Salzburger Festspiele: “Gawain” – 26.7.2013

Jupp köpft das grüne Krümelmonster

Noch ist alles wie immer, noch ahnen sie nichts Böses… Oder doch? So ganz knallausverkauft ist die Felsenreitschule nicht bei dieser ersten Opernpremiere der diesjährigen Salzburger Festspiele. Die Vorfahrt der Prominenz ist auch ein wenig magerer besetzt als sonst, und zwar auf beiden Seiten der Absperrung. Schon während des ersten Aktes, vor allem aber zur Pause werden die Reihen sich spürbar gelichtet haben; als Stehplatzinhaber freut man sich bei Backofenhitze natürlich, schon vor der Halbzeit auf einen feudalen Sitzplatz wechseln zu können. Trotzdem darf man mal nachfragen, was die Kulturflüchtlinge sich wohl gedacht haben, was sie kriegen? Den fröhlichen Wanderer vom Mönchsberg, die Fette aus Dingsda oder eine hochanständige Geisterbeschwörung im Sinne des heiligen Karamalz? Noch am nächsten Morgen beim Hotelfrühstück wird sich ringsum das Maul zerrissen wie grauenhaftschrecklichunanständigmodern das jetzt war… Ganz ehrlich, Freunde der Südsee: man kann sich durchaus VOR dem Kartenkauf informieren, was auf einen zukommen könnte. Aber bitte, es ist ja nicht mein Geld, siehe oben.

Nun also Birtwistle, Sir Harrison Birtwistle. Englischer Komponist, Jahrgang 1934, lebt noch und ist damit der hiesigen Kulturschickeria natürlich von vornherein verdächtig. Seinen Ruf als Außenseiter und Eigenbrötler des Musikbusiness hat Sir Harrison stets sorgfältig gepflegt, er gehört keiner „Schule“ oder Künstler-Clique an, hat einige Jahre komponierenderweise auf einer kleinen Insel in den Äußeren Hebriden gelebt und bei der Uraufführung seiner ersten Oper verließ sogar Benjamin Britten verachtungsvoll das Etablissement. Eine Karriere als Publikumsliebling schaut wohl anders aus. Und jetzt Salzburg. Die Sommerfestspiele. Ich sag jetzt einfach mal: Danke Alexander Pereira! Danke, dass wir das Werk kennenlernen durften. Ein sperriges, ein schwieriges, ein monumentales Werk. Eine Oper, die hinabsteigt, sich hinunterwühlt in die Abgründe, eine Musik, die in der Form eigentlich weder Vorbilder noch Nachahmer hat. Es sei auch gar nicht verschwiegen: das ist ein ganz dickes Brett und um da intellektuell wirklich durchzusteigen, reicht ein einmaliges Anhören keinesfalls, dazu sind sowohl die Musik wie auch Libretto und Handlung zu komplex, zu verrätselt, zu mehrdeutig. Rückgriffe auf tradierte musikalische Formen oder Topoi sucht man hier vergebens, keine Personalmotive, keine direkten oder indirekte Zitate, keine zuordnungsfähige Instrumentierung mit dramaturgischer Stringenz, keine „opernhaften“ Phrasen oder Melodik. Nirgends nicht. Stattdessen überlagern und überschneiden sich die Chiffren und Schichten der Musik permanent, ständig ist alles in Bewegung und im Aufruhr. Das Orchester ist riesig besetzt, vor allem im Blechbläser- und Schlagzeugsegment, und die Kollegen geben richtig Gummi, müssen fast zwei Drittel der Partitur dynamisch am Anschlag spielen. Im Klartext: es ist größtenteils sehr laut… Da ist es dann ein Glück, wenn da vorne eine erwiesene Fachkraft wie Ingo Metzmacher steht, der das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien nicht nur souverän durch diese Tiefen und Untiefen lotsen kann, sondern der auch die gewaltigen Klangballungen und –entladungen so dosiert, dass es immer noch knapp unterhalb der Schmerzgrenze bleibt. Wie das bei einem technisch minderbemittelten Dirigenten klingen würde, mag man sich lieber nicht vorstellen. Natürlich kann ich Metzmachers Interpretation aus naheliegenden Gründen nicht im Detail würdigen und besprechen, das wäre jetzt Angeberei, aber seine Genauigkeit, Stilkompetenz und hohes künstlerisches Ethos übersetzten sich in jedem Moment. Unter seiner Leitung klang die Musik so transparent, wie das vermutlich nur möglich ist; dass die Sänger sich dennoch streckenweise schwer taten, über die Orchesterwogen zu kommen, dürfte einerseits der heiklen Akustik der Felsenreitschule, andererseits aber auch gewissen Schwächen der Instrumentierung geschuldet gewesen sein, denn der sängerfreundlichste Komponist ist Birtwistle sicher nicht. Kann er auch gar nicht sein, denn ebenso wie die Führung der Singstimmen eher instrumental anmutet, so sind auch die Figuren der Oper mehr singende Ideenträger als wirklich plastische Charaktere.

