Ein neuer “Simon Boccanegra” bei Decca auf CD

Da staunt der geneigte Plattenkäufer ja schon – in diesen Zeiten mal wieder eine nagelneue Opern-Gesamtaufnahme! Bei einem der major labels, in diesem Fall der Decca. Und dann noch ausgerechnet Simon Boccanegra… Was sagt man dazu? Eine Oper, die ich persönlich zu Verdis eindrucksvollsten Schöpfungen zähle, deren Popularität beim breiten Publikum sich aber eher in Grenzen hält. Allerdings steht der relativ geringen Präsenz des Werkes auf den Spielplänen der Theater eine erstaunlich große Zahl von guten, teilweise großartigen Platteneinspielungen gegenüber; allen voran natürlich Claudio Abbados maßstabsetzende Aufnahme aus der Mailänder Scala von 1976. Ganz schön harte Konkurrenz also für einen ehrgeizigen Newcomer wie diesen nun von Decca auf zwei CDs vorgelegten Mitschnitt aus dem Wiener Konzerthaus vom April 2013.

Simon B Cover

 

Den Vergleich mit Abbado, oder auch mit Gabriele Santinis römischer Einspielung von 1957, sollte man tunlichst stecken lassen, damit wäre niemandem gedient. Dennoch erweist sich dieser Mitschnitt, zumindest was die sängerischen Darbietungen angeht, durchaus als Bereicherung der Diskographie. In den fünf Hauptrollen – wenn man den Intriganten Paolo mal einbezieht – sind durch die Bank namhafte Persönlichkeiten der heutigen Opernszene zu erleben, die hier nicht nur im passenden Karrierestadium, sondern auch an einem sehr guten Abend eingefangen wurden. Dass auch diese Besetzung in ihrer Entstehung nicht vollkommen frei von Marketingerwägungen gewesen sein dürfte, liegt auf der Hand, mindert aber den künstlerischen Ertrag nicht.

So hat es sich für die Decca-Strategen gewiss angeboten, in der anspruchsvollen, aber latent undankbaren Partie des Gabriele Adorno den hauseigenen Tenor-Star Joseph Calleja zu präsentieren und der Aufnahme so gesteigertes Interesse zu sichern. Eine Rechnung, die aufgeht, Calleja gibt den selbstbewußten Adelsspross als stimmliches Kraftpaket und begeistert mit vokalem Draufgängertum, strahlkräftiger Tongebung und sicherer Höhe. Das leichte Grundvibrato und die manchmal etwas näselnde Diktion mögen Geschmackssache sein, machen aber auch den unverwechselbaren Klang dieser eindrucksvollen Stimme aus. Ebenfalls ein Rollendebüt gibt hier Kristine Opolais als Amelia, kurz bevor sie diese Rolle dann an der Bayerischen Staatsoper auch szenisch verkörperte (siehe Archiv/Juni 2013). Erstaunlicherweise klingt die Stimme hier etwas freier und kantabler als in den Münchner Aufführungen, nicht ganz so hart und flackernd. Dennoch, eine echte Verdi-Stimme besitzt sie nicht und ohne die darstellerische Komponente fehlt ihrer Interpretation eben immer das gewisse Etwas. Nun stehen in dieser Oper ausnahmsweise nicht Sopran und Tenor im Zentrum, sondern die beiden tiefen Herren, die großen Gegenspieler Simone und Fiesco, einander ein Leben lang in Hass und gegenseitiger Verachtung verbunden. Diese Konstellation findet Ausdruck vor allem in den beiden großen Stimmduellen im Prolog und im letzten Bild, hier ist auch vokal der Gigantenkampf angesagt und erwünscht, da braucht es zwei ebenbürtige Sängerpersönlichkeiten mit der entsprechenden Präsenz und Autorität. Thomas Hampson in der Titelrolle hat seine stärksten Momente allerdings in der Ratsszene und in den intimeren Begegnungen mit der wiedergefundenen Tochter und deren amante. Hier strömt Hampsons farbenreicher Bariton aufs Schönste, kleidet er Boccanegras visionären Idealismus in ausladende Kantilenenseligkeit und fettet sie gleichzeitig noch gut mit pathetischer Vaseline ein. Als der hochintelligente Musiker und Menschengestalter, der er ist, verleiht er der Figur hier Autorität, Glaubwürdigkeit und innere Überzeugung. Trotz einer zuweilen etwas manirierten Neigung zu extremen Portamenti und Schleifern in der Linienführung ein herausragendes und persönlichkeitsstarkes Rollenporträt! Im angesprochenen Gigantenkampf bleibt er dennoch zweiter Sieger; aber welcher aktuelle Bariton könnte es auch mit dem Fiesco von Carlo Colombara aufnehmen? Dieser ist das Zentrum und das Ereignis dieser Einspielung, eine Setzung, eine einzige Demonstration von Bassfülle, Gesangskultur und balsamischer Klangpracht; wenn er loslegt, geht man selbst vor der Stereoanlage in Deckung und hofft, nicht persönlich angesprochen zu sein… Zugleich aber ist Colombaras Interpretation ungemein differenziert, die Stimme spricht in allen Lagen tadellos an und auch dynamisch werden all jene Schattierungen realisiert, die sonst oft unter den Tisch fallen. Eine Glanzleistung für die Hall of Fame des Operngesanges, Colombaras Fiesco gehört in eine Liga mit denen von Christoff, Ghiaurov und Raimondi. Luca Pisaroni gibt einen markanten, schlank und schön auf Linie gesungenen Paolo; übrigens ist er witzigerweise im realen Leben genau das, was er in der Opernhandlung gerne wäre: Hampsons Schwiegersohn nämlich. Auch die Comprimarii fügen sich solide ins Gesamtbild ein.

Dass die Aufnahme als Ganzes dennoch nicht vollkommen überzeugt, liegt am Orchester und ganz besonders am Dirigenten. Den Wiener Symphonikern ist ihre vergleichsweise Unerfahrenheit als Opernorchester durchaus anzuhören, ebenso das Bestreben, möglichst nichts falsch zu machen. Das Ergebnis ist ein sehr kompakter und wenig flexibler Orchesterklang von zum Teil lärmender Direktheit, die Italianità und das zum Teil geradezu impressionistisch flirrende Farbenspiel der Partitur hört man hier leider kaum. Auch Massimo Zanetti geht am Pult ruppig und pauschal zu Werke, hört zu wenig auf die Sänger und weiß mit deren Impulsen kaum etwas anzufangen. Eine so oberflächlich-schmissige Lesart mag bei manchen von Verdis Frühwerken noch einigermaßen zielführend sein, der differenzierte Orchestersatz des reiferen Maestro verlangt da entschieden mehr. Sehr schade.

2 CD Decca 478 5354

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