CD: Christian Gerhaher und Kent Nagano mit Orchesterliedern von Mahler

Der Welt abhanden gekommen…

Huch! – Welch ein Frontcover… Düsterer und schwermütiger geht es ja kaum noch, ein trockenes, verwelktes Ahornblatt (die CD wurde in Kanada aufgenommen…) vor dunkelbraunschwarzem Hintergrund. Ein perfektes Traueranzeigen-Design, sogar die Silberscheibe drinnen ist auf einer Seite schwarz… Sobald man sie auflegt, kommt allerdings Licht in die Sache. Mit dieser Einspielung der drei großen Orchesterlieder-Zyklen von Gustav Mahler hat die bisherige Referenzaufnahme von Thomas Hampson mit Leonard Bernstein am Pult der Wiener Philharmoniker eine ernsthafte Konkurrenz bekommen; zumal der Interpretationsansatz, der musical approach hier ein ganz anderer ist.

Nun führen alle drei Zyklen, die Lieder eines fahrenden Gesellen, die Kindertotenlieder und die fünf Rückert-Lieder, thematisch ganz tief hinein in menschliche Abgründe und Leiden; Tod, Verlust, Weltschmerz, Ohnmacht und unerfüllte Liebe. Das muss man aushalten, als Interpret wie als Zuhörer, hier werden emotional die ganz großen Geschütze aufgefahren und die ganz dicken Bretter gebohrt, hier geht es um Alles oder Nichts. Mahler, das ist Bekenntnismusik, nichts für Spießer, nur für Genießer! Mal eben so einen Mahler zu spielen, das geht gar nicht, wer nicht bereit oder in der Lage ist, sich dem Kosmos des Komponisten auszuliefern, der soll es bitte bleiben lassen!

CD Mahler Gerhaher

Dementsprechend war die Zahl der überragenden Mahler-Sänger schon immer eher überschaubar. Und dass Christian Gerhaher einer der profiliertesten und besten davon ist, stellt er auch mit dieser Einspielung wieder eindrucksvoll unter Beweis. Schon die pure Schönheit des Tons, die klare Diktion und die genuine Musikalität des Vortrags würden ausreichen, Gerhaher zu einem Ausnahmesänger zu machen, doch ist dies erst die Grundlage seiner famosen Gesangs- und Gestaltungskunst. Es gibt momentan nur ganz wenige Sänger, die eine präzise und nuancierte Textgestaltung mit einer solchen Fülle an musikalisch-klanglichen Farben und Vergegenwärtigungen verbinden; bei ihm bilden Text und Musik stets eine Einheit. Die Stimme klingt in allen Lagen äußerst präsent und wird schlank geführt, auch in den fast tenoral anmutenden Höhen bleibt die charakteristische Stimmfarbe erhalten und wird nicht grell, das piano ist technisch herausragend gebildet und gestützt. Vor allem aber kennt Gerhaher den Unterschied zwischen Melancholie und Larmoyanz, auch in den Kindertotenliedern läuft er nie Gefahr, die Stücke zu vertrauern oder gar zu verkitschen, der Vortrag bleibt stets klar fokussiert und männlich, frei von Sentimentalität und Übertreibung, aber dennoch bewegend und intensiv. Höhepunkt der CD sind die Rückert-Lieder, schon deswegen weil dies der inhaltlich und musikalisch vielschichtigste der drei Zyklen ist und eine ganze Reihe von Stimmungen und Affekten durchläuft, gipfelnd in der inneren Gelassenheit und lustvollen Abgehobenheit des letzten Liedes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Für diese differenzierte und unsentimentale, ganz auf ein breites Farb- und Ausdrucksspektrum setzende Lesart ist Kent Nagano natürlich genau der richtige Partner. Am Pult des Orchestre symphonique de Montréal breitet er dem Solisten einen feingewobenen und schimmernden Klangteppich aus, sanft oszillierend und beinahe introvertiert. Besonders die sich hinaufschraubenden Kantilenen der Geigen sorgen, im Verbund mit Gerhahers atemberaubenden Crescendi, immer wieder für Gänsehautmomente. Dennoch, und das haben einige Auftritte in seiner Münchner Zeit bestätigt, ist Nagano für mich kein genuiner Mahler-Dirigent. Bei aller Transparenz und Klangkultur wirkt seine Interpretation oftmals die entscheidende Nuance zu glatt und kontrolliert, die Wildheit und Zerrissenheit von Mahlers Musik übersetzen sich nur ansatzweise.

Dennoch eine wunderbare Aufnahme, bei deren Anhören man tatsächlich der Welt abhanden kommen kann…

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