzeck-Inszenierung aktenkundig, geht hier back tot he roots, mit bemerkenswerter Souveränität hat er den mythologisch-ideologischen Ballast rund um das Werk abgeräumt und den Ring tatsächlich auf Anfang gesetzt: auf die Bühne als solche, den freien Raum, das Theater als selbstdefinierten Sehnsuchtsort und Produktionsprozess (Bühnenbild: Harald B. Thor). Die räumliche Unbestimmtheit und vielfache Deutbarkeit der Shakespeare-Bühne steht hier unübersehbar Pate, gewürzt mit einer Prise epischen Theaters à la Brecht und einem Schuss antiker Tragödie. Von der Kritik wird so etwas gerne unter der Rubrik „Minimalismus“ abgeheftet, doch trifft dieses Etikett hier nicht wirklich. Zum einen ist diese Produktion technisch erheblich aufwändiger als sich dies auf den ersten Blick übersetzt und zum anderen bezieht der Abend gerade aus dem Dualismus zwischen Groß- und Kleinform einen guten Teil seiner theatralen Spannung. Auch wenn Personenführung und –charakteristik sicherlich noch eine Spur prägnanter hätten ausfallen können, so wurde doch die Handschrift des Bühnenprofis jederzeit deutlich, Kriegenburg weiß genau, wie man Darsteller führt und sinnstiftend bewegt, organisch, flüssig und ohne Löcher im Handlungsablauf. So entwickelt sich ein filigranes Kammerspiel, ein echtes Konversationsstück mit Musik, eine Interpretation von großer dialogischer Qualität, die der Phantasie des Zuschauers, wie von konservativen Publikumskreisen ja so gerne eingefordert, durchaus Raum zur Entfaltung gibt, ohne sich in postmoderner Beliebigkeit zu verlieren. Statt auf Bebilderung setzt die Regie auf Bevölkerung des Raumes: das zentrale Bildelement ist nämlich ein lebendiges, eine knappe Hundertschaft fescher und gutgebauter Jungfrauen und Jungmänner, die sich als Kollektiv permanent verwandeln und sämtliche Schauplätze und Naturereignisse der Handlung suggerieren: von der weißgewandeten Picknick-Gesellschaft im (stummen) Vorspiel über die Wogen des Rheins, den „garstig glatten glitschgen Glimmer“ bis zu den Mauern von Walhall und das reinigende Gewitter. Das wirkt spielerisch leicht und als Theaterereignis zugleich verblüffend einfach und einfach verblüffend. Kriegenburg gelingt über weite Strecken das Kunststück, Wagner und seine Szenenanweisungen beim Wort zu nehmen und diese doch ganz neu und frisch zu deuten. Auch die Regie-Prüfsteine Gold, Drache und Kröte sind überzeugend und sinnfällig gelöst. So sind es nur wenige Details, die im Gesamtzusammenhang weniger überzeugen und etwas beliebig wirken, der versenkbare Tresor mit dem Goldschatz etwa oder die arg pittoresk-putzig geratenen Lemuren, die Erda zum Auftritt begleiten. Aber das sind tatsächlich, wie Walvater sagen würde, „Neidlichkeiten“, die den guten Eindruck dieses Vorabends nicht nennenswert trüben. Allerdings ist eine gewisse Präzision vonnöten, damit sich das Konzept übersetzt; und wenn offenbar nur noch jeder zweite Statist weiß, was er wann zu tun hat, wird es schnell peinlich. An diesem Abend klemmte und ächzte es an allen Enden, im ersten Bild fiel das Licht einmal komplett aus und auch danach stimmte mit der Beleuchtung kaum noch etwas. Und auch sonst, da wurden Requisiten auf der Bühne vergessen, Laufwege stimmten nicht, es herrschte fröhliches Chaos. Das Ganze ähnelte eher einer Durchlaufprobe als einer Festspielaufführung zu Höchsttarifen, für die bis zu 163 Euronen pro Nase abkassiert wurden… Und das ist schlicht eine Frechheit!