Gawain1 Innen- und Außenwelt in der Felsenreitschule: Bühne von Alvis Hermanis (Foto:Ruth  Walz)

Womit wir bei der Handlung und der erzählten Geschichte sind. (Wie ich solche Übergänge liebe…!) Das Libretto von David Harsent ist nämlich um keinen Deut eingängiger oder weniger kompliziert als die musikalische Faktur, eher im Gegenteil. Am Weihnachtsabend taucht ein geheimnisvoller „Green Knight“, ein grüner Ritter, auf König Arturs Schloss auf, verhöhnt die degenerierte und kraftlose Tafelrunde und fordert den mutigsten der Anwesenden zu einem skurrilen Pakt heraus: er solle ihm hier an Ort und Stelle den Kopf abschlagen und sich nach dem Fest nach Norden aufmachen, zur grünen Kapelle, wo er ihn zur Revanche erwarten wird, genau in einem Jahr und einem Tag. Gawain nimmt die Herausforderung an, macht den Ritter einen Kopf kürzer und sich selbst auf die Socken. Was so als phantastisches Ritterabenteuer beginnt, entwickelt sich rasch zu einem Horrortrip in die Abgründe der eigenen Psyche, einer Selbstfindung mit Hardcore-Qualität. Nach einem Jahr parsifalartiger Irrfahrt in Erwartung des sicheren Todes kommt er an den Hof von Bertilak de Hautdesert und seiner Gemahlin, der verspricht, ihn nach einem dreitägigen Gastaufenthalt zur grünen Kapelle zu führen. Auch dort geht das Psycho-Spiel fröhlich weiter: tagsüber geht Bertilak auf die Jagd, während Lady Hautdesert sich an den feschen Rittersmann heranmacht und ihn jeden Tag einmal öfter küsst. Da Gawain diese Tage in einer Art Trance verbringt, in der er sich selbst auf der Reise erlebt, widersteht er den Avancen seiner notgeilen Gastgeberin. Abends gibt er, gemäß einer Vereinbarung, Bertilak die empfangenen Küsse zurück und bekommt dafür erlegtes Viehzeug; denn beide hatten gelobt, am Abend ihre Beute zu tauschen. Am dritten Tag jedoch bekommt Gawain außer drei Küssen eine magische Schärpe, die ihn in Kampf und Abenteuer beschützen wird; natürlich verschweigt er Bertilak diese Geheimwaffe, um sie nicht abgeben zu müssen und macht sich am nächsten Tag auf zur grünen Kapelle wo er den grünen Ritter trifft, der natürlich niemand anderes ist als Bertilak himself… Beschützt vom Zauber der Schärpe übersteht Gawain die drei Schläge des Ritters, gesteht aber anschließend seinen Betrug ein. Da er aus Angst um sein Leben gehandelt und sich daher als Mensch erwiesen hat, verzeiht ihm der Ritter und lässt ihn ziehen. Zurück an König Arturs Hof wird Gawain als Held gefeiert, doch er ist ein anderer geworden, hat „in den Spiegel geschaut“, seine eigene Korrumpierbarkeit, Feigheit und Eitelkeit gesehen und die Brüchigkeit seines Helden- und Männlichkeitsideals erkannt. In dieser Welt, die nur noch den Erinnerungen an heroische Abenteuer und vergangenen Ruhm nachhängt, hat er keinen Platz mehr; „I am not that hero“ lautet sein desillusioniertes Fazit.

