Staatsoper Berlin: “Die Zarenbraut” – 25.10.2013

Weine nicht, Mütterchen Russland!

Armer Nikolai Andrejevitch! Rimskij-Korssakov, natürlich, wer denn sonst? Der war zu Lebzeiten einer der Branchenführer seines Landes, Komponist von sage und schreibe fünfzehn abendfüllenden Opern, ein gefeierter Meister und Repräsentant der russischen Musik und einer der einflußreichsten Künstler seiner Zeit… Und? Nichts mehr und. Was vom Tage übrigblieb, sind gerade mal ein neckisches anderthalbminütiges Orchesterintermezzo namens Hummelflug und natürlich die üble Neuinstrumentierung und Verschlimmbesserung von Mussorgskijs Boris Godunov. Seine eigenen Opern tauchen nur noch sehr sporadisch auf den Bühnen auf und eine echte Renaissance seines Werkes hat keine dieser Aufführungen auslösen können. Bis jetzt? Jetzt hat sich die, nach wie vor in den tiefsten Westen ausgelagerte, Lindenoper rangetraut an die Braut, die Zarenbraut nämlich, die Zarskaya Newesta wie die Dame originalsprachlich heißt. Und, siehe da, hier ist tatsächlich ein starkes Plädoyer für den Musikdramatiker Rimskij-Korssakov gelungen. Das Problem bei der Sache wird allerdings auch deutlich: das ist als Stück kein Selbstläufer, hier muss sich das Regieteam schon wirklich was einfallen lassen und auch auf Sängerseite ist erstklassiges Fachpersonal angesagt. Dazu ein Dirigent, der sowohl Gespür für feingezeichnete instrumentale Farbgebung, als auch eine straffe Führungsqualität zu bieten hat. Da all dies hier gegeben war, stand einem großen Opernabend nichts im Wege, ob das Stück auch in einer konventionell-naturalistischen Inszenierung heute noch funktionieren würde, bezweifle ich heftig, dafür ist die Handlung doch zu mau, die Charaktere zu flach und die Dramaturgie nicht stringent genug.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein explosives amouröses Vierecksverhältnis vor dem Hintergrund der, historisch verbürgten, Brautschau des Zaren Ivan IV., gemeinhin auch als „der Schreckliche“ aktenkundig. Der Opritschnik Grjasnoj (der Bariton) ist seiner Geliebten Ljubascha (des Mezzo) überdrüssig und steht auf die holde Marfa Sobakina (den Sopran), die wiederum mit Lykov (dem Tenor) verlobt ist. Grjasnoj erwirbt vom Alchemisten Bomelius (noch ein Tenor) ein Liebeselixir, das, der ahnungslosen Marfa in den Drink gekippt, diese sofort in Liebe zu ihm aufgehen lassen soll. Kann natürlich nicht gutgehen, die vor Eifersucht rasende Ljubascha vertauscht die Mittelchen, so dass der liebesgierige Grjasnoj seiner Angebeteten unwissentlich Gift einschenkt. Diese geht zwar als Siegerin aus dem Zarinnen-Casting hervor, hat aber nichts mehr davon, da sie zuvor in Wahnsinn und Delirium verendet. Lykov wird als vermeintlicher Drahtzieher hingerichtet, doch Ljubascha bekennt – warum eigentlich?- ihre Schuld, woraufhin Grjasnoj erst sie und dann sich selbst ins Jenseits befördert. Selbst für eine traditionell blutrünstige Kunstform wie die Oper ein bemerkenswerter body count; und dennoch nichts, was für eine zeittypische Intrigenhandlung irgendwie speziell wäre.

zarenbraut_253Der virtuelle Zar(Foto: Monika Rittershaus)

Richtig spannend und im besten Sinne modern wird die Sache nun durch die Inszenierung von Meister-Regisseur Dimitri Tcherniakov