Salzburger Festspiele: “Lucio Silla” – 4.8.2013

Salzburg ist eben doch nicht Bayreuth. Wie, das wussten Sie schon? Wollte es ja nur nochmal erwähnt haben… Zu den Unterschieden zwischen beiden Festspielstädten gehört nämlich auch, dass man unterhalb der Festung Hohensalzberg prinzipiell dem Gesamtwerk des Hausgottes Mozart gegenüber aufgeschlossen ist, während am Grünen Hügel die Frühwerke des dortigen Meisters kategorisch Hausverbot haben. So stand heuer neben Così fan tutte mit dem 1772 an der Mailänder Scala uraufgeführten Lucio Silla eine der eher unbekannteren Mozart-Opern auf dem Programm. Ja, genau, richtig gerechnet: der Gute komponierte diese ausgewachsene opera seria mit gerademal sechzehn Jahren. Und das ist schon wirklich erkennbar Mozart! Zugegeben, es gibt ein paar kleinere Durchhänger und nicht ganz so originelle Nummern, aus denen eher der Zeitgeist als die persönliche Genialität des Frühvollendeten spricht und ein gewisser Schematismus ist auch nicht zu verleugnen; aber es gibt eben auch die ganz großen Momente und überwältigend echten musikalischen Erfindungen, die durchaus gleichberechtigt neben vielen Arien aus den allseits bekannten Werken stehen. Auf jeden Fall bietet das Werk eine Menge toller Musik und bestes Sängerfutter. In Dramaturgie, Handlungsführung und Figurenkonstellation erinnert der Lucio Silla stark an die Clemenza di Tito: beide spielen im alten Rom, in beiden stellt der Kaiser seiner Todfeindin erotisch nach und übersteht einen Mordanschlag von deren Geliebten, welcher in beiden Opern im Knast landet und Gelegenheit zu einer ergreifenden Weltabschiedsarie (bzw. im Silla zu einem Duett) bekommt. Und in beiden Opern gibt es ein völlig motivationsloses und beim besten Willen nicht erklärbares Happy End, indem der jeweilige Herrscher plötzlich zum Gutmenschen mutiert, die Paare zusammengibt, allen verzeiht und dem Objekt seiner Begierde entsagt. Lucio Silla geht dabei sogar noch einen Schritt weiter als der Kollege Titus, indem er kurzerhand sein Amt abgibt und die Republik ausruft… Man kann es auch übertreiben.

Wie in Salzburg nicht anders zu erwarten, war die musikalische Realisierung erstklassig. Marc Minkowski gehört zu den Dirigenten, die einem seichten und verzärtelten Mozart-Bild den Kampf angesagt haben. Am Pult seiner Musiciens de Louvre greift er richtig in die Kiste, schon die zügig und beherzt angegangene Ouvertüre zog einem förmlich den Scheitel glatt und man war sofort im Stück. Wenn man bedenkt, welch sämigem, pseudo-romantisch aufgemotztem Mozart-Klang hier jahrzehntelang gehuldigt wurde… „Wenn das Undenkbare alltäglich geworden ist, hat eine Revolution stattgefunden“; sagte einst Comandante Che Guevara, und der wusste, wovon er sprach. Selbst in Salzburg ist historische Aufführungspraxis keine musikalische Fremdsprache mehr und der aufgeraute, „harzige“ Klang der Naturhörner und –trompeten gehört praktisch zum guten Ton. Dabei belässt es ein Musiker wie Minkowski natürlich nicht, seine Lesart ist nicht nur musikantisch-vital, sondern auch ungemein plastisch und genau, er arbeitet mit feinen Tempokontrasten und lässt die Musik strömen. Vor allem erscheinen die einzelnen Charaktere musikalisch differenziert und individuell gezeichnet, was sich von der Floskelhaftigkeit des Librettos wohltuend absetzt. Ein Plädoyer für dieses Werk, wie es überzeugender kaum denkbar wäre!

hires-Lucio_Silla_Olga_Peretyatko_Rolando_Villaz_n_c_Matthias_BausKurz vor knapp: Giunia (Olga Peretyatko) und Silla (Rolando Villazón) im Clich – Foto: Matthias Baus

