CD: Daniel Barenboim dirigiert Verdis “Messa da Requiem”

Es war DER Renner des Salzburger Festspielsommers 2012, mehr als zehnmal so viele Nachfragen wie verfügbare Karten und selbst für Salzburger Verhältnisse der ganz große Bahnhof. Gemeint ist Verdis Messa da Requiem im Großen Festspielhaus, dirigiert von Daniel Barenboim, mit Chor und Orchester der Mailänder Scala. Und dann erst die Besetzung! Anja! Elīna! Jonas! Und René! Mehr Star-Power und Glanz in der Hüttn geht ja gar nicht mehr in der heutigen Musikwelt… Geben wir es ruhig zu: hätte ich das Stück besetzen dürfen, ich hätte, zumindest zu drei Vierteln, genau diese nämlichen genommen.

Und nun, ein Jahr post festum, gibt es das Spektakel bei Decca auf CD und DVD zum Nach-hören, als Souvenir für die, die dabei waren und als Trostpreis für unsereinen, der letzten Sommer leer ausgegangen war. Aufgenommen wurde allerdings nicht das Salzburger Konzert, sondern das in Mailand einige Tage zuvor. Und das ist auch schon der einzige ernsthafte Einwand: bekanntlich ist die Akustik der Scala sehr speziell und nicht gerade mikrofonfreundlich, so dass die technische Gestalt dieses Mitschnitts zu wünschen übrig lässt. Das Ergebnis ist zwar besser als in der Scala- Live-Aufnahme desselben Werkes von 1987 unter der Leitung von Riccardo Muti, doch auch hier wirkt die Musik in den leisen Passagen wie mit einem leichten Grauschleier überzogen und eher distanziert; um die volle Klangfülle der CD zu erleben, muss man den Regler schon auf einen nachbarschaftsdynamisch heiklen Level einstellen… Die Solo-Stimmen sind dabei sehr präsent und natürlich eingefangen, in den großen Ensemble- und Chorstellen dagegen klingt alles sehr kompakt und etwas flach, da fehlt es einfach an Raumklang und Tiefenschärfe und der Chor gerät akustisch einige Male ins Hintertreffen. Das ist umso bedauerlicher, da die Aufnahme künstlerisch durchaus Referenzcharakter besitzt und innerhalb der langen Requiem-Diskographie sicherlich im vorderen Drittel anzusiedeln ist.

Requiem Cover

Nun kann man sich Verdis gewaltigem Werk von diversen Seiten aus nähern, kann es tatsächlich geistig-spirituell und eher introvertiert auffassen, aber auch als Oper im geistlichen Gewande oder als irgendetwas dazwischen. Für Daniel Barenboim ist dieses Requiem ganz klar das Werk eines Theatermusikers, sein Zugriff ist opulent, kraftvoll und sinnlich. Wie gewohnt setzt Barenboim auch hier auf einen unverblümt romantischen Mischklang und eine betont theatral-illustrative Lesart, die aber stets Sinn, Struktur und Zusammenhang hat. Die in der Musik beschworenen Bilder und Affekte kommen hier sehr direkt beim Hörer an und werden effektvoll ausgespielt: da schmettern die Trompeten des Jüngsten Gerichtes, da klagen die Celli und seufzen die Geigen, da mahnt das Schlagwerk und stolziert das Fagott, das Orchester und der Chor des Teatro alla Scala (Choreinstudierung: Bruno Casoni) können alles auffahren was sie zu bieten haben und ungeniert im echten Verdi-Pathos schwelgen. Die gesamte Partitur strahlt eine von düsterer Glut umflorte Gewalt aus, von der sich schlaglichtartig die Soli von Sopran und Mezzosopran als lichte Momente des Trostes und der Zuversicht abheben. Wer bisher noch keine Angst vor dem Tod hatte, der kann sie hier durchaus bekommen.

Das Solistenquartett hätte, wie eingangs erwähnt, prominenter kaum besetzt sein können und es wird den hymnischen Erwartungen auch fast zur Gänze gerecht. Der einzige kleine Abstrich gilt Jonas Kaufmann. Der bietet zwar mit seinem fast rotglühend timbrierten „Kyrie eleison“ einen elektrisierenden Einstieg  und punktet auch im weiteren Verlauf des Werkes immer dort, wo leidenschaftlich-opernhafter Gestus gefragt ist, das „Ingemisco“ krönt er mit beeindruckend strahlkräftiger Vollhöhe. Allerdings erfordert gerade diese Partie ein perfektes messa di voce und außergewöhnliche Pianokultur in hoher Lage… Und gerade an diesen Stellen, „Hostias et preces“ beispielsweise, hat Kaufmann so seine Schwierigkeiten, die Stimme entfärbt sich und der Ton wirkt nicht wirklich gestützt und organisch gebildet. Das verfehlt zwar nicht seinen gewünschten Effekt, ist aber gesangstechnisch trotzdem nicht ganz im Sinne des Erfinders. In einer „normalen“ Aufführung fiele das vermutlich gar nicht weiter auf, hier allerdings schon, da die drei Kollegen diese Technik perfekt beherrschen… Für die Abteilung Drohung und Prophetie ist, auch bei Verdi, natürlich der Bass zuständig und René Pape regiert einmal mehr mit balsamischer Klangpracht im Reich der nachtschwarzen Töne. Ob im stimmgewaltig auftrumpfenden „Rex tremendae majestatis“, im pastosen „Lacrymosa“ oder den immer leiser und fahler werdenden Einsätzen des „Mors stupebit“; hier kommen die Essentials auf den Tisch, eine gepflegte Gänsehaut ist garantiert. Für das Licht in der Finsternis sorgen die beiden Damen, die nicht nur im Terzenunisono des „Agnus Dei“ perfekt harmonieren, hier allerdings verschmelzen sie fast zu einer Stimme. Der Mezzo hat in diesem Werk eigentlich den dankbarsten Part, er darf nämlich fast alle eingängigen, affektsatten Ensemblesätze zuerst anstimmen… Das macht Elīna Garanča natürlich mit Wonne und der ganzen samtig-sinnlichen Schönheit ihrer wunderbaren Stimme. Die Tiefe hat die satte Opulenz und Klangfülle eines echten contralto musico, die Mittellage ist schlank geführt und fokussiert und in der Höhe entfaltet die Stimme einen geradezu magischen Glanz. So toll kann Mezzo sein! Und dann erst der Sopran…! Schließlich haben wir es ja mit Verdi zu tun und da hat das Oberhaus immer das letzte Wort; in diesem Stück auch buchstäblich. Nicht nur die technischen Anforderungen an die Sängerin sind geradezu über-irdisch, so ist diese Partie auch stimmtypologisch gemeint: als Stimme des Himmels, des Lichtes, der Transzendenz, schwebend über allen und allem anderen. Und da kann es momentan eben nur eine, die eine geben… Anja Harteros nämlich. Wen denn auch sonst. Das ist nicht nur einfach überwältigend gesungen, das natürlich auch, das geht noch darüber hinaus, fügt dem musikalisch Gegebenen noch eine weitere Dimension hinzu. Wie man diese jetzt benennen will ist sicherlich vom eigenen weltanschaulichen Setup abhängig; Rossini nannte es Il dolce cantar che nell’anima si sente. Treffender kann man es eigentlich nicht ausdrücken, denn sämtliche stimmlichen Ansprüche und Details verlieren an Bedeutung, man nimmt sie als solche nicht mehr wahr, hier emanzipiert sich der Gesang von solchen Dingen und führt ins Zentrum. Hier wird es Ereignis.

Decca 478 5245

http://www.deccaclassics.com

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