Bayerische Staatsoper: “Don Carlo” – 25./28.7. 2013

Es geht immer noch mehr – das gilt auch für Vorfeld-Hysterie und Erwartungshaltung. Die beiden Vorstellungen von Don Carlo gehörten heuer nicht umsonst zu den Top-Sellern der Opernfestspiele und noch der hinterletzte Hörerplatz wurde zum echten Wert-Papier, die ersten Kartensucher rammten einem schon dreihundert Meter vor der Gnadenpforte des Opernhauses ihre Zettel unters Kinn. Da kommt der Fan schonmal ins Schwitzen, der zweite Abend ging am heissesten Tag des Jahres bei um die 40° Außentemperatur über die Bühne und im Inneren der Großraum-Sauna Nationaltheater stieg das Opernfieber von Minute zu Minute. Dabei ist der Don Carlo im Prinzip ganz einfach zu besetzen: man benötigt lediglich sechs Weltklasse-Sänger, einen Top-Dirigenten und einen Regisseur, der etwas zu sagen hat und dieses auch noch ästhetisch anspruchsvoll umsetzen kann…

Wobei: letzterer ist im Notfall auch noch verzichtbar, wie auch diese Wiederaufnahme der notorischen, dreizehn Jahre alten Produktion von Jürgen Rose, hier für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich, zeigt. Denn Regie, so im Sinne einer dezidierte Deutung des Werkes, hat hier seit dem ersten Tag nicht stattgefunden, von den vielen Nicht-Inszenierungen im Repertoire des Hauses ist dies gewiss eine der langweiligsten: schwarze Gestalten in dunkelgrauem Schuhkarton, umgeben von karajanesker Halb- bis Dreiviertelfinsternis. Nach Informationen aus gutinformierten Kreisen hat Rose seinerzeit alleine für die Kostüme den Jahres-Ausstattungsetat eines durchschnittlichen Stadttheaters verpulvern dürfen; umso bedauerlicher, dass man von den Luxusklamotten so wenig sieht… Und die einzige halbwegs ausgeleuchtete Szene, das Autodafé, gerät in seinem peinlich bemühten Oberammergau-Realismus, je nach Goodwill des Betrachters, zum Ärgernis oder zur Lachnummer. Nein, das hat der Musikdramatiker Verdi nicht verdient! Wenn man diesem Rohrkrepierer noch etwas Gutes abgewinnen kann, dann dass die Szene die Darsteller zumindest nicht am Wollen hindert und ihnen nahezu unbegrenzt Freiraum zur Entfaltung lässt. Das funktioniert natürlich nur mit so erstrangigen Fachkräften wie sie hier aufgeboten waren. Dass die schon von der Papierform her großen Erwartungen eher noch über-erfüllt wurden, lag in erster Linie an der auf hohem Niveau homogenen Ensembleleistung; hier waren nicht ein paar gehypte Stars auf dem Ego-Trip unterwegs, sondern große Künstler im Dialog auf Augenhöhe. Zumindest galt das für den zweiten Abend, nachdem der erste noch eher Generalprobencharakter hatte und über weite Strecken von Wacklern und Koordinationsproblemen bestimmt war.

Don Carlo BSO2Materialschlacht beim Autodafé (Foto: Wilfried Hösl)