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Am Grunde des Rheins und auf wolkigen Höhen… (Fotos: Wilfried Hösl)

Aber auch Kent Nagano am Pult, sonst das Herzstück jeder Ring-Aufführung, tat sich diesmal immens schwer, seine auf Transparenz, Luzidität und dialogische Natürlichkeit setzende Interpretation zu realisieren. Intonationsprobleme und Patzer beherrschten das (Klang)bild, die Musik wollte nicht richtig fließen und geriet immer wieder ins Stocken und es kam zu erheblichen Längen. Ausgerechnet bei Wagner und in den Festspielen das Orchester zu einem erheblichen Teil mit Aushilfen zu besetzen ist alles andere als angebracht; oder sollte es sich um ein gezielt ins Nest gesetztes faules Ei gehandelt haben? Ärgerlich wars auf jeden Fall!

Sängerisch begann der Abend durchaus verheißungsvoll, ein so stimmschönes und auf hohem Niveau homogen singendes Rheintöchter-Terzett wie Hanna-Elisabeth Müller, Angela Brower und Okka von der Damerau hört man selten; verständlich, dass Alberich auf dieses bezaubernde „feuchte Gezücht“ abfährt! Dieser war mit Tomasz Konieczny prägnant besetzt, auch wenn eine anfangs belegt und etwas knorrig klingende Tiefe auf eine leichte Indisposition hindeutete. Spätestens in der Nibelheim-Szene hatte er sich dann freigesungen und trumpfte eindrucksvoll auf; Pech war ein heftiger Aussetzer ausgerechnet am Ende des Fluchmonologs… ist halt live und unplugged, kann passieren. Zweiter Aktivposten des Abends war wie immer der agile Loge von Stefan Margita. Optisch kommt er daher wie eine Mixtur aus Franz Liszt, Klaus Kinski und Freddie Frinton und gestaltet den irrlichternden Außenseiter im Götter-Clan mit virtuoser Häme und scharf charakterisierendem, in der Höhe zuweilen ins Grelle tendierenden, Tenor. Johan Reuter ist seit der Premiere spürbar in die Partie des Wotan hineingewachsen, sein klangschöner und kultivierter Bariton hat an Volumen und Präsenz hinzugewonnen. Dennoch fehlt für Stellen wie „Vollendet das ewige Werk“ oder „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ noch der letzte „Kick“, die opulente Strahlkraft eines echten Heldenbaritons. Ansonsten herrschte das Mittelmaß, der große Schwachpunkt bleibt nach wie vor die Firma Fasolt & Fafner, sowohl der schmalspurige und zu baritonal gefärbte Thorsten Grümbel als auch der blasse Steven Humes blieben weit hinter den Ansprüchen, die man an einem ersten Haus stellen darf und muss! Zumal es da an Besetzungsalternativen nun wahrlich nicht mangelt…! Nicht wirklich glücklich bin ich auch nach wie vor mit der Fricka von Sophie Koch, deren sonst so samtweicher Mezzo hier wieder flackernd und kurzatmig klang. Technisch gab es bei Catherine Wyn-Rogers’ Erda wenig auszusetzen, für meinen Geschmack ist die Stimme für diese Rolle allerdings zu hell und zu wenig „geheimnishehr“ im Timbre. Die Nebengötter waren mit Aga Mikolaj (Freia), Sergej Skorokhodov (Froh) und Levente Molnar (Donner) ebenso rollendeckend besetzt wie Mime mit Ulrich Reß.

Der übliche frenetische Wagner-Applaus. Aber an den nächsten Ring-Abenden müssen nicht nur ein paar Briketts draufgelegt werden, sondern ein halber Kohlenkeller.

 

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One Response to Bayerische Staatsoper: “Das Rheingold” – 13.7.2013

  1. source says:

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