Gawain3Der Herr links ist der grüne Ritter (sieht man sofort), der rechts Gawain (sieht man, wenn man es weiß) – Foto: Ruth Walz

Ähnlich wie die Musik wird auch die Geschichte simultan auf mehreren Ebenen erzählt, in einer Innen- und Außenwelt. Beide werden verbunden durch die Figur der Fee Morgana, die sogar die eigentliche Zentralgestalt der Oper ist: ständig anwesend, aber den Handelnden unsichtbar, fungiert sie als Kommentatorin, Interpretin und Spielleiterin, ihre hochvirtuosen Gesangslinien erinnern noch am ehesten an klassischen Operngesang. Ob das Ganze nun real abläuft oder ein Traum oder eine Prophezeiung ist, lassen die Autoren bewusst in der Schwebe, laut Birtwistle sind alle drei Deutungen gültig. Die Texte folgen keinem erkennbaren Versmaß, sind wuchtig, kraftvoll und mysteriös. Die Zahl der Anspielungen und Rückgriffe auf kultische, phantastische und religiöse Mythen und Motive sind zahlreich, Mythologie trifft auf Psychologie und alles ist vielfältig deutbar, als Konflikt zwischen Heidentum und Christentum etwa oder zwischen Zivilisation und Natur. Auch der grüne Ritter lässt sich als eine Art Naturgottheit deuten, die den Menschen noch eine letzte Chance geben will.

Nach dem großen Erfolg mit Zimmermanns Die Soldaten im letzten Jahr, ebenfalls mit Metzmacher am Pult, hatte man wieder Alvis Hermanis für die Regie verpflichtet. Der 48jährige Lette ist ein begnadeter Bilder-Erfinder und versteht es, den anspruchsvollen Raum der Felsenreitschule mit der nicht sehr tiefen, aber außerordentlich breiten Bühne sinnstiftend zu bespielen. Für mich war seine Inszenierung von Gawain noch einen Tick stärker als die der Soldaten. Dass er nicht auf Kaltenberger Ritterturnier machen würde, war abzusehen, vielmehr inszeniert er einen wahren Endzeit-Thriller in schonungslos ehrlichen, drastischen und unter die Haut gehenden Bildern. Und doch besitzt seine Bildersprache eine Ästhetik von ganz eigentümlichen Reiz, bei aller Brutalität scheint immer eine Perspektive durch. Bei Hermanis spielt die Handlung in absehbarer Zukunft, eine nicht näher bezeichnete globale Katastrophe hat das Leben auf der Erde weitgehend zerstört. König Arthur und seine Runde sind im wahrsten Sinne des Wortes die letzten Menschen: eine Rotte von traumatisierten, körperlich wie seelisch verwahrlosten Halbwilden und Gelegenheitskannibalen, die in einem bunkerähnlichen Verschlag mit rostigen Eisentüren hausen, in dem sie einzelne Überreste der Zivilisation wie ein zerschlissenes Sofa, ein kaputtes Klavier, einen entnadelten Weihnachtsbaum und ähnliches gerettet haben. Arthus selbst sitzt im Rollstuhl, ein infantiler, greinender Greis, der Skelette aus den Särgen puhlt und wie Schoßhunde streichelt. Auf der anderen Seite der Bühne ist ein Autofriedhof zu sehen, überwuchert von Moosen, Gras und Schlingpflanzen, die Natur hat begonnen, sich den Planeten zurückzuholen. Dieser undomestizierten Natur entstammen auch Morgan Le Fey und der grüne Ritter, hier tatsächlich ein Krümelmonster im grasgrünen Ganzkörper-Flokkati. Und Gawain – jetzt kommts! – ist niemand Geringerer als Joseph Beuys. Wie jetzt? DER Beuys? Der Jupp vom Niederrhein? Eben jener. Der schamanenhafte und geheimnisvolle Total-Künstler, der Fett & Filz-Fetischist, der weise Hofnarr einer hedonistischen Nachkriegsgesellschaft, der doppelzüngige Mystagoge und Selbstdarsteller, der freakige Sinnsucher mit dem notorischen Stetson-Hut… Was hat der mit Gawain zu tun? Erstaunlich viel! So schräg der Gedanke im ersten Moment erscheinen mag, die Analogie ist schlüssig und geht wunderbar auf. Nicht nur, dass Beuys ein großer Bewunderer der Arthus-Legende gewesen ist, auch in seinem visionären Denken, seinem Bestreben nach Ganzheitlichkeit und der Vereinigung von Mensch, Tier und Kosmos sowie in der konsequent betriebenen Selbstmystifizierung gibt es erstaunliche Parallelen zur Opernfigur. Darauf muss man erstmal kommen! Aber das ist ja auch die Aufgabe eines Regisseurs, stimmige Subtexte zu entwickeln und diese spannend umzusetzen. So tritt Gawain als perfekt gestylter Wiedergänger von Beuys auf, komplett mit Hut, Anglerweste und Pelzmantel (bei 37 Grad Außentemperatur zum Glück nur im Finale…) und stellt bekannte Environments von Beuys nach; aber das ist eben kein Gimmick, sondern substanziell begründet. Eine großartige Inszenierung!

