CD: Zwei neue Recitals von Piotr Beczala

Es gab mal Zeiten, die älteren von uns (also auch ich…) werden sich erinnern, da kamen jedes Jahr etliche im Studio produzierte Opern-Gesamtaufnahmen auf CD raus. Das war einmal, das passiert heute nur noch alle Jubeljahr. Der Markt? Gesättigt. Die Kohle? Nicht mehr da. Früher finanzierten die Plattenriesen, die Major Labels, solche Sachen praktisch aus der Portokasse, bzw. aus den üppigen Einnahmen der hauseigenen Pop-Sparte. Inzwischen sind, in Zeiten des Internets, von MP3 und Download, diese Einnahmen weggebrochen und die Party ist vorbei. Zugegeben, in den Hoch-Zeiten hatten die Kameraden auch kistenweise lieblose Kommerzeinspielungen der immer gleichen Werke auf den Markt geschmissen, die keiner gebraucht hat und die irgendwann auch keiner mehr hören wollte. Die Krise ist hausgemacht. Und heute? Gibt es immer noch Recitals. Arien-CDs, praktische Häppchen-Kultur, das Schönste der Klassik zum Nebenherlöffeln. Hat es natürlich auch immer schon gegeben, aber heute gibt es halt praktisch nur noch das. Übrigens würde sich das breite Publikum sicher wundern, wenn es wüsste, wie viele, sogar berühmte, Künstler ihre CD-Aufnahmen mittlerweile aus eigener Tasche zahlen, um überhaupt noch am Markt präsent zu sein…

Nun ist 2013 ja Verdi-Jubiläumsjahr… auch schon gemerkt? Wie denn auch nicht, schließlich ist der Weg in Fachgeschäfte und –abteilungen seit Monaten gepflastert mit neuen oder zumindest neu verwursteten Verdi-Einspielungen, Anthologien, Sondereditionen und Recitals, ob Callas, Leontyne Price, die zehn größten Verdi-Stimmen des Jahrhunderts auf Doppel-CD in neckischer Geschenkbox oder gleich der Backsteinriegel sämtlicher Verdi-Opern auf DVD… Natürlich sind gerade neue Verdi-Alben von Netrebko und Villazón auf den Markt gekommen, Domingo darf nicht fehlen, diesmal im Baritonfach unterwegs, und selbstredend wird auch Jonas Kaufmann noch nachziehen. Verdi senza fine also. Ohne Pause und vierundzwanzig Stunden am Tag.

Beczala Verdi      Beczala Tauber

Noch bevor das Hauptfeld der Jubiläumsausgaben über uns hereingebrochen ist, hat mit Piotr Beczala einer der heutigen Top-Five-Tenöre dem Maestro bereits mit einer neuen CD gehuldigt. Und damit hat er die Messlatte für die Konkurrenz schon mal sehr hoch aufgelegt, seine „Verdi Arias“ bieten eine abwechslungsreiche und vielseitige, dazu überragend gesungene, Auswahl von Arien aus nahezu allen Schaffensperioden Verdis, lediglich die Spätwerke sind ausgeklammert. Der 46jährige Beczala gilt nicht umsonst als der Gentleman unter den heutigen Tenorstars und wird diesem Ruf auch vor dem Mikrofon auf glänzende Weise gerecht. Sein weich leuchtender und doch kerniger Tenor ist eine wahre Wohltat, kein Drücken oder Stemmen, nicht der kleinste Manierismus stört die kultivierte Gesangslinie, die Stimme klingt in allen Lagen schlackenlos frei und steht sozusagen voll im Saft, die Spitzentöne erreicht Beczala nicht nur strahlend souverän, er bettet sie auch harmonisch in die Gesangslinie ein und macht sie zu beeindruckenden Kulminationspunkten seiner Interpretation. Diese Glanzleistung ist natürlich das Ergebnis nicht nur kostbaren Materials, sondern auch einer klugen Karriereplanung und eines künstlerischen Reifeprozesses; so wächst der Sänger immer mehr in die dramatischeren Spinto-Rollen hinein, ohne den lyrischen Kern und die Seele seiner Kunst einzubüßen. Dass Beczala den größten Teil der hier versammelten Charaktere schon oft auf der Bühne gesungen hat, merkt man sofort, sein Duca di Mantova, Alfredo oder Riccardo sind bewährte Zugpferde und musiktheatrale Markenartikel, ebenso wie das innige „Ingemisco“ aus der Messa da Requiem, auch dies gehört ja zu seinen Paraderollen. Doch auch die hier vorgestellten Repertoireneuheiten oder Ausflüge machen definitiv Lust auf mehr, auch bei Manrico und Radamès bleibt Beczala seinem hochmusikalischen und eleganten Stil treu, singt fein auf Linie und verströmt puren Wohlklang. Für mich der Höhepunkt des Programms ist allerdings die extrem anspruchsvolle Arie „Ô jour de peine“ des Henri aus Les Vêspres Siciliennes; wie Beczala hier nicht nur die Höhenanforderungen mit einer perfekten voix mixte meistert, sondern auch im Ausdruck genau die richtige Balance von Traurigkeit, Stolz und Aufbegehren in Töne bannt, ist ganz große Kunst. Überhaupt findet hier jeder der so unterschiedlichen dramatischen Charaktere eine glaubwürdige und differenzierte Vergegenwärtigung. Dazu hat sich Beczala die Unterstützung zweier prominenter Kollegen und Landsleute gesichert: die Mezzosopranistin Ewa Podleś, ohnehin eine sträflich unterschätzte Sängerin, gibt eine pastose und sehr autoritäre Azucena im großen Mutter-Sohn-Duett aus Il trovatore und Mariusz Kwiecien erfüllt Rodrigos Part im berühmten Freundschaftsduett aus Don Carlo mit kernig-virilem Bariton und mitreißender Emphase. Begleitet wird das Programm vom Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks, kompetent und engagiert geleitet von Łukas Borowicz.

