Jonas Kaufmann “The Verdi Album” auf CD

Verdi mit Schmelz und Schmackes

Uhi. Welch ein Blick. What a man. Mit diesem Frontcover, was soll da noch schief gehen? Und falls Daniel Craig mal keine Lust mehr auf weitere Kinoauftritte im Dienste ihrer Majestät haben sollte, stünde mit Jonas Kaufmann eine Besetzungsalternative bereit… Wie es um dessen Künste am Spieltisch und am Martiniglas bestellt ist, müsste man noch eruieren, aber bella figura in jeder Lebenslage zu machen dürfte kein Problem sein und auch am Steuer einer modernen Massenvernichtungswaffe in Sportwagenform kann man ihn sich durchaus vorstellen. Und zudem hat Kaufmann noch einen riesigen Vorteil gegenüber allen anderen Bond-Darstellern: er kann auch noch singen!

Kaufmann Verdi

Nach seiner Hommage an den berühmten sächsischen Tonsetzer im Frühjahr nimmt sich Kaufmann nun den anderen Jahresjubilar vor. Als tedesco eine ganze Verdi-Platte? Nun, der Mann traut sich was… muss er ja auch als künftiger 007. Dabei muss Kaufmann den Italiener in sich nicht erst entdecken, dass er oltr’alpe, also nördlich des Alpenhauptkammes, geboren ist, hört man so gut wie gar nicht, Aussprache, Tonfall und Sprachmelodie sind mustergültig und spontan fällt mir – außer Wunderlich natürlich – kein anderer deutscher Sänger ein, der im italienischen Repertoire so idiomatisch geklungen hätte. Kaufmanns USP, seine Unique Selling Proposition, unter den heutigen Top-Tenören war schon immer die enorme Sinnlichkeit, Impulsivität und Leidenschaftlichkeit seines Vortrags und diese Karte kann er gerade hier bei Verdi natürlich ungeniert ausspielen. Das tut er mit hörbarer Wonne, wirft sich förmlich mit ausgebreiteten Armen hinein in Verdis affektsatte Klangbäder und singt mit dunkel glühendem, vor Sinnlichkeit berstendem Ton. Kaufmann kann mit der Stimme strahlen und schmachten, lieben und leiden, opernhaft auftrumpfen, aber auch mit lyrischer Emphase becircen. Vor allem wahrt er auch im Eifer des Gefechtes die Linienführung und überschreitet nie (OK, nur ganz selten…) die Grenze zum Schnulzigen oder Sentimentalen. Ein zuweilen heikles Thema bei Kaufmann sind bekanntlich die Piani, aber hier beweist er, dass ihm auch deren wundersame Welt durchaus zu Gebote steht wenn er will und zumeist kommen die leisen Stellen geschmackvoll und harmonisch in die Gesangslinie integriert; nur ganz zuweilen übertreibt er es  und einige Stellen geraten dann etwas sehr manieriert, vor allem der Schluss von „Celeste Aida“, jenes berühmt-berüchtigte pianissimo-B. Das ist von Generationen von Tenören konsequent ignoriert und zur plärrenden Vokal-Fanfare umfunktioniert worden; und Kaufmann singt es schon aus Trotz so leise und so lang ausgehalten, dass es schon hart an der Grenze ist, ein gesungenes „Hört mal, so geht das!“. Richtig in seinem Element ist der Künstler bei den dramatischeren Partien der mittleren und späteren Schaffensperiode des Komponisten, als Manrico, Don Carlo, Radamès, Riccardo oder Gabriele Adorno vereint er Schmelz und Schmackes, dramatische Durchschlagskraft mit lyrischer Innenschau und innigem Ausdruck. Für mich die beste Nummer des gesamten Programms ist Alvaros Arie aus La forza del destino, eine Partie, die er Ende des Jahres erstmals auf der Bühne singen wird. Er bewältigt nicht nur den wiederholten, technisch äußerst anspruchsvollen Vokalaufschwung zu Beginn des Cantabiles bewundernswert, sondern ruft auch eine hoch spannende Vielfalt von Klangfarben und Nuancen auf, die diesen inneren Monolog des getriebenen Außenseiters zu einem Ereignis machen. Nicht ganz unerwartet finden sich hier auch zwei Szenen aus Otello. Gewiss ist es nur eine Frage der Zeit, wann Kaufmann als Moro di Venezia debütieren wird; und diese beiden Nummern, der Monolog „Dio, mi potevi scagliar“ aus dem 3. Akt und natürlich die Finalszene, sind sozusagen ein Blick in die Werkstatt. Kaufmann ist unüberhörbar auf dem Weg zum Otello, besitzt zweifellos den notwendigen volltönenden Bronzeton und die Plastizität des Vortrags. Noch wirkt er nicht wirklich angekommen, noch zu domestiziert und beherrscht, aber in diese Rolle wirklich hineinzufinden ist ein langer und harter Weg. Man darf gespannt sein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dies Kaufmanns bisher bestes und stimmigstes Soloalbum geworden ist, eine CD die man sich gerne immer wieder aus Spaß an der Freude auflegt. An der stimmlichen Interpretation gibt es nichts Ernsthaftes auszusetzen. Für die orchestrale Seite gilt das allerdings nur bedingt: nun sind Orchester und Chor des Teatro Regio di Parma ja bekanntlich in Sachen Klangqualität und Bravour ohnehin nicht gerade erste Liga – aber dass ausgerechnet ein Orchester aus Verdis Heimat die Musik seines Lokal- wie Nationalhelden so trocken und uninspiriert runterschrubbt, irritiert doch sehr. Auch Pier Giorgio Morandi am Pult agiert arg betulich und beschränkt sich auf routinierte, impulsfreie Begleitung. Im Freundschaftsduett aus Don Carlo ist mit Franco Vassallo ein hochkarätiger Stargast zu hören, ansonsten lassen die hier tätigen Stichwortgeber einen spontan nach dem Anschnallgurt greifen… Hier hat die Plattenfirma definitiv am falschen Ende gespart!

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