Bayerische Staatsoper: “Siegfried” – 15.7.2013

Ich möcht so gern wie Uwe Beyer sein…

Wenn Wagners Ring ein Sportereignis wäre, so wäre Siegfried, der zweite Tag des Bühnenfestspiels, gewissermaßen das Halbfinale, die Vorschlussrunde, bevor dann mit Götterdämmerung das große Endspiel um die Weltherrschaft ansteht. Stellt man sich den Zyklus hingegen als Sinfonie vor, so ist Siegfried das Scherzo, schließlich gesellen sich hier zum Drama der Götter, Alben und Menschen erfrischend burleske und eigentümlich poetische Noten. Wie dem auch sei, mit Siegfried ist auch der aktuelle Festspiel-Ring auf die Zielgerade eingebogen; und er hat szenisch wie musikalisch erheblich Fahrt aufgenommen. In den meisten Ring-Produktionen ist dieser dritte Teil der Schwachpunkt, hier ist er das große Highlight.

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Wagner-Heroen im Einsatz: links Stephen Gould (Siegfried), rechts Catherine       Naglestad (Brünnhilde) – Fotos: Wilfried Hösl

Nach der durchwachsenen Walküre ist dem Regieteam um Andreas Kriegenburg hier ein fulminanter Erfolg gelungen. Basis dafür ist nicht nur eine spürbare Spielfreude und ein offenbar starker Ensemblegeist aller Beteiligten, sondern auch, dass der Regisseur zu seinem Konzept einer vitalen Re-Theatralisierung und Entrümpelung der Fabel zurückgekehrt ist und ihm und dem Bühnenbildner Harald B. Thor, der Kostümdesignerin Andrea Schraad und der Choreographin Zenta Haerter eine Fülle poetischer und eindrucksvoller Bilder eingefallen ist. Diese Bildersprache ist gleichermaßen von pragmatischer Klarheit wie von berührender Eindringlichkeit, phasenweise ereignen sich Momente puren und im besten Sinne naiven Bühnenzaubers. Eine große Rolle spielt hierbei, wie schon im Rheingold, die quasi omnipräsente Statisterie, die den Raum als Bewegungschor und Kollektiv zugleich ausfüllt und illustriert, als Feuer, Wald, Höhle, Drachen, Felsen oder Lohe fungiert und die Handlungen der Protagonisten in vielleibige Präsenz überhöht. Spannungslöcher und Durchhänger wie sie in der Walküre zu beklagen waren, finden hier kaum statt, das Stück ist durchinszeniert und es ist immer etwas los, auch das Schwertschmieden ist bei Kriegenburg eine Gemeinschaftsproduktion von 80 gutgelaunten Werktätigen mit einem fröhlich schmetternden Titelhelden mittenmang. Die durchgehend starke Personenregie findet ihren Höhepunkt in der Begegnung von Siegfried mit der von ihm erweckten Brünnhilde: wie hier zwei, die mit der Situation total überfordert sind, sich einander annähern und sämtliche Stationen von Neugier, Sehnsucht, Begehren und Furcht bis hin zur finalen Liebesektase durchlaufen, ist unglaublich berührend und saukomisch zugleich, das ist ganz großes Kino inmitten wallender roter Tuchlandschaften.

Und auch Kent Nagano schafft es, mit seinem an allen Pulten phänomenal aufspielenden Staatsorchester, im Vergleich zu den ersten beiden Abenden noch einen draufzusetzen; die dunklen, abgründigen Farben der Nibelungenwelt und des Waldesraunens gelingen ihm ebenso eindringlich und atmosphärisch dicht wie die Momente poetischer Innenschau des Titel“helden“ und die finale Liebesraserei Siegfrieds und Brünnhildes. Daß dies, aller szenischen und vokalen Bemühungen zum Trotz, wieder sein „Ring“ wird, kann schon jetzt kaum noch bezweifelt werden.