Es hätte einen nicht gewundert, wenn der Chor in Abänderung des Librettos „Gloria e onor al più grande dei bassi“ eingefordert hätte – die Glanzleistung von René Pape als Filippo II. rechtfertigte alle Superlative. In seiner gewaltigen zwei-Oktaven-Stimme nimmt das bourbonische Herrschaftsprinzip „Ein Gott, wenige Herren, ganz viele Knechte“ eindrucksvoll Gestalt an. Dennoch verläßt sich der charismatische Sänger nicht allein auf die balsamische Klangpracht seines Organs, sondern sucht und findet neben aller Stimmgewalt auch die Zwischentöne, die schillernden Farbvaleurs und die Intensität des Leisen. Ein faszinierendes Porträt der zwiespältigen Herrschergestalt! Ebenso eindringlich gestaltete Anja Harteros einmal mehr die unglückliche Elisabetta, stolz und herrschaftlich, aber zugleich von großer Sensibilität und Verletzlichkeit, von edler Größe und natürlicher Vornehmheit, aber auch berstend von verschütteter Sinnlichkeit und Hingabe; gedemütigt, aber nicht gebrochen. Und gesanglich ist sie die beste Elisabetta, die ich jemals gehört habe, sei es im Theater oder aus der Konserve; perfekt in Intonation und Linienführung, mit zart schmelzenden piani und großer dramatischer Durchschlagskraft, wunderbar aufblühend, mit edel-dunklem Timbre und exquisiter Gesangskultur. Keine einzige Phrase, keine Note war da zu hören, die nicht von innigstem Ausdruck und warmer Luzidität erfüllt gewesen wäre. Zusammen mit Jonas Kaufmanns Don Carlo machte sie die drei Duettszenen mit dem dem Titel(Anti-)helden zu gefeierten emotionalen Brennpunkten des Abends, vor allem der Abschiedsgesang „Ma lassù ci vedremo“ war wie nicht mehr von dieser Welt. Nun gehört die Rolle des Infanten ja nicht gerade zu den dankbarsten Partien des Tenorfachs, gewann hier durch Kaufmanns leidenschaftliche und schonungslose Verkörperung aber ungemein an Gewicht. Am ersten Abend hatte Kaufmann noch einige Zeit nach der richtigen stimmlichen Justierung suchen und das eine oder andere Tempo-Scharmützel mit dem Dirigenten ausfechten müssen, am zweiten zeigte er sich vom ersten Takt an auf Betriebstemperatur und punktete mit gut fokussierter Stimmführung und einer strahlenden sicheren Vollhöhe.

Don Carlo BSO1Anja Harteros (Elisabetta) und Jonas Kaufmann (Don Carlo) in Fontainebleau – Foto: Wilfried Hösl

Posa und Eboli hatten noch relativ kurzfristig umbesetzt werden müssen, aber beide Einspringer überzeugten und legten am zweiten Abend noch eine beachtliche Steigerung hin. Nach der erneuten Posa-Absage von Mariusz Kwiecien bot sich für Ludovic Tézier die Gelegenheit, sein Hausdebüt ein halbes Jahr vorzuverlegen; und er nutze die Chance straight ahead. Er gibt ihn weniger als edlen Ritter oder romantischen Schwärmer, sondern als durchaus machtbewußten politischen Kämpfer und kühl kalkulierenden Doppelagenten. Es gibt sicherlich noch farbenreichere oder subtilere Baritone, aber Téziers sehr virile und dunkel timbrierte Stimme nahm für ihn ein, die Sterbeszene sang er mustergültig. Ähnliches gilt für Ekaterina Gubanova, die mit einer sehr kultivierten Darbietung erfreute, obwohl die Stimme an sich nicht übermäßig interessant timbriert ist und sie im „O don fatale“ etwas an ihre Grenzen stiess. Der klerikale Standpunkt wurde eindrucksvoll vertreten durch den zwar leicht nasal gefärbten, aber stimmgewaltigen Großinquisitor des Hausdebütanten Taras Shtonda und den markanten und nicht nur für einen Geist sehr erdig singenden Frate von Goran Jurić. Ansonsten war das Hausensemble mit den beiden schönen Sopranstimmen von Hanna-Elisabeth Müller (Tebaldo) und Anna Virovlansky (Voce dal cielo), aber auch mit Francesco Petrozzi vertreten. Es fällt doch immer wieder schwer zu glauben, wie unangenehm man sogar in einer so kleinen Partie auffallen kann; in seiner „Interpretation“ hätte man den armen Grafen Lerma besser mit „ä“ geschrieben…

Schon in der Premiere vor dreizehn Jahren hatte Zubin Mehta den Taktstock geschwungen und hat in seiner Amtszeit die meisten Don Carlo-Vorstellungen persönlich dirigiert. Vor allem an sein Premieren-Dirigat hege ich nicht die besten Erinnerungen, umso erstaunlicher war jetzt seine behutsame und bemerkenswert sängerfreundliche Lesart. Vor allem am ersten Abend entdeckte er zusammen mit dem, trotz des hitzigen Wagner-Verdi-Marathons noch erstaunlich frisch klingenden, Staatsorchester Nuancen, die ich so von ihm noch nicht gehört habe. Dafür vermisste man leider die ordnende Hand und Stringenz, etliche Einsätze (Chor!) und Übergänge gerieten arg wackelig. Das war am zweiten Abend weitgehend behoben, dafür schaltete er wieder in den gewohnten staatstragend-opulenten Breitwandsound um und machte auf Grand Opéra.

Über zwanzig Minuten frenetische Ovationen und selig leuchtende Melomanengesichter, selbst im erfolgsverwöhnten München nicht an der Tagesordnung.

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