Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – Mariss Jansons dirigiert Verdis “Messa da Requiem” – 10.10.2013

Der eine hat Geburtstag, die anderen bekommen die Geschenke… So kann das in Einzelfällen durchaus laufen und an diesem Abend in der Münchner KVA, der Kultur-Vollzugsanstalt, im Gasteig wurden in jedem Fall wir Glücklichen, die eine Karte hatten, beschenkt Ob der Maestro nun wirklich am 10. oder nicht doch schon am 9. Oktober zur Welt kam, ist sekundär; auf jeden Fall bildete der erste Wintereinbruch mit Weltuntergangsstimmung eine perfekte Kombination mit Verdis Weltuntergangsmusik.

Wenn man die jüngsten Requiem-Aufführungen unter Zubin Mehta und Daniel Barenboim noch im Ohr hatte, glaubte man hier ein anderes Werk zu hören, so lyrisch, so kontemplativ, schlicht und unmittelbar berührend, mit innigem Melos und ohne opernhaften Prunk. Nicht umsonst brauchte Mariss Jansons fast zehn Minuten länger als gemeinhin üblich, insbesondere den Anfang und die anderen getragenen Sätze kostet er extrem aus, gibt der Musik viel Raum und Zeit, ihren melancholischen Zauber zu entfalten. Zugleich klingt es nie nur langsam oder gar behäbig, die Musik ist immer im Fluss, immer erfüllt von einer starken inneren Dynamik. Der Reichtum an klangfarblichen und dynamischen Nuancen, die das großartige Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hier abrief, war sogar für dessen Verhältnisse ein Fest; endlich konnte man einmal die gesamte Bandbreite vom vierfachen Pianissimo bis hin zum vierfachen Fortissimo in voller Pracht genießen. Bei Jansons steht nicht der Effekt, sondern der Affekt im Vordergrund, was natürlich nicht bedeutet, dass ersterer nicht stattfinden würde; nur eben viel harmonischer, aus der Musik heraus entwickelt und daher glaubhafter als in vielen konventionellen Interpretationen. Jede Phrase ist wunderbar weich, leuchtend und voll artikuliert und modelliert, bei aller Detailarbeit wird aber nie der Gesamtzusammenhang vernachlässigt, Jansons spannt einen schier unglaublichen Bogen, jeder Takt ist erfüllt von Klarheit, Transparenz und Ausdruck. Selbst das Sanctus, das ja sonst oft zu einer reinen virtuosen Runterbrüllerei des Chores wird, ist hier unglaublich differenziert und durchsetzt von feinsten Temporückungen und Klangfarben; nicht nur das Orchester sondern auch der Chor des Bayerischen Rundfunks in der Einstudierung von Michael Gläser zeigte sich in sensationeller Verfassung.

In 2006 hatte Jansons die Messa da Requiem schon einmal in München dirigiert und seinerzeit hatte ein, sagen wir mal suboptimales, Solistenquartett den Spaß an der Freud erheblich reduziert. Das war diesmal ganz anders, die Vier bildeten nicht nur ein hochmusikalisches, sondern auch sehr homogenes und künstlerisch gut auf einander abgestimmtes Ensemble. Seinem gestalterischen Ansatz gemäß hatte Jansons die vier Solo-Partien mit betont lyrischen und schlanken Stimmen besetzt, die hier wunderbar klangen, in einer herkömmlichen Aufführung aber vermutlich Schiffbruch erlitten hätten. So kam etwa der zartherbe Sopran von Krassimira Stoyanova viel besser zur Geltung als zu Jahresbeginn im Nationaltheater unter Zubin Mehta, die Stimme konnte sich ohne Druck entfalten und in der hohen Lage wunderbar aufblühen. Einen reizvollen Kontrast dazu setzte der dunkle, „erdige“, aber schön auf Linie geführte und nie orgelnde, Alt von Marina Prudenskaya. Ebenso saftig und volltönend beschwor Orlin Anastassov die Schrecken von Tod und Verdammnis, mit seinem mächtigen, rabenschwarz timbrierten Material und seiner genuinen Musikalität zeigte er sich als weiterer Vertreter der großen bulgarischen Basstradition. Für mich die große Überraschung war allerdings Saimir Pirgu, der von Jansons und dem Orchester förmlich auf Händen getragen wurde und dessen exorbitant schöner lyrischer Tenor für viele wunderbare Momente sorgte. Insbesondere die technisch superb und natürlich gestützten piani in hoher Lage („Et ab hoedis me sequestra“ oder „Hostias et preces“ etwa) gelangen traumhaft sicher, da dürfen sich so einige Kollegen ein Beispiel nehmen.

Ein Verdi-Geburtstag wie er würdiger und eindrucksvoller nicht hätte begangen werden können, tief bewegend und hoch beglückend zugleich. Die fünf oder sechs Sekunden atemlose Stille nach dem letzten Ton zeigten, dass die Botschaft angekommen war.

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