Bayerische Staatsoper: “Don Giovanni” – 26.9.2013

Zur gleichen Zeit des Jahres wenn auf der Münchner Theresienwiese wieder die Fässer aufgemacht und die großen Gläser befüllt werden, pflegt sich traditionell auch die Pforte der Staatsoper auf ein Neues zu öffnen; Ozapft is heißt es hier, Ospuit is dort. Diesmal ist allerdings die Staatsoper mit eher gebremstem Schaum in die Saison gestartet, ein kritischer Wiesngast hätte diesen Einschank sicher bemängelt: die Kassenknüller L’elisir d’amore und Le nozze di Figaro, dazu eine Wiederaufnahme von Don Giovanni in wieder einmal praktisch komplett neuer Besetzung.

Auch an diesem Abend war durchaus noch Luft nach oben; obwohl durchgehend solide bis gut gesungen wurde, wollte der zündende Funke irgendwie nicht wirklich überspringen und das Stück wurde mehr vorgetragen als wirklich realisiert. Das mag auch am Staatsopern-Debütanten Louis Langrée gelegen haben. Der hatte 2010 die aufsehenerregende Don Giovanni-Inszenierung von Dmitri Tcherniakov in Aix-en-Provence dirigiert und dort mit seiner kleinteiligen, fiebrig-nervösen Lesart für Furore gesorgt. Hier allerdings tat sich Langrée, der künstlerisch von der Alten Musik herkommt, relativ schwer, seine Klangvorstellungen mit denen des eher opulent besetzten und auf romantische Prachtentfaltung geeichten Staatsorchesters unter den vielzitierten Hut zu bringen. Das gegenseitige Bemühen war evident und unzweifelhaft, das Ergebnis jedoch klang mehr nach angezogener Handbremse denn nach einer Vollblutveranstaltung. Schade, mit ein paar Proben mehr hätte sich das durchaus interessant gestalten können.

Giovanni BSO1

Frauenpower vs. Macho-Charme: Laura Tatulescu (Zerlina), Dorothea Röschmann (Elvira) und Simon Keenlyside (Giovanni) – Foto: Wilfried Hösl

Auch sängerisch blieb der Gesamteindruck eher indifferent, eine wirklich homogene Ensembleleistung ist unter diesen Umständen kaum zu erreichen; einer jener berüchtigten „Einer besser, einer schlechter“-Abende, die für den Repertoirealltag so typisch sind. Zentralgestalt des Abends war der Don persönlich und der großartige Simon Keenlyside machte auch all jene staunen, die ihm, der oftmals ja eher als intellektuell und introvertiert empfunden wird, die Rolle des virtuosen Machos und Schurken nicht zugetraut hatten. Keenlyside schlüpft mit spürbarer Wonne in die Rolle des Verführers, sein Don ist ein brillanter Entertainer, skrupelloser Machtmensch und Verbrecher und vor allem ein großer Manipulator und Täuscher; Sex und erotische Verführung sind nur zwei Instrumente im großen Orchester der Demagogie, das er so trefflich bedient. Herrschaftliche Grandezza beherrscht er ebenso wie die dirty little tricks des abgefeimten Gauners, seine Bewegungen sind mal von katzenhafter Geschmeidigkeit, mal von lauernder Hinterhältigkeit. Auch stimmlich setzt Keenlyside diese Wandlungsfähigkeit grandios um, kann schmachten und flöten, aufdrehen und zurücknehmen, er kann schneidend hart, sachlich-kühl oder schäfchenweich klingen. Warum er die schön schmierige Bombenleger-Perücke in der Pause im Camerino gelassen hatte und im zweiten Akt naturbelassen kurzhaarig auftrat, erschloss sich allerdings nicht… Leider fand er an diesem Abend keine wirklich kongenialen Partner. So ist eigentlich gar nichts einzuwenden gegen Kyle Ketelsens Leporello, er singt präzise und musikalisch, mit weichem, einschmeichelndem Bariton und einer wirklich guten Mozartstimme. Trotzdem bleibt er neben diesem Giovanni ein reiner Side-kick, es fehlt an Präsenz und Spielwitz, er nimmt die Akzente und Vorgaben seines Partners zu wenig auf. Ähnlich ist es auch bei Bernard Richter als Ottavio: kraftvoll, sicher und straight ahead gesungen, aber ohne den lyrischen Schmelz und die Sensibilität, die den humanistischen Kopfmenschen Don Ottavio ausmachen. Elza van den Heever hatte 2011 hier ein fulminantes Hausdebüt als Elsa in Lohengrin hingelegt und kehrte nun als Donna Anna zurück. Wiederum punktete sie mit attraktiver Erscheinung, Präsenz und Ausdruck, hatte allerdings so ihre Schwierigkeiten, die deutlich größer gewordene Stimme auf Mozart-Maß zurückzufahren, insbesondere die Koloraturen gerieten dabei ins Schlingern. Zu kämpfen hatte auch Dorothea Röschmann als Donna Elvira, und zwar an zwei Fronten gleichzeitig: zum einen gegen die geradezu infam hässliche und unfeminine Aufmachung zum anderen mit den immer weiter auseinander driftenden Registern ihrer Stimme, die sie erst nach der Pause besser in den Griff bekam. Dank der Schönheit des Timbres und des leidenschaftlichen Vortrags konnte sie dies allerdings noch einigermaßen wettmachen. Laura Tatulescu (Zerlina), Tareq Nazmi (Masetto) und Goran Jurić (Komtur) sangen ihre Partien ordentlich, ohne gesteigerte Begeisterungsstürme zu entfachen. Repertoirealltag eben.

Giovanni BSO2

 

Don und Diener bei der Party-Vorbereitung (Foto: Wilfried Hösl)

Inszenierung? Ach naja, gibt es auch. Seit 2009 müssen wir diese Produktion von Stefan Kimmig nun schon ertragen, so langsam wird es wirklich Zeit zur Entsorgung. Viel häßlicher und nichtssagender geht es in der Tat kaum, die Handlung spielt aus unerfindlichen Gründen in einem Containerterminal (Bühne: Katja Haß), die einzelnen Boxen klappen auf und zu und offenbaren ein Innenleben aus Tand und Trödel, Müllhaufen vor Blümchentapete, garniert mit angestaubtem Regietheater-Schnickes von vorgestern. In dieser Wüstenei kann dann jeder Sänger machen, was ihm gerade einfällt. Oder auch nicht. Nein, ein Ruhmesblatt für die Staatsoper wird dieser Giovanni nicht mehr. Also richten wir den Blick nach vorne auf eine neue, hoffentlich spannende und gewohnt hochkarätige Saison… Siehe oben!

 

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