Bayerische Staatsoper: “Die Walküre” – 14.7.2013

Na bitte, es geht doch! Zum zweiten Abend der Saga wirkten auch der Maestro und das Staatsorchester wieder mit, in der gewohnten Besetzung und in formidabler Verfassung. Im ersten Akt waren noch kleinere Wackelkontakte zu verzeichnen, doch spätestens mit dem Umzug auf Walhalls wonnige Höhen war das Tal durchschritten und Kent Nagano und die Seinen blühten richtig auf. Wo manch andere Kollegen auf klanglichen Pomp und Überrumpelung setzen, da differenziert und analysiert Nagano, statt lodernder Glut waltet innere Erleuchtung. Wie immer fächert er die Partitur auf bis in die kleinste Nebenstimme, macht hörbar, leuchtet aus. Der Klang ist leichter, die Tempi rascher, im Finale entfaltet er einen flirrend-impressionistischen Klangzauber wie nicht von dieser Welt, einen erstaunlich unpathetischen, aber umso ergreifenderen Abgesang auf Walhall und Wotans Heldenidee. Naganos Blick auf Wagner ist radikal unsentimental und kommt von der Warte des 20. Jahrhunderts, Transparenz ist bei ihm nicht nur ein akustisches und (spiel)technisches Phänomen, sondern auch ein geistiges. Ein Anspruch und eine Vergegenwärtigung, die nicht vielen Dirigenten eigen ist! Dass die brodelnde Leidenschaft und erotische Raserei des ersten (Geschlechts)aktes nicht unbedingt seine Welt ist, ist nicht neu und lässt sich angesichts der folgenden musikalischen Einsichten verschmerzen.

Dass das Wälsungenblut diesmal eher auf Sparflamme blühte, lag aber nicht nur am Orchester, sondern auch am Protagonistenpaar, die beide stimmlich wie darstellerisch eher bieder rüberkamen und wenig erotisches Fluidum ausstrahlten. Natürlich gibt es weitaus schlechtere Siegmund-Tenöre als Simon O’Neill (wir erinnern uns mit kaltem Grausen an die Premierenbesetzung), der die Rolle immerhin sicher bewältigt. Von Timbre und Tongebung her ist er für mich allerdings eher ein Charakter- denn ein Heldentenor, die Stimme klingt über weite Strecken eng und nasal, von heroischem Glanz ist wenig zu hören. Auch Petra Lang ist als Sieglinde zwar kein Ausfall, aber auch keine wirklich überzeugende Besetzung. Die Künstlerin pendelt ja derzeit zwischen ihrem angestammten Mezzo-Repertoire und Ausflügen ins hochdramatische Fach. Ob das der Stimme wirklich gut bekommt, bezweifle ich; ihre Sieglinde jedenfalls klang unausgeglichen und in den Randlagen arg flackernd, die Stimme wird mit viel Druck geführt und neigt daher im Forte zur Sprödigkeit. Im Gegensatz dazu strotzt Hans-Peter Königs imposanter Hunding nur so von natürlicher Klangfülle und Geschmeidigkeit, allerdings könnte er im Auftreten mehr Authorität vermitteln.

BSO Walküre Terfel Walvater in Aktion: Bryn Terfel als Wotan (Foto: Wilfried Hösl)

 

Und dann begann der zweite Akt. Schon die Orchestereinleitung hatte einen ganz anderen Drive und dann… ging der Vorhang auf und Wotan war da. Und zwar schon vor dem ersten gesungenen Ton. Bryn Terfel gehört zu den ganz wenigen Sängern, die schon mit ihrer puren physischen Präsenz das Licht anknipsen und dem Abend etwas hinzufügen, was vorher nicht da war. Zusammengefasst: Terfel ist als Wotan derzeit das Maß der Dinge. Die Fülle an klangfarblichen Nuancen, an dynamischen Schattierungen und Wortbetonungen ist eine Sensation; vor allem auch noch bei einem Nicht-Muttersprachler! Dieser Wotan hat die ganze Palette drauf: er kann das Haus in heiligem Zorn mit der ganzen Wucht seiner Prachtstimme fluten und die renitente Göttertochter zur Minna machen, dass man noch auf der Galerie den Kopf einzieht, er beherrscht alle Finten und Manipulationen des ehelichen Kleinkrieges (Pech, nur, dass Göttergattin Fricka das noch besser kann…) und er verströmt in seiner großen Abschiedsszene eine so abgrundtiefe melancholische Innigkeit, dass es einen kaum noch auf den Füßen hält. Ein Gott, ein Dämon, ein Verführer. Die Tragödie des gescheiterten Weltenherrschers, sein politischer und menschlicher  Zusammenbruch vollzieht sich direkt vor uns, wir sind live dabei. Natürlich bedarf es dazu einer intakten und technisch grandios beherrschten Stimme von außerordentlicher Qualität plus der entsprechenden Persönlichkeit und künstlerischen Intelligenz; aber auch eines kongenialen Partners am Pult, der diese Ausleuchtungen der Rolle mitträgt und das Orchester entsprechend differenziert führt und einsetzt. So konnte sich Terfel erlauben, die entsprechenden Teile seiner Monologe in wunderbar zartem piano zu singen, das war Wagner für Liebhaber und Kenner, Wagner von innen, Wagner wie ich ihn hören will und leider zu selten höre!