Mit dem Verdi-Recital hat sich der Künstler zugleich von seinem bisherigen Stammlabel Orfeo verabschiedet und stattdessen bei der Deutschen Gramophon angeheuert. Und der Einstand hat nicht lange auf sich warten lassen, mit „Mein ganzes Herz“ legt Beczala als Debüt auf dem Gelbetikett eine der neuerdings so beliebten Hommage an-Platten vor. Seine Referenz gilt, nein ausnahmsweise mal nicht Mario Lanza, sondern Richard Tauber. Der war bekanntlich in den 20er und 30er Jahren der Marktführer im Bereich der leichten Muse, veredelte auch den infamsten Schmus zu gesanglichen Edelsteinen und ließ sich von seinem Spezl Léhar Ferenc solche Hits wie „Dein ist mein ganzes Herz“ oder „Gern hab ich die Frau‘n geküsst“ maßgerecht auf die Stimmbänder schneidern. Damit hatte es sich bekanntlich, als Tauber 1935 nach England emigrieren musste, während es sich Léhar im NS-Regime bequem machte wie die Made im Speck und seinem „geliebten Führer“ gleich reihenweise Präsente und Ergebenheitsadressen zukommen ließ… Nicht etwa Wagner war nämlich Hitlers Lieblingskomponist, sondern Léhar. Muss an der Stelle auch mal gesagt werden. Was an den künstlerischen Realitäten nichts ändert; für Léhars schwelgerisch-opulenten Vokalstil war Tauber der kongeniale Interpret. Und Beczala mit Sicherheit sein würdiger Nachfolger unter den heutigen Tenorstars. Schon das einleitende „Dein ist mein ganzes Herz“ macht klar, was hier Sache ist und womit Beczala uns die nächsten 60 Minuten verwöhnen wird: mit einer vollen Ladung tenoralen Glanzes und stimmlicher Pracht, völlig mühelos und wie aus dem Ärmel geschüttelt, mal opernhaft auftrumpfend, mal liedhaft intim, aber immer hochmusikalisch und geschmackvoll. Die üblichen tranigen Operetten-Attitüden vieler mittelprächtiger Kollegen vermeidet der Künstler, die Grenze zwischen Sentiment und Sentimentalität wird nicht überschritten, Schluchzer und überzogene Portamenti haben Hausverbot. Und doch besitzt sein Vortrag jene nonchalante Leichtigkeit und latente Doppelbödigkeit, mit der Operette im Idealfall daherkommen sollte; eine stilistische Gratwanderung, die nur den wenigsten gelingt! Übrigens auch Anna Netrebko nur sehr bedingt, die hier als special guest star für „Lippen schweigen“ aus der Lustigen Witwe neben Beczala zu hören ist… da wirkt der zweite Gast Daniela Fally doch idiomatischer. Naturgemäß besteht das Programm zum größten Teil aus bekannten Werken von Léhar und Robert Stolz, enthält aber auch einige (Wieder)entdeckungen von Komponisten wie Ralph Erwin, Carl Bohm oder Sigmund Romberg, dessen „Overhead the moon is beaming“ aus The Student Prince auch zu den Gusto-Stücken von Mario Lanza gehört hat. Nicht fehlen darf natürlich das von Tauber selbst komponierte Lied „Du bist die Welt für mich“, in dem Beczala mittels moderner Schnitt- und Montagetechnik in direkten musikalischen Dialog mit der Originalaufnahme seines Idols aus dem Jahr 1934 tritt. Eine technische Spielerei, die nicht mehr ganz neu ist, hier aber einen reizvollen klanglichen Kontrast zwischen Beczalas tenoralem Trompetenton und Taubers wesentlich dunkler gefärbtem Organ und seinem introvertierteren, fast chansonhaften Vortragsstil ergibt. Bleibt noch nachzutragen, dass Łukas Borowicz, diesmal am Pult des Royal Philharmonic Orchestra, wiederum ein schwungvolles und kompetentes Dirigat abliefert.

Fazit: Zwei grundverschiedene, aber einschränkungslos zu empfehlende Einspielungen, das ist einfach Hörvergnügen im Doppelpack!

Piotr Beczala: Verdi Arias – Orfeo C865 131 A

Piotr Beczala: Mein ganzes Herz – DG 479 1399

http://www.beczala.com

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