Gawain2Held und Anti-Held: Christopher Maltman (Gawain) – Foto: Ruth Walz

Die lebt natürlich auch und ganz stark von der Suggestivkraft der Darsteller und auch hier wurde durchaus aus dem Vollen geschöpft. Ein Albtraum muss es natürlich sein, in einer solchen Premiere gesundheitlich angeschlagen antreten müssen; und ausgerechnet für den Titelhelden Christopher Maltman wurde dieser Realität. Er musste sich als indisponiert ansagen lassen, schlug sich aber tapfer und teilte sich die Partie ökonomisch klug ein. Sein kerniger, modulationsfähiger Bariton war als solcher natürlich kenntlich, nur in den großen Ausbrüchen fehlte es zuweilen an Kraft. Sehr eindringlich gestaltete er vor allem die zweite Konfrontation mit dem grünen Ritter und den letzten großen Monolog. Zum Triumph wurde der Abend für Laura Aikin, die als Morgan Le Fay an ihren letztjährigen Erfolg als Marie in den Soldaten anknüpfen konnte. Die glasklare, höhensichere, schlank und fast instrumental geführte Stimme ist prädestiniert für moderne Musik, auch die aberwitzigsten Intervallsprünge und Extremlagen meistert sie ohne hörbare Anstrengung, ihr Vortrag ist gestalterisch suggestiv und farbenreich. Lediglich ihr bekanntlich famoses darstellerisches Talent wurde diesmal leider etwas unter Wert verkauft, da die Rolle extrem statisch angelegt ist. Jennifer Johnston gab die Lady Hautdesert mit sattem Mezzosopran, Jeffrey Lloyd-Roberts (Arthur) und Brian Galliford (The Fool) überboten sich mit charaktertenoraler Attacke, der Countertenor Andrew Watts zeichnete ein wunderbar dekadentes Zerrbild des larmoyanten Bischof Baldwin und Gun-Brit Barkmin feuerte in der eigentlich eher undankbaren Partie der Guinevere einige fulminante Salome-Töne übers Orchester. Einziger Wermutstropfen war die Besetzung des grünen Ritters: John Tomlinson hat diese Doppelrolle bereits 1991 in der Londoner Uraufführung verkörpert, was inzwischen allerdings von seiner Stimme noch übrig ist, stimmt nur noch traurig. Sein heiserer Sprechgesang ist selbst für diese Charakterpartie nicht mehr ausreichend, er sollte es jetzt wirklich gut sein lassen.

Ein spürbar angestrengtes Publikum nahm die harte Kost am Ende freundlich, wenn auch nicht übermäßig enthusiastisch auf; auch als Sir Harrison und David Harsent die Bühne betraten. Diejenigen, denen es gar nicht gefallen hatte, saßen ja längst bei Schnitzel und grünem Veltliner… Der Rest hatte einen ambitionierten und hochspannenden Opernabend erlebt. Wegen so etwas macht man schließlich Festspiele, und nicht um die zehntausendste Zauberflöte runterzureißen!

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