Cecilia Bartoli mit noch mehr Steffani auf CD

Spätestens seit letztem Jahr kann eigentlich kein Musikfreund mehr behaupten, Agostino Steffani nicht zu kennen. In 2012 nämlich startete Cecilia Bartoli ihre „Mission“ mit der gleichnamigen CD und präsentierte einer staunenden Öffentlichkeit Opern- und Konzertarien aus der Feder ebenjenes längst vergessenen Maestro; das vermutlich knalligste Comeback seit Lazarus. Steffani war nicht nur ausgebildeter und geweihter Priester, Komponist und Sänger, womöglich sogar Kastrat, sondern auch Diplomat, Geheimagent und Apostolischer Vikar, pflegte freundschaftlichen Umgang mit Künstlern, Politikern und Fürsten; einer der ersten professionellen Networker Europas. Wow. Wo bleibt denn die Verfilmung seines Lebens? Vielleicht könnte man schon mal John Malkovich für die Hauptrolle anfragen? Vor allem aber war Steffani ein mit einer sensationellen musikalischen Erfindungsgabe gesegneter Künstler, dessen Musik derjenigen seines Kollegen und Zeitgenossen Händel durchaus auf Augenhöhe begegnet.

Steffani

Kein Wunder also, dass Cecilia Bartoli und die Firma Decca jetzt nochmal nachgelegt haben. Nach dem weltlichen haben sie nun auch das geistliche Oeuvre Steffanis eingespielt: das Stabat Mater sowie einige kürzere Kantaten, Motetten und Chorsätze. Der größte Teil davon sind Weltersteinspielungen, der Repertoirewert der CD folglich ebenso herausragend wie die Interpretation. Ob man als – sagen wir mal: durchschnittlicher – Barock-Konsument und nicht Hardcore-Fan alle diese Werke wirklich im Plattenschrank braucht, sei mal dahingestellt. Denn erstaunlicherweise klingt die Kirchenmusik des Priester-Komponisten weit weniger originell und inspiriert als seine Opernarien und duetti da camera… Das ist alles ausgesprochen hübsche, schön zu hörende und handwerklich prima gemachte Musik, im Vergleich aber doch über weite Strecken eher barocker Mainstream. Außerdem steht zwar groß Bartoli drauf, de facto ist aber arg wenig Bartoli drin; nur in drei von sieben Werken auf dieser Scheibe ist sie zu hören. Nichts gegen die Darbietungen der Kollegen – aber das ist schlicht eine Mogelpackung, zumal sich auch in zwei dieser drei Stücke ihre Mitwirkung quantitativ sehr in Grenzen hält.

Das Hauptwerk der Einspielung, das 1728 entstandene Stabat Mater, ist vor allem durch den Vergleich mit den viel bekannteren Vertonungen von Pergolesi und Rossini interessant. Mit nur 25 Minuten Spieldauer ist es nicht nur deutlich komprimierter, auch musikalisch unterscheidet es sich deutlich von Pergolesis lyrischem Leidensexzess und von Rossinis virtuoser Sakral-Oper. Reizvoll sind hier vor allem die kanonartig gestaffelten Choreinsätze, während die Solo-Partien in Melodik und Linienführung sehr schlicht und fast karg rüberkommen, Textwiederholungen gibt es kaum und der vokale Zierrat beschränkt sich auf ein Minimum, wenig Sängerfutter also. Ungewohnt ist auch die Stimmenverteilung: das „Cuius animam“ etwa, bei Rossini eine halsbrecherisch schwere Tenorarie, ist hier ein unspektakulärer Chorsatz und das „Inflammatus“ ein ruhiges Duett der beiden Tenöre anstelle des furiosen Sopran-Solos bei Rossini. Natürlich spricht es sehr für Cecilia Bartoli und ihr künstlerisches Selbstverständnis, wie undivenhaft und diszipliniert sie sich hier ins Ensemble einfügt und ihren wenig spektakulären Part dennoch mit erlesener Stimmschönheit und Klangkultur veredelt. Sie kann eben nicht nur die Bravournummern und „Abräumer“, sondern auch die Kontemplation und lyrisch-beseelte Innenschau. Einen besonderen Reiz haben ihre Duettpassagen mit Franco Fagioli, in denen sich die Stimmen ganz wunderbar mischen und doch kontrastieren. Da Fagioli hier in einer für Countertenöre eher ungewohnten, sehr tiefen Lage singt und sein Organ zudem reizvoll androgyn timbriert ist, ist der Klangeindruck ein ganz anderer als man sonst mit dieser Stimmlage verbindet. Gut, wenn auch in Stimmfarbe und Gestus sehr ähnlich, sind die beiden Tenöre Daniel Behle und Julian Prégardien, eine echte Entdeckung der Bassist Salvo Vitale (nomen est omen?): eine kultivierte, herrlich dunkel und doch geradezu cremig klingende Stimme, die man hoffentlich in Zukunft öfter hören wird. Diesen Künstlern begegnet der Hörer auch im „Zugabenteil“ dann wieder, außerdem wirken hier noch die wunderbar hell und klar singende Nuria Rial sowie Yetzabel Arias Ferndandez und Elena Carzaniga mit; ein bei allem Wohlklang aufkommendes Gefühl gewisser Monotonie können sie leider auch nicht gänzlich verbannen…

Höhepunkt der Zugaben, wenn nicht der ganzen Einspielung, ist die Solo-Motette Non plus me ligate. Denn hier ist endlich La Bartoli pur zu erleben. Und sie darf hier auch richtig den Zauberkasten aufmachen, Koloraturenketten wie ein Lasso durch die Lüfte wirbeln, glutvoll schmachten und flöten und ihre enorme Spannbreite von pastoser Tiefe bis jubelnder Sopranhöhe demonstrieren. Da kommt Freude auf!

Die musikalische Leitung und der instrumentale Unterbau liegen, wie schon bei „Mission“, wieder in den bewährten Händen von Diego Fasolis und seinem Ensemble I Barrochisti. Ein farbenreiches, kultiviertes Musizieren, grundsolider Barock-Klang ohne irgendwelche Exzesse in Sachen Tempo und Tongebung. Auch der, ebenfalls von Fasolis einstudierte, Coro della Radiotelevisione svizzera zeigt sich auf der Höhe. Übrigens hat die Decca bereits in dritten Streich geführt und eine weitere CD mit Ouvertüren und Tänzen aus Steffanis Opern herausgebracht; für alle, die gerne noch mehr Agostino haben möchten.

Fazit: Für echte Barockmusik-Freaks, die ihre einschlägige Sammlung vervollständigen möchten, ist die CD ein Muss. Wir eingefleischte Bartoli-Fans kaufen sie sowieso, obwohl: siehe oben. Alle anderen können sich auch eine schöne Händel-CD auflegen und zufrieden sein.

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