Bayerische Staatsoper: “Götterdämmerung” – 18.7.2013

Spät kommen sie, aber sie kommen – die weißgekleideten Statisten, mit denen, zumindest in Andreas Kriegenburgs Sichtweise, die Saga begonnen hatte, irgendwann in grauer Vorzeit, ca. 13 Stunden Nettospielzeit zuvor. Nun also ist eigentlich schon alles gelaufen, der Ring wieder im feuchten Element entsorgt, vom Fluch gereinigt, gesühnt alle Schuld und Verrat, zerstört sind Gibichungenhalle und Götterburg, mit den „starken Scheiten“ steht auch der Rest der Welt in Flammen und keiner weiß wozu es gut sein soll. Eine hysterisch aufgelöste blonde Frau, Gutrune, in den Fetzen eines Hochzeitskleids irrt wie von Sinnen durch dieses gläserne Totenhaus; eines von den stärkeren Bildern, mit denen Kriegenburg und sein Team das Finale des Zyklus ausgestattet haben. Und dann: Auftritt der szenischen Allzweckwaffe, irgendwo zwischen Kirchentagschoreographie und Close Encouters oft he Third Kind (der Moment, bevor sie ins Raumschiff gehen…) umschließen sie die arme Gutrune, bilden einen Kreis um sie, versunken in Meditation, Schutz suchend oder… Ja, was eigentlich? Während die Musik mit der berühmten finalen Des-Dur-Kantilene einen Neuanfang, eine Synthese suggeriert, bleibt Kriegenburgs Schlussbild kryptisch und unentschlossen. Eigentlich kann man es sich aussuchen wie man es verstehen will. Und das ist nun mal eigentlich die Aufgabe des Regisseurs, für die er bezahlt wird. „Der Ring der nie gelungen“? Das ist als Gesamtfazit sicherlich zu hart, aber der große Wurf ist dieser Ring auch nicht geworden. Dafür ist diese Götterdämmerung symptomatisch: auch hier sind Kriegenburg durchaus starke Momente gelungen, die Personen sind lebendig und glaubwürdig entwickelt und geführt, über weite Strecken agieren sie beinahe wie Theaterschauspieler. Was fehlt, ist der Gesamtzusammenhang, die wirklich stücktragende Idee, die konzeptionelle Geschlossenheit. Der Ansatz mit dem Bewegungschor und der betont stilisierten Theatralisierung der Fabel wäre an sich originell und tragfähig, nur leider ist er nicht konsequent genug umgesetzt. Sehr gut gelungen ist das in Rheingold und Siegfried, weit weniger in der Walküre; und am letzten Abend fast überhaupt nicht mehr, sieht man von jenem finalen Alibi-Auftritt ab. Stattdessen greift Kriegenburg hier auf beliebige Modernismen und Konventionen zurück und betreibt ein wenig halbherzige Kapitalismus-Kritik. Bei allen Qualitäten im Detail ist dieser Ring szenisch weder Fisch noch Fleisch.  

In die Staatsopern-Annalen eingehen wird die Produktion auch vermutlich nicht als der „Kriegenburg-Ring“, sondern als der „Nagano-Ring“. Es ist ohne Wenn und Aber des scheidenden Musikdirektors Party, bei der wir Glücklichen eingeladen waren. Denn Kent Nagano leistet an den vier Abenden genau das, was die Szene nicht geschafft hat: er spannt einen musikalischen und inhaltlichen Bogen über die vier Opern, bringt deren individuelle Konzeption heraus und verschmilzt sie dennoch zu einem großen Ganzen. Er macht deutlich, dass der Ring mehr ist als nur die Summe seiner vier Einzelteile und arbeitet die motivischen, tonartlichen und semantischen Bezüge und Korrespondenzen innerhalb der Tetralogie heraus. Auch die dialogische Qualität der Musik ist bei ihm in den besten Händen, Wagners Partitur erklingt hier, in perfekter Übereinstimmung mit der Regie, mit großer Leichtigkeit und Lebendigkeit, um sich in den Orchesterzwischenspielen und in der Schlußszene zu großen musikdramatischen Ausbrüchen zu verdichten. Ein Musterbeispiel dafür ist Siegfrieds Trauermusik im dritten Akt (Nein Freunde, es ist nun mal KEIN Marsch!), in der sämtliche relevanten Personalmotive noch einmal anklingen, aber durch die wiederkehrenden Doppeltutti und die präzise fortschreitende Dynamik zu einer Synthese montiert werden; so exakt und auditiv nachvollziehbar hört man diese Passage nur selten, das ist Wagner für Fortgeschrittene.

