“Arabesque” – die neue CD von Olga Peretyatko

Vögel gibt es bekanntlich so einige in der Opernwelt, man denke nur an Lohengrins Schwan, Walvaters Raben oder Siegfrieds Waldvogel. Doch der mit Abstand am häufigsten genannte ist… Jawohl, danke fürs Mitdenken, die Nachtigall. Nicht, dass diese womöglich irgendwo großartig zu Protagonistenehren gekommen wäre; aber es hat sich irgendwie eingebürgert, dass nahezu jede hohe und koloraturensichere Sopranistin das Etikett „Nachtigall“ aufgeklebt bekommt, angefangen mit der „schwedischen Nachtigall“ Jenny Lind bis heute… Viva la fantasia! kann man da nur sagen. Olga Peretyatko bildet da keine Ausnahme. Eine Assoziation, die angesichts der tatsächlich jubilierenden Höhe und ansteckenden Sangesfreude der Künstlerin sogar berechtigt erscheint, die deren Persönlichkeit alleine aber nicht gerecht wird.

Unter dem schön luftig klingenden und eher mehrdeutigen Titel „Arabesque“ hat Olga Peretyatko nun ihr zweites Solo-Album vorgelegt und es ist wiederum die reine Freude geworden. Die Programmfolge, 13 Titel von 10 verschiedenen Komponisten, mutet auf den ersten Blick etwas zusammengewürfelt an, enthüllt beim Anhören aber doch eine gewisse innere Logik und Gliederung in zwei Blöcke: der erste bestehend aus Mozart und Belcanto, der zweite aus betont leichter Kost von schwungvoller Melodik und Verspieltheit, dazwischen findet sich mit der Boléro-Arie „Mercè dilette amiche“ aus Verdis I Vespri Siciliani (hier in der italienischen Version) der einzige repertoiretechnische „Ausreißer“. Ein Stück, das gleichwohl nur sehr bedingt in dieses Programm passt, die Brillanz der Koloraturen verbindet sich hier nämlich mit deutlich gesteigerter Dramatik, darin dem Trinklied der Lady Macbeth durchaus vergleichbar. Eine Arie, die ich eigentlich nur von Maria Callas im Florentiner Mitschnitt von 1951 wirklich überzeugend gehört habe…

Peretyatko CD

 

Wunderbar eingeleitet wird das Ganze von Mozarts Konzertarie „Ah se in ciel, benite stelle“ und man ist augenblicklich drin, hier wird gleich gut durchgelüftet. Und Olga Peretyatko gibt schon in diesen ersten Spielminuten eine sängerische Visitenkarte erster Ordnung ab: die glockenhelle, extrem agile Stimme läßt Mozarts Kantilenen und Koloraturkaskaden in hellstem Licht erstrahlen, mit lockerer und hochmusikalischer Stimmführung als sei das hier das Simpelste auf der Welt. Und nicht nur das, die Musik strahlt auch ebenjene jugendliche Frische, Verspieltheit und Unbekümmertheit aus, mit der sie auch erdacht wurde. Überhaupt ist Koloraturgesang das Kernthema dieser Programmfolge und was Peretyatko hier bietet, ist in zweierlei Hinsicht mustergültig: zum einen in der brillanten Technik, Koloraturen, Triller, vokaler Zierrat jeglicher Art kommt völlig mühelos und klar, die einzelnen Töne klingen perlend und wie an der Schnur gezogen, kein Luftloch und keine Kante stört die Linienführung. Vor allem aber hat man in keinem Moment das Gefühl, einem Dressurakt oder einer reinen stimmlichen Schauturnerei zu lauschen; vielmehr folgt die musikalische Faktur immer dem Rollencharakter, die Koloratur ist immer Gestaltungsmittel und nie Selbstzweck. Besonders deutlich wird dies etwa in Annas Arie „Crudele? Non mi dir bel idol mio“ aus Don Giovanni und in den beiden Arien der Elvira aus Bellinis I puritani. Ob seelischer Zwiespalt, verspielter Übermut oder selig süße Entrückung, Olga Peretyatko gestaltet alle Affekte nuanciert, individuell und glaubwürdig. Ein Kunststück, das beileibe nicht jeder Sängerin im Rahmen eines solchen Potpourris gelingt! Zauberhaft und mit großer lyrisch-sinnlicher Intensität gesungen ist auch Susannas „Deh vieni, non tardar“ aus dem Figaro, die berühmte „Rosenarie“: ohne die Stimme künstlich abzudunkeln mischt sie ihrem strahlend hellen Timbre hier gewissermaßen einen „nächtlichen“, einen wunderbar introvertierten und poetischen Tonfall und eine gute Prise hintersinniger Erotik bei und trifft damit Mozarts wohl liebenswerteste Frauengestalt traumwandlerisch sicher. Solchen musikalischen Tiefgang haben die Werke des letzten Drittels nicht zu bieten, hier dominiert ein spielerischer, heiterer und zuweilen auch leicht frivoler Grundton. Neben Arditis bekannter Konzertarie Il bacio oder Adeles „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ aus der Fledermaus gibt es hier auch die eine oder andere Rarität zu entdecken, etwa Villanelle von Eva Dell’Aqua und Arien aus Gounods Mireille und Bizets Vasco da Gama, einfach hinreißend gesungen und geradezu veredelt durch Peretyatkos farbenreichen und nuancierten Vortrag. Zu erwähnen ist auch, dass sie in allen drei Sprachen gleichermaßen auf der Höhe ist – bis auf die letzte Nummer des Programms. In Alexander Alabieffs Die Nachtigall – womit wir wieder beim Thema wären – gibt es keinen Text mehr, das knapp siebenminütige Stück besteht komplett aus Vokalisen. Gelegenheit für die Künstlerin, noch einmal geballt ihre Virtuosität, Stimmschönheit und Ausdrucksvielfalt zu demonstrieren.

Das Klangbild der Aufnahme ist räumlich und präsent, die Singstimme sehr natürlich eingefangen, das Orchester ein klein wenig in die zweite Reihe abgemischt. Technisch gibt es auch am Spiel des NDR-Sinfonieorchesters unter der Leitung von Enrique Mazzola nichts zu mäkeln, das ist ehrliche Arbeit und eine solide, verlässliche Sängerbegleitung. Gerade im ersten Drittel hätte ich mir hin und wieder eine stärkere Gewichtung und einen echten musikalischen Gegenpol gewünscht, das ist halt bei solchen Sammelprogrammen und den heutigen Produktionsbedingungen immer so eine Sache… Auch Artwork und Aufmachung der CD überzeugen durch geschmackvolle Eleganz; ohne Zweifel ein Premium-Produkt.

Und Olga Peretyatko? Ist gewiss nicht nur eine Nachtigall. Sondern eine singende Poetin der hohen und höchsten Töne.

www.olgaperetyatko.com

www.sonymusic.de

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