Salzburger Festspiele: “Nabucco” konzertant – 31.8.2013

Eigentlich muss man sich das mal ganz gepflegt auf der Zunge zergehen lassen: ausgerechnet mit drei konzertanten Aufführungen von Verdis Nabucco gingen die Salzburger Festspiele zu Ende… mit dem Werk eines glühenden italienischen Patrioten, der sein ganzes Leben in Kampf und Widerstand gegen die österreichische Besatzungsmacht und für einen unabhängigen italienischen Nationalstaat verbracht hat. Und dessen wohl lautstärkstes und knalligstes gesellschaftspolitisches Fanal ebenjener Nabucco war… Ist das noch Ironie der Geschichte? Oder die versuchte Entpolitisierung der Kunst, bei der Viva V.e.r.d.i ohne Pünktchen und Hintergedanken geschrieben steht?

Fakt ist, dass es ein künstlerisch überragendes Festspielfinale war. Um es gleich vorweg zu sagen: für mich Ostern, Weihnachten und Kanzlerrücktritt an einem Tag. Schließlich war es ein langgehegter Traum, einmal im Leben Riccardo Muti diese Oper live dirigieren zu hören. Ja, natürlich ist Nabucco bei halbwegs genauer Lektüre ein ideologisch hochproblematisches, eigentlich schwer erträgliches Machwerk; die Geschichte zweier gnadenlos nationalistischer Hassprediger namens Nabucco und Zaccaria, die heute natürlich anders heißen, sich in ihrer Borniertheit und Brutalität aber nicht von ihren Vorgängern unterscheiden. Das sind auch schon im Libretto gleiche Brüder unter diversen Kappen, der eine mag „in Strömen von Blut“ waten, der andere gleich das andere Volk „von der Erde getilgt“ wissen… alles im Namen Gottes, versteht sich. Richtig perfide ist das Ende, wenn der eine schließlich unter feierlichen Chorhymnen ideologisch umgedreht und akklamiert wird; gemordet und verfolgt wird weiter, aber jetzt pappt ja das „richtige“ Etikett drauf… Ja pfui Deifi. Und DAS soll man sich reinziehen?! Bei einer szenischen Deutung wäre dies natürlich der spielentscheidende Punkt, solches erklärend sinnfällig zu machen. Aber dazu kam es hier ja nicht, im Konzert frägt sichs tatsächlich nach der Kunst allein. Genuss ohne Reue also? In dieser Interpretation schon.

Salzburg Nabucco 2                                                                       Maestro in Aktion (Foto: Silvia Lelli)