BSO GD1Ein ernstes Dreigestirn: Stephen Gould (Siegfried), Hans-Peter König (Hagen) und Iain Paterson (Gunther) beim Treue-Eid – (Foto: Wilfried Hösl)

Dass der Abschluss dieses Ring-Zyklus so hoch beglückend geriet, war auch einer Besetzung zu verdanken, die keinerlei Schwachpunkt hatte.  Allen voran ist da Nina Stemme zu nennen, die nunmehr dritte Brünnhilde. Und sie setzt den ultimativen Schlusspunkt mit einer Interpretation von, sagen wir es ruhig geradheraus, historischer Dimension. Schweden war ja immer schon ein Land, in dem große, wunderbare und phänomenale Wagner-Stimmen gedeihen und Stemme setzt diese Tradition fort; diese Brünnhilde gehört in die oberste Liga, in den Olymp des Wagner-Gesanges, da wo sich Mödl, Varnay und Nilsson aufhalten. Was soll man am meisten bewundern? Die Geschmeidigkeit und Sicherheit, mit der sie die riesigen Anforderungen der Partie meistert? Das erdige und doch ungemein feminine, reizvoll individuelle Timbre? Die Fülle von Nuancen und Schattierungen? Die flammende Hingabe und Intensität, die dramatische Wahrhaftigkeit ihres Vortrags? Natürlich alles zusammen. Da kommt einfach alles zusammen und diese Stimme kennt kein Limit, vom zartesten Piano bis hin zum grundmauernerschütternden Forte-Strahl ist alles geboten. Die Stimme ist perfekt fokussiert, bleibt bei aller dramatischen Durchschlagskraft immer schlank und modulationsfähig, der Tonansatz sauber und abgerundet, an keiner Stelle treten Schärfen oder Verhärtungen auf; so kann sie die Höhepunkte und die zentralen Passagen entsprechend auskosten. Daneben zeigte sich Stephen Gould drei Tage nach seinem fulminanten Sigi Eins auch als Sigi Zwo in bestechender Form, sein vielleicht bester Auftritt in dieser Rolle, den ich bisher erlebt habe. Auch diese Partie singt er mit markantem, substanzreichen Tenor, mit strahlenden Höhen und phänomenaler Leichtigkeit, wie aus dem Ärmel geschüttelt. Zudem harmonieren die beiden auch hinsichtlich Stimmcharakter und -farbe perfekt mit einander. Stimmlich gibt es auch wenige Hagen-Bässe, die Hans-Peter König das Wasser reichen können, der auch figürlich imposante Künstler verfügt über das erforderliche nachtschwarze Timbre, große stimmliche Reserven und kultivierte Linienführung. Lediglich seine gestalterische Präsenz könnte er noch intensivieren, so richtig Angst verbreitet er nicht, dafür ist sein Auftreten die entscheidende Spur zu behäbig. Stark aufgewertet sind in Kriegenburgs Inszenierung die Gibichungen: Iain Paterson erscheint als Clanchef Gunther mit blauem Anzug, Gelfrisur und Nerdbrille als optischer Doppelgänger des Intendanten, ein liebevoll (?) ironischer Gruß seitens der Regie. Auch gesanglich ist Paterson beinahe schon eine Luxusbesetzung, ebenso wie Anna Gabler, die als Gutrune nicht „Gunthers milde Schwester“, sondern eher seine wilde Schwester gibt, einen lasziven blonden Vamp im Vollgefühl der eigenen Wirkung. Zusätzlich hat sie, sozusagen als warm up, auch dem Nornen-Trio eine jugendlich-dramatische Oberstimme verliehen. Der finstere Gegenstandpunkt Alberichs wurde auch diesmal von Tomasz Konieczny markant vertreten und Michaela Schuster gestaltete die Waltrauten-Szene, sonst ja gerne mal die Durststrecke des Werkes, intensiv und eindringlich. Es spricht natürlich immer für ein Haus und dessen Besetzungspolitik, wenn auch die kleineren und kleinen Rollen qualitativ nicht abfallen. Das war auch an diesem Abend mit den Nornen und Rheintöchtern nicht anders, wobei sich Wiebke Lehmkuhl anstelle der in Bayreuth generalprobenden Okka von der Damerau als 1.Norn und Floßhilde sehr gut einfügte.      

BSO GD2“Starke Scheite schichtet mir” – Nina Stemme im Schlußgesang (Foto: Wilfried Hösl)

Nun ist es geschafft, der Ring ward einmal mehr geschmiedet, aufs Neue geglänzt und wonnig genährt; um mal im Wagnerschen Sprachduktus zu verweilen. Und er wurde dem laufenden Festspielbetrieb abgerungen und abgetrotzt, alleine schon logistisch ein absoluter Kraftakt; da sollte man die Anlaufschwierigkeiten am Vorabend nicht gleich auf die (Rhein)goldwaage legen… Denn Ring-Tage sind Festtage und wollen als solche genommen werden.

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