Bayerische Staatsoper: “Wozzeck” – 3./9.10. 2013

Allzu viele Opernfreunde wird man vermutlich nicht finden, die Alban Bergs Wozzeck zu ihren erklärten Lieblingsopern zählen. Ich bin einer dieserjenigen welchen, dieses Werk gehört zu meinen persönlichen all time favorites. Auch knapp neunzig Jahre nach der Uraufführung ist der Wozzeck, neben Zimmermanns Die Soldaten, die wohl ambitionierteste, bewegendste und eindrucksvollste Schöpfung des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts. Nicht nur eine musikdramaturgisch perfekt gebaute Oper von großer emotionaler Eindringlichkeit und perfekter Kongruenz zwischen Ausdruck und Form, sondern auch ein absolutes Bekenntniswerk, das mich in jeder halbwegs gelungenen Aufführung aufs Neue ergreift; „Es wandert was mit uns da unten“, wie es im Libretto so schön heißt.

Von der aktuellen Produktion der Staatsoper habe ich seit der Premiere nur ganz wenige Vorstellungen versäumt, schließlich ist die Inszenierung von Andreas Kriegenburg nichts weniger als ein Geniestreich, eine in jedem Detail stimmige, in sich geschlossene und prägnante Umsetzung der dramatischen Handlung. Kriegenburgs Regiearbeit ist hochintelligent und analytisch, ohne dabei verkopft oder unterkühlt zu sein, der theatrale Aspekt, die unglaubliche Emotionalität der Fabel und der Charaktere übersetzt sich in jedem Moment. Gekonnt vermeidet der Regisseur jeden Anflug von Sozialkitsch und inszeniert kein pathetisches „Oh Mensch!“-Drama, sondern arbeitet die dialektische Struktur und Tragik der Konstellation, und ganz besonders der Titelrolle, präzise heraus. Dieser Wozzeck ist natürlich Opfer, das von der Gesellschaft zerstört und verhunzt wird, aber umgekehrt zerstört und verhunzt er in seiner Ich-Bezogenheit auch andere, allen voran seine Partnerin Marie. Seine Tragik ist eben, dass er nicht klassenkämpferisch gegen das Unrechtssystem aufbegehrt, sondern sich lediglich nach einem besseren Platz in jenem System sehnt; darin ein Bruder im Geiste von Verdis Rigoletto. Dies übersetzt sich nicht nur in der intensiven, fast an Theaterschauspieler erinnernden, Personenführung, sondern auch im kahlen, prägnanten Bühnenbild von Harald B. Thor und den kontrastreichen und präzise charakterisierenden Kostümen von Andrea Schraad. Eine Produktion aus einem Guss und nach wie vor eine der packendsten Inszenierungen im Repertoire des Hauses.

BSO Wozzeck1“Lost in translation”, aber anders: Simon Keenlyside (Wozzeck) und Angela Denoke (Marie) – Foto: Wilfried Hösl

Im Zentrum der jüngsten Serie standen Simon Keenlyside und Angela Denoke als gefeiertes Protagonistenpaar. Beide Künstler waren als Wozzeck und Marie in dieser Inszenierung bereits zu erleben, bis dato allerdings noch nicht gemeinsam. Und tatsächlich gelang es diesen beiden fantastischen Singdarstellern, dem Stück und der Produktion noch einmal eine neue Dynamik und eine Fülle weiterer Impulse hinzuzufügen. Verglichen mit seinen Rollenvorgängern gibt Simon Keenlyside den Wozzeck vergleichsweise introvertiert und weniger neurotisch, doch er ist tatsächlich „vielem auf der Spur“, die psychische Labilität ist instinktiv spürbar. Doch erst durch Maries Seitensprung mit dem Tambourmajor bricht alles zusammen und die nicht mehr beherrschbare Verzweiflung steigert sich bis zur Raserei und schließlich zum Mord. Diese Reise in den Abgrund der Seele vollzieht Keenlyside mit geradezu beängstigender Konsequenz; so großartig musikalisch, sicher, nuanciert und akzentfrei textverständlich er singt, das geht doch über eine toll gesungene Opernrolle weit hinaus, das strahlt eine erschütternde Wahrhaftigkeit aus. Auf selbigem Level bewegt sich auch Angela Denoke als betont kraftvoll-kämpferische Marie. Auch sie agiert ohne Rücksicht auf Verluste und mit flammender szenischer Präsenz;  diese Frau hat gelernt, niemandem zu vertrauen als sich selbst und verzehrt sich doch im Kampf um ein wenig Liebe und Normalität. Denokes Sopran weist in allen Lagen den nötigen kernig-metallischen Glanz auf, der heikle Wechsel zwischen rhythmischem Sprechen, Deklamation und Gesang gelingt ihr perfekt und die Stimme gewinnt immer noch mehr an Farben und dramatischer Durchschlagskraft hinzu. Den perfiden Hauptmann gibt Wolfgang Ablinger-Sperrhacke mit hellem Charaktertenor, pointierter Diktion und ohne Outrage, erreicht allerdings im Auftreten nicht ganz die hooliganeske Bedrohlichkeit seines Rollenvorgängers Wolfgang Schmidt. Den schwierigen, aber relativ undankbaren Part des Tambourmajors bewältigt Roman Sadnik absolut zufriedenstellend und auch die anderen Comprimarii sind wie gewohnt rollendeckend besetzt. Lediglich Wolfgang Bankl als Doktor liegt in Sachen Rhythmus und Intonation zu oft neben der Spur, zumal seine raue und substanzarme Stimme hier ohnehin nicht wirklich am Platz ist.

BSO Wozzeck2Begeisterung für das Ensemble – Foto: Wilfried Hösl

Schließlich das Staatsorchester. Tja, Kent Nagano ist nicht mehr und Kirill Petrenko noch nicht richtig da… So hatte Lothar Koenigs, wenn auch nicht zum ersten Mal, das Pult übernommen. Sein Ansatz ist natürlich ein etwas anderer, an die Stelle der kristallinen und glasklaren Härte unter Nagano trat hier eine insgesamt weichere, kompaktere, wenn man so will „romantischere“, Lesart der Partitur. Kann man natürlich so machen. Am ersten Abend geriet der Einstieg noch sehr vorsichtig, Koenigs ließ sich und den Musikern hörbar Zeit und ging auf Nummer Sicher. Erst in der zweiten Hälfte des Abends wurde das Orchesterspiel zunehmend freier und suggestiver, am letzten Abend der Serie zeigten sich die Musiker dann vom Start weg auf Betriebstemperatur.

Somit hat die noch junge Saison einen ersten Höhepunkt erreicht. Auf Angela Denoke und Simon Keenlyside dürfen wir uns heuer noch in weiteren Rollen freuen und es ist sehr zu hoffen, dass diese wunderbare Produktion auch weiterhin im Repertoire bleiben wird!

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