Denn das erhoffte Ur-Erlebnis fand tatsächlich statt, was Riccardo Muti  mit dem Orchester und Chor des Teatro dell’Opera di Roma hier veranstaltet hat, war mit „Ehrenrettung“ nur unzureichend beschrieben. Gefühlt habe ich diese Musik hier zum ersten Mal im Leben gehört. Hier war alles anders als sonst, die jugendlich-musikantische Energie, die Wildheit des jungen Maestro übersetzten sich in jedem Takt, man spürte am eigenen Leib, welche bahnbrechende revolutionäre Sprengkraft diese Musik und diese Handlung für die Zeitgenossen gehabt haben müssen. Alles kommt wunderbar leicht, jugendlich und beschwingt rüber, zugleich nimmt Muti die Partitur vom ersten bis zum letzten Takt ernst. Natürlich greift auch er ganz tief in die Kiste, lässt die Tutti-Schläge knallen, reizt die Steigerungen in den Cabalette radikal aus und organisiert die Chorsätze mit fast paramilitärischer Präzision. Aber sehr im Gegensatz zu allen Nabucco-Dirigenten, die ich bisher gehört habe, sei es live oder von Konserve, klingt hier nichts trivial oder vordergründig lärmend, jede Melodie, jede Rückung, jeder Takt- oder Rhythmuswechsel hat seinen dramaturgischen Stellenwert und fügt sich harmonisch und sinnstiftend in das Gesamtgefüge ein, auch die klanglichen Wechselwirkungen zwischen Orchester und Banda. So entsteht ein unglaublich differenzierter, dynamischer, energiegeladener und „zündender“ Orchesterklang von mitreißender Frische und pulsierender Intensität; selbstverständlich auch in den leisen Passagen. Die Tempi sind straff ohne jemals gehetzt oder übertrieben zu sein und geben den Sängern alle Möglichkeiten zur Entfaltung. Bestes Beispiel ist der notorische Gefangenenchor, ein Stück, das so abgenudelt, so inflationiert, so ge- und missbraucht ist, das man es eigentlich gar nimmer hören mag. Hier dagegen wird die Szene geradezu zu einer Offenbarung und klingt völlig unpretenziös, wie gerade im Moment erfunden. Zart, fast schwebend der erste Einsatz, wie ein flüchtiger Gedanke, der im Laufe des Stückes immer mehr an Festigkeit und Überzeugung gewinnt; das großartige Crescendo, mit dem Muti den gesamten Satz überzieht, ist nicht nur ein technisches Detail, sondern ein Fanal, eine ungeheure Steigerung, eine Setzung. Für Beiläufigkeit, Schlamperei oder aufgesetzte Schmissigkeit ist hier kein Platz und auch wenn die römischen Kollektive vielleicht nicht zu den Besten ihres Faches zählen, so folgen sie dem Maestro mit fühlbarer Hingabe und spielen einen Verdi, wie man ihn sich authentischer, stilsicherer und leidenschaftlicher schwer vorstellen kann. Italianità vom Feinsten, Gänsehaut pur!

Salzburg Nabucco 1Full House im Großen Festspielhaus (Foto: Silvia Lelli)

Da wollten die Sänger nicht hinten anstehen und legten sich ebenfalls voll ins Zeug. So waren etwa Francesco Meli als Ismaele und Sonia Ganassi als Fenena in ihren eher undankbaren Partien regelrechte Luxusbesetzungen; vor allem dem kultivierten, metallisch-kernigen Tenor Melis würde man gerne in größeren Aufgaben wiederbegegnen. Ein in jeder Hinsicht prachtvoller Nabucco war Željko Lučić, der momentan in diesem Fach tonangebend ist. Er verfügt nicht nur über außergewöhnliche Musikalität und Stimmvolumen, sondern auch über die kernig aufblühende Höhe, die für die großen Verdi-Rollen unumgänglich ist. Den herrischen Eroberer gestaltet er ebenso überzeugend und glaubwürdig wie die geistige Verwirrung des gestürzten Potentaten. Seinen unerbittlichen religiösen und machtpolitischen Gegenspieler Zaccaria sang Dimitrij Belosselsky mit ausladendem, nachtschwarz timbrierten Bass, der aber auch die nötige Flexibilität und Geläufigkeit für die Cabaletta im ersten Akt besitzt.  Auch die beiden ariosen Abschnitte im zweiten und dritten Akt kamen wie in Stein gemeißelt. Ein größeres Besetzungsproblem stellt da schon die Abigaille dar und die kurzfristige Absage von Tatjana Serjan brachte die künstlerische Leitung heftig in die Bredouille, überragende Alternativen tun sich von jetzt auf gleich eher nicht auf… Daher sollte man mit der couragierten Einspringerin Anna Pirozzi auch nicht zu hart ins Gericht gehen; diese Partie ist eine Killer-Nummer und sie dreimal in nur vier Tagen singen zu müssen der blanke Wahnsinn. Ob sich die junge Neapolitanerin damit wirklich einen Gefallen getan hat, sei dahingestellt. In den lyrischen Momenten wie dem Cantabile „Anch’io dischiuso un giorno“ oder der Sterbeszene überzeugte sie durchaus, stieß in den zahlreichen dramatischen Ausbrüchen und Intervallsprüngen aber an ihre Grenzen.

 

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