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Da bleibt dem Zwerg die Luft weg… Terje Stensvold (Wanderer) und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Mime) haben Meinungsverschiedenheiten (Foto: Wilfried Hösl)

Nun ist das zentrale Problem jeder Siegfried-Aufführung bekanntlich die Besetzung der angeblich nicht mehr besetzbaren Titelpartie. Was der Meister seinem Protagonisten und geistigem Heldensohn hier abverlangt, ist, je nach persönlichem Standpunkt, übermenschlich oder abartig. Und jetzt? Jetzt kommt nach dem Premieren-Sigi Lance Ryan mit Stephen Gould schon der zweite Sportsfreund daher, der die Rolle „hinlegt“, als sei das die lockerste Veranstaltung von Welt. Goulds Rollenvorbild ist offenbar eher Uwe Beyer als René Kollo, er behauptet die Figur nicht bloß, er füllt sie aus, er gestaltet, er lebt Siegfried – und vor allem: er SINGT ihn. Mit Stimme, Stimme und noch mal Stimme. Strahlend, heldisch und auftrumpfend, aber ohne Brüllen oder Stemmen. Das Timbre besitzt genau jenen von Wagner-Puristen so gerne eingeforderten baritonalen Unterbau, die Stimme ist präsent, klangvoll und abgerundet, dazu technisch herausragend. Ein exorbitanter Auftritt, authentisch, mitreißend und in jedem Moment glaubwürdig. Auch am Schluss, wo die allermeisten Kollegen schon nicht mehr auf Reserve sondern nur noch mit heißer Luft fahren, klingt er frisch und unangestrengt, wie gerade mal auf Betriebstemperatur gekommen. Eine Glanzleistung, nicht nur für heutige Verhältnisse, sondern auch absolut gesehen! Zu seinem und unserem Glück hatte sich Brünnhilde während ihres gut zwanzigjährigen Timeouts in die bestens disponierte Catherine Naglestad verwandelt. Die Amerikanerin ist als stilistisch vielseitige und stets äußerst leidenschaftliche Sing-Darstellerin bekannt und übertraf sich als Brünnhilde selbst, das von ihr so ekstatisch besungene Sonnenlicht hat sie mit ihrem gleißenden Sopran sozusagen selbst entzündet. Die Stimme besitzt den hier erforderlichen Metallkern, ummantelt von samtigem Wohlklang und eine überwältigende natürliche Musikalität und Innigkeit; „Ewig war ich, ewig bin ich“ rief Erinnerungen an Hildegard Behrens zu ihrer besten Zeit wach. Dass sich die beiden im jauchzenden Schlussteil ihres Duettes einmal kurzzeitig nicht ganz einig waren über das Tempo kann im Eifer des Gefechtes mal vorkommen…   Nach langer Wanderschaft „auf der Erde rauem Rücken“ fand der Wanderer von Terje Stensvold erstmals den Weg an die Bayerische Staatsoper. „Warum erst jetzt?“ möchte man da fragen. Der norwegische Bassbariton hat ja in den letzten zehn Jahren eine erstaunliche Alterskarriere gemacht. Angesichts seines stimmgewaltigen Vortrags fragt man sich denn schon, wie Stensvold erst vor zehn oder zwanzig Jahren gesungen haben muss; ungalanterweise sei verraten, dass der Künstler vom 1943er Jahrgang ist. Ein prachtvoll gesungener Wanderer, der sowohl über kerniges Bassfundament als auch im dritten Akt über eine mühelose Höhe verfügt und die resignative Müdigkeit des gescheiterten Weltenherrschers sinnfällig macht. Ein baldiges Wiederhören mit diesem eindrucksvollen Sänger wäre sehr zu wünschen! Wotans altem Erzfeind und Dauer-Widersacher Alberich gab Tomasz Konieczny stimmliches Gewicht und den geforderten hasserfüllten Ausdruck, auch er an Stimmqualität nicht ganz an den Premieren-Alben Wolfgang Koch heranreicht. Der Nibelungen-Bruder Mime gehört zu den heikelsten Figuren im Ring-Kosmos, wenn nicht im Gesamtwerk des Meisters; bei kaum einer anderen Rolle ist die Gefahr der Überzeichnung und Karikatur so groß. Kompliment daher an Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, der die Hinterhältigkeit und die Komplexe Mimes prägnant und mit viel Mut zur Hässlichkeit gestaltete, ohne zu outrieren. Auch gesanglich zeigte er sich mit seinem hellen und gut fokussierten Charaktertenor durchweg auf der Höhe. Steven Humes (Fafner) und ganz besonders Qiulin Zhang (Erda) blieben sehr diskret im Hintergrund, während die zauberhafte Anna Virovlansky als Waldvogel buchstäblich selbigen abschoss; zusammen mit ihrem Tanzdouble Anna Ressel wirbelte sie über die Bühne, nahm Teil und lenkte das Geschehen im tiefen Wald mit Charme, Sopran-Sonnenschein und einer guten Portion Resolutheit. Ja richtig, lieber Konstantin Sergejewitsch, es gibt keine „kleinen Rollen“…!

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