Bayerische Staatsoper: “Parsifal” – 31.7.2013

So. Das war es dann. Der definitiv letzte Opernabend mit Kent Nagano als GMD der Bayerischen Staatsoper. Noch zwanzig Minuten nachdem der heilige Speer zurückgebracht war, feierte München seinen künftigen Ex mit stehenden Ovationen, immer wieder wurde Nagano vor den Vorhang gerufen und die Bravo-Chöre tönten beinahe so laut wie zuvor die Gralsglocken. Schon seltsam, wo doch ein bekannter Berliner Groß-Kritiker in seinem Abrechnungs-Artikel was vom „ungeliebten GMD“, der „in München weder künstlerisch noch menschlich je heimisch geworden“ sei, gefaselt hatte… Vielleicht hätte der Kollege mal dabei sein sollen bei irgendeiner Nagano-Vorstellung und die Ohren spitzen; dann hätte er vielleicht einen klügeren Artikel geschrieben, einen, der nicht nur aus böswilligen Behauptungen ohne jedweden Beleg besteht?!

Nagano VorhangThe final curtain – Danke für alles Maestro! (Foto: Wilfried Hösl)

So ganz schien die emotionale Ausnahmesituation auch an Nagano selbst und seinem Orchester nicht vorbeigegangen zu sein und die Musiker mussten an diesem Abend, wie man im Sport so schön zu sagen pflegt, erst über den Kampf zum Spiel finden; das Vorspiel war fast durchgehend zu laut und auch längst nicht so konturiert wie gewohnt und auch der Einstieg in die Handlung gestaltete sich zunächst recht rustikal. Aber sie fanden zusammen, schon die Gurnemanz-Monologe, sonst ja gerne mal die Durststrecke einer Parsifal-Aufführung, boten ein weich leuchtendes, irrisierendes Farbenspiel und spätestens mit der Verwandlungsmusik war der Laden endgültig geöffnet und das Orchesterfest nahm seinen Verlauf. Das Finale des ersten Aktes mit seinen entrückten Chor-Fantasien geriet traumhaft schwebend und doch mit Kern, fast hitzig die Klingsor-Welt und die große Erkennungsszene zwischen Kundry und Parsifal im zweiten Akt und der gesamte dritte Akt ein bestechend intensives Beispiel an musikalischer Vergegenwärtigung. Naganos Blick auf Wagner ist auch hier einer von der Warte des 20. Jahrhunderts, einer der mit den Nachfahren vertraut ist und deren Entwicklungen einschließt. Trotzdem klingt dieser Parsifal keinen Moment lang akademisch-trocken oder unterkühlt, sondern vielmehr wie ein lebender Organismus, ein perpetuum mobile, ein stetiges Fließen. Leicht, farbenreich, fast schwerelos, aber auch lebendig und körperhaft. Ein Dirigat, das mitten ins Zentrum führt und den Zuhörer emotional berührt und beschenkt.

Wenn von Naganos Parsifal-Dirigat die Rede ist, muss man eigentlich im selben Atemzug von Peter Konwitschnys genialer Inszenierung sprechen; selten habe ich eine derartige Geschlossenheit und Kongruenz der szenischen und der musikalischen Interpretation erlebt wie hier. Parsifal und München, das war ja stets so eine Sache… faktisch seit Menschengedenken steht Wagners letzte Oper, das „Bühnenweihfestspiel“ (auch wenn eigentlich keiner weiß, was das sein soll), bevorzugt an Ostern auf dem Spielplan am Max-Joseph-Platz und diente lange Zeit als eine Art christlich-esoterisches Erbauungs-Spektakel. Bis dann 1995 Konwitschny kam – der krempelte Werk und Aufführungstradition ordentlich um und inszenierte die Oper als düstere Endzeitvision in ungeheuer suggestiven und prägnanten Bildern. Mein Verständnis des Stückes wurde durch diese maßstabsetzende Produktion erheblich geprägt und sie fasziniert und ergreift mit jedem Sehen erneut. Musiktheater at his very best und eine der beeindruckendsten Inszenierungen des Hauses! Fast könnte man meinen, dass die Produktion nur auf Kent Nagano gewartet hat, denn seine glasklare und gnadenlos ken(n)tliche Interpretation passt perfekt zu Konwitschnys illusionsloser und konzentrierter Bildersprache. Für pseudo-weihevolles Brimborium und nebulöse Erlösungsfantasien ist hier definitiv kein Platz, hier geht es ans Eingemachte: um das Scheitern sämtlicher Gesellschaftsutopien, seien sie religiös, ideologisch oder zwischenmenschlich definiert. Diese illusionslose Härte der szenischen Deutung spiegelt sich auch in jedem Takt von Naganos Dirigat, und doch fügt er, gerade am Ende der Oper noch einen zarten, einen hoffnungsvollen Akzent hinzu.