Definitiv nicht hören möchte ich dagegen das, was Katarina Dalayman aus der Brünnhilde macht, bzw. was ihr ausgesungenes Material ihr noch zu machen erlaubt. Auch wenn die Tongebung diesmal etwas kontrollierter wirkte als in der Premierenserie und die Mittellage mehr Stabilität hatte, so war das Debakel unvermeidlich sobald es in die höheren Lagen ging – und da liegen nun mal die spielentscheidenden Passagen. Diese Wunschmaid ließ am Ende des Tages zu viel zu wünschen übrig; heißt es womöglich deshalb so? Gegenüber dem Vorabend – hier ja durchaus in doppeltem Wortsinn! – deutlich verbessert zeigte sich Sophie Koch als Fricka. Nicht zum ersten Mal übrigens, dieser zweite Teil scheint ihr einfach mehr zu liegen. Fröhlich bei der Sache zeigte sich das Oktett der der singenden Bergziegen… ähem, Walküren wollte ich sagen.

BSO Walküre VorhangGötter und Helden lassen sich feiern: v.l.n.r.: H.-P. König, P. Lang, S. O’Neill, S. Koch, K.Dalayman undB. Terfel – (Foto: Wilfried Hösl)

Szenisch bleibt die Walküre innerhalb von Andreas Kriegenburgs Ring-Inszenierung nach wie vor das schwächste Glied der Viererkette. Nach dem so interessant, phantasievoll und kurzweilig gelungenen Rheingold lahmt die Fortsetzung leider erheblich, vor allem der zweite und dritte Akt enthalten erheblichen Durststrecken und szenische Durchhänger, fast konzertante Zwanzigminüter. Ganz besonders bedauerlich ist, dass der Regisseur seinem Konzept, mit lebenden Bildern in Gestalt des Bewegungschores zu arbeiten, bereits am zweiten Abend offenbar nicht mehr richtig getraut hat. Zwar tritt die schon bekannte Komparsen-Hundertschaft auch hier wieder in Aktion, allerdings nicht durchgehend und wenn, dann meist nur als dekorative Staffage und nicht als substanzieller Bestandteil der szenischen Erzählung. Ob als „Lichtfrauen“, als Servicekräfte oder die schon aus Nibelheim bekannte Feuerschlange… etwas alibimäßig kommt das alles rüber. Jaaa… und dann ist ja auch das ominöse Pferdchen-Ballett noch da. Erstaunlicherweise, normalerweise fällt so etwas ja gerne mal unter den Tisch sobald man vom Regisseur die Rücklichter sieht. Wer es noch nicht kennt: bevor der dritte Akt traditionellerweise mit dem Walkürenritt startet, gibt es hier eine fünfminütige Stampf- und Tanzeinlage mit ohne Musik. Eigentlich sogar ganz witzig als Idee, nur leider entschieden zu lang und von schlechtem Timing. Auch diesmal war das wieder die Gelegenheit für die Wagner-Schutzpolizei, das gesunde Volksempfinden in Form von Buhs und Pöbeleien zu demonstrieren. Einfach mal eine Idee haben, die nicht im Libretto steht? Also, das geht ja wirklich nicht, was erlaubt sich der Typ, könnte ja jeder kommen… Jetzt kommt als nächstes der liebe Sigi um die Ecke, sein Personalmotiv haben wir ja heute schon gehört; übrigens einer der schönsten Momente der Partitur.

 

 

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1 Response to Bayerische Staatsoper: “Die Walküre” – 14.7.2013

  1. cp says:

    Genau: Bryn Terfel ist für mich der beste Wotan seit langem – eigentlich seit Robert Hale …

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