Das gilt auch für die Sängerbesetzung; dieses Ensemble war nicht einfach nur aus ein paar großen Namen zusammengekauft, sondern auf höchstem Niveau homogen und klug zusammengestellt. Da der Uraufführungs-Sänger nicht seinen Ansprüchen genügte, hatte Mozart, auch schon in seinem zarten Alter, kurzerhand die Hälfte seiner Arien gestrichen und nicht komponiert. Hätte er damals allerdings einen Rolando Villazón am Start gehabt, hätte er vermutlich beim Poeten eher noch Nachschub bestellt. Natürlich verfügt Villazón nicht über eine genuine Mozart-Stimme und ist in diesem Fach immer zunächst etwas gewöhnungsbedürftig; er singt mit der ganz großen melodramatischen Geste und romantischer Dauer-Emphase und zuweilen schleichen sich gar „veristische“ Drücker und Schluchzer ein, die hier eigentlich nichts verloren haben. Hier allerdings passte dieser Vortrag bestens für die Partie des verkrachten Diktators, der sich ständig koloraturenselig im Selbstmitleid suhlt, da seine renitenten Untertanen ihn ja ständig zwingen, Gewalt anzuwenden… Villazón macht aus dieser fragwürdigen Figur einen psychotisch zerrissenen Außenseiter, eine Mischung aus trotzigem Kindskopf und unberechenbarem Autokraten. Dazu verströmte Villazóns Vortrag eine mitreissende Frische und opulente sinnliche Klangpracht. Offensichtlich ist er nach seinen Krisen und Ausfällen nunmehr wieder auf bestem Wege zurück zu alter Stärke und ich kenne keinen Opernfreund, der das dem sympathischen Künstler nicht von Herzen gönnen würde! Dennoch ist nicht der Herrscher die Zentralgestalt des Werkes, sondern die von ihm gestalkte Patriziertochter Giunia. Das ist eine echte Mozart-Primadonna, hochsensibel, pittoresk leidend, voller Leidenschaft und Temperament. Und stimmlich sehr anspruchsvoll, jubelnde Koloraturgirlanden und vokale Bravourakte sind hier ebenso gefragt wie die weichen, verletzlichen Töne und die lyrische Innenschau. Qualitäten, über derzeit wohl kaum eine Sängerin in ähnlich reichem Maß verfügt wie Olga Peretyatko. Deren vokale Möglichkeiten sind schier unerschöpflich, sie singt die entsprechenden Passagen mit atemberaubender Virtuosität, die Stimme klingt in allen Lagen sicher, abgerundet und perfekt fokussiert und in Sachen messa di voce übertrifft sie auch ihre, momentan noch, berühmtere Fachkollegin und Kompatriotin Anna Netrebko. Besonders frappierend ist, wie mühe- und bruchlos sie die Stimme von den höchsten Höhen in die Mittellage und die tieferen Register führt und welche Vielfalt von Nuancen sie dabei erreicht. In der Mittellage mischt sich in das strahlend helle Timbre der Künstlerin eine gewisse „Träne“, ein Ausdruck zarter und berührender Melancholie, welcher ihrem Vortrag besonderen Reiz und emotionalen Nachdruck verleiht. Die letzte Ecke dieses magischen Dreiecks war der Cecilio von Marianne Crebassa. Diese ist die große Entdeckung des Abends, wenn nicht gar der gesamten Saison. Ich hatte in den letzten gut dreißig Jahren mehrfach das Glück, große Sängerinnen und Sänger ganz zu Beginn ihrer Karrieren zu erleben und diese mit zu verfolgen, darunter Hampson, Bartoli, Flórez, Kasarova, Harteros und Garanča; und es würde mich nicht überraschen, auch Crebassa bald zu dieser Liste hinzufügen zu können. Die erst 26jährige Französin verfügt bereits über eine immense Bühnenpräsenz und eine dunkel-samtige und durchaus voluminöse Stimme von faszinierend androgynem Timbre, zart-herb und schwelgerisch süß zugleich, wie geschaffen für die schwärmerischen Charaktere von Mozart, Händel oder sicher auch Rossini und Donizetti. Da kommt auf die Opernwelt eine ganz große Bereicherung zu! Von Sillas finaler Generalamnestie (oder doch –amnäsie?) profitiert auch das zweite Paar. Die lyrisch-liebreizende Eva Liebau als Celia und die markantere, reifere Inga Kalna in der Hosenrolle des Cinna ergänzten das Ensemble erstklassig, der Kontrast der beiden so unterschiedlich timbrierten Sopranstimmen übersetzte sich sehr sinnfällig.

hires-Lucio_Silla_Marianne_Crebassa_Olga_Peretyatko_c_Matthias_BausMozart-Gesang in Vollendung: Marianne Crebassa (Cecilio) und Olga Peretyatko (Giunia) – Foto: Matthias Baus

Offiziell soll es sich hier sogar um eine szenische Aufführung gehandelt haben… Echt jetzt? Auf jeden Fall wäre „Inszenierung“ ein sehr großes Wort für das biedere Arrangement, das Marshall Pynkoski da zu verantworten hatte. Ein pseudo-klassizistisches Ambiente und Kostüme der Entstehungszeit, ein Bühnenbild, das eher nach einer misslungenen Laubsägearbeit ausschaut (Ausstattung: Antoine Fontaine), eine völlig funktionslose Tanzgruppe (Choreographie: Jeannette Zingg) und eine Personen“führung“, die sich darauf beschränkte, jede Figur zum letzten Teil ihrer jeweiligen Arie auf die plattformartig verbreiterte Mitte der Bühnenrampe zu zitieren. Das war alles? Ja. Mehr war nicht. Die Mozartkugel-Fraktion tobte vor Begeisterung ob dieser gespenstischen Zeitreise und für die Birtwistle-Flüchtlinge war die Welt wieder in Ordnung…

Nächstes Mal bitte inszeniert, aber sonst: Lucio Silla? Gerne wieder!

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