BSO ParsifalBühnenweihfestspiel, ganz anders (Foto: Wilfried Hösl)

Sängerisch waren hingegen leider Abstriche zu machen, da haben wir in den letzten Spielzeiten hier doch bessere und vor allem homogenere Parsifal-Besetzungen erlebt. Um mit dem Positiven zu beginnen: mit Christopher Ventris war der derzeit vermutlich beste Parsifal auf dem Weltmarkt verpflichtet worden, mit seinem metallischen, baritonal grundierten Tenor verkörperte er den wilden Waldburschen ebenso prägnant wie den Sinnsucher und Gralskönig. Ebenso prägnant und beeindruckend der Klingsor von Yevgenij Nikitin, seit dem letzten Festspielsommer auch als „der Runen-Russe“ bekannt, der unter dem offenherzig getragenen Mantel das wohl bekannteste Tattoo der Opernwelt zur Schau trug. Und auch der kurzfristig als Titurel eingesprungene Ante Jerkunica machte bassgewaltig auf sich aufmerksam. Sein Fachkollege Kwangchul Youn als Gurnemanz hatte dagegen nicht unbedingt seinen besten Tag erwischt. Er punktete zwar wie gewohnt durch kultivierte Linienführung und Phrasierung sowie ausgezeichnete Textverständlichkeit, klang aber diesmal etwas belegt und matt, in den großen Steigerungen fehlte es etwas an Durchschlagskraft. Das kann er normal weitaus besser, wie wir ja schon gehört haben. Nicht unproblematisch war auch der Amfortas von Thomas Hampson. Er ist natürlich ein großartiger Charismatiker und Sängerdarsteller, der das Leid des schuldverstrickten Gralskönigs intensiv und mit vollem Einsatz fühlbar werden ließ, aber stimmlich fehlte es ihm an Volumen, an Strahlkraft und Reserven, das klang angestrengt und musikalisch nicht wirklich frei. In diesem Fall also eher ein Auftritt mit Licht und Schatten… Ganz finster hingegen war es um Kundry bestellt, nach einer durchwachsenen Sieglinde war Petra Lang nun ein glatter Ausfall, die Partie fand praktisch nicht statt. Eigentlich gehört die Rolle ja zum angestammten Fach der Künstlerin, aber ihr Vortrag war von enervierender Eintönigkeit und Farbarmut, die Intonation bereits in der Mittellage kritisch und vor den Höhenanforderungen am Ende des zweiten Aktes kapitulierte sie völlig, das waren nur noch distonierende Schreie. Leider konnte sie auch darstellerisch nichts mehr rausreißen, eher im Gegenteil; eine so bieder und eindimensional rüberkommende Kundry habe ich bis dato noch nicht erlebt, vielleicht mit Ausnahme einer zu Recht heute vergessenen Einspringerin in den späten Neunziger Jahren.

Kein Wunder also, dass sich der langanhaltende Schlussapplaus und die Emotionen auf Kent Nagano konzentrierten. Selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: was dieser Ausnahmemusiker in den sieben Jahren seiner Amtszeit mit dem Orchester und für das Orchester erreicht hat, ist phänomenal. Er hat dem Staatsorchester programmatisch wie interpretatorisch ein glasklares Profil und eine unverwechselbare künstlerische Handschrift gegeben und uns, das Publikum, gelehrt, Musik wieder anders zu hören, andere Verbindungen zu ziehen und ihren Bedeutungszusammenhang besser zu verstehen. Mehr kann man von einem GMD eigentlich nicht verlangen. Ja, man hatte es vielleicht nicht immer leicht miteinander, er hat uns und seinen Musikern durchaus auch etwas abverlangt, ja: zugemutet. Nicht alles ist gelungen, keine Frage. Aber was gelang, und das war der allergrößte Teil, gelang grandios und vieles bleibt uns. In diesem Sinne: Good-bye Kent und danke für alles! Und Hamburg ist ja nicht aus der Welt…

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