Bayerische Staatsoper: “Rigoletto” – 12.10.2013

Wer noch hart genug im Nehmen war, um nach einem ganzen Rigoletto noch eine Ration TV-Verdi zu konsumieren und sich in die Aufzeichnung des Attila aus dem Theater an der Wien auf 3 Sat einzuklinken, der erlebte einen Kontrast, wie er frappierender nicht hätte sein können: dort moderne und ambitionierte Regiekunst von Altmeister Peter Konwitschny, hier dagegen einen Griff in die Mottenkiste des Musiktheaters. Über diese Inszenierung, oder besser gesagt Nicht-Inszenierung, habe ich ja bereits nach der Premiere alles Notwendige in die Tasten gehauen (siehe Archiv) und habe dem auch nichts hinzuzufügen. Diese Produktion von Árpád Schilling ist und bleibt einfach ein Armutszeugnis und eine Blamage sondergleichen.

Allerdings waren an diesem Abend auch musikalisch durchaus Fragezeichen zu setzen. Viele, wenn auch längst nicht alle, davon dürften mit Sicherheit den (zu) knapp bemessenen Proben anzulasten sein, Zusammenhalt und Koordination zwischen Bühne und Graben, bzw. auch innerhalb dessen, ließen sehr zu wünschen übrig. Eigentlich handelte es sich eher um eine Durchlaufprobe, für die immerhin bis zu 163 Euronen auf den Tisch des Hauses zu legen waren…  Am Pult stand nach längerer Absenz mal wieder Stefano Ranzani. Wie viel er jetzt konkret mit dem künstlerischen Gesicht des Abends zu tun hatte, sei mal dahingestellt, große Sicherheit und Ruhe strahlte er allerdings nicht aus und war viel zu beschäftigt, alles einigermaßen im Griff zu behalten, als dass man von einer echten Werkinterpretation hätte sprechen können. Für Irritationen sorgten insbesondere seine fröhlichen Temposchwankungen, so pflügte er im zweiten Akt zunächst Rigolettos Cortigiani-Arie absurd schnell durch, um dann ausgerechnet in der fulminanten Duett-Cabaletta komplett den Gang rauszunehmen. Das verstehe, wer mag.

BSO Rigoletto1     BSO Rigoletto2 Szenische Nulldiät mit Árpád Schilling (Fotos: Wilfried Hösl)

Die vorgesehene Gilda hatte sich bereits im Vorfeld abgemeldet, zwei Tage vor der Vorstellung folgte dann auch der Herzog höchstpersönlich. Eine herbe Enttäuschung für die Fans von Joseph Calleja. An seiner Stelle war mit Yosep Kang von der Deutschen Oper Berlin ein weiterer München-Debütant in der Rolle des Duca zu erleben. In der Disziplin „Breitbeinig Herumstehen und volle Kraft voraus“ stand er Calleja in nichts nach, ignorierte Narren, Töchter und Banditen gleichermaßen und trompetete die Noten des Duca in den Saal. Dabei verfügt der junge Koreaner durchaus über eindrucksvolles Material und einen metallischen Stimmkern, aber sein undifferenzierter und eintöniger Vortrag ermüdete auf die Dauer, schlussendlich klang jeder Ton gleich. Sehr gespannt war ich auf das BSO-Debüt von George Petean in der Titelrolle. Leider konnte er die, durchaus vorhandenen, gesteigerten Erwartungen an diesem Abend nicht erfüllen, da habe ich ihn andernorts schon deutlich besser gehört. Die Stimme klang über weite Strecken ungewohnt schmal und resonanzarm, zudem leistete er sich etliche Ungenauigkeiten in Rhythmus und Artikulation. Offenbar wirklich nicht sein Tag, sehr schade. Da konnte Patrizia Ciofi als Gilda schon weit mehr überzeugen. Auch wenn sie stimmlich für die Rolle schon eher reif klingt und die Höhe zuweilen arg auf Kante genäht ist, so gelangen ihr doch viele sehr innig und klangvoll gesungene Passagen mit viel Stilgefühl und echter Italianità. Die vokalen und gestalterischen Höhepunkte des Abends waren indes dem Räuberpaar vorbehalten: Rafal Siwek gab den Auftragsmörder Sparafucile mit angemessener Schwärze und Dunkelmann-Attitüde und verbreitete in der Tat gepflegten Grusel; leider muss der Sänger des Sparafucile in dieser Produktion aus irgendeinem unerfindlichen Grund auch die Rolle des Monterone übernehmen, die für einen echten basso profondo grenzwertig hoch liegt. Eine Sonderschicht hat das „Regie“team sich auch für die Räuberschwester Maddalena ausgedacht, sie ist zusätzlich als Giovanna im Einsatz, auch dies eine eher sinnfreie Konstellation. Diesmal allerdings trotzdem zu begrüßen, da man so die Präsenz und den samtweichen Mezzo von Alisa Kolosova noch etwas länger genießen konnte als sonst… Hier wächst zweifellos ein neues Juwel der Opernwelt heran, eine zauberhaft schöne und sinnlich timbrierte Stimme, hochmusikalisch in der Phrasierung und in allen Lagen technisch herausragend. Auch wenn dies keine exorbitant große oder gar vielschichtige Partie ist, so ließ auch ihr engagiertes Spiel Freude aufkommen. Für diese Künstlerin sollte es hier in Zukunft noch mehr und exponiertere Aufgaben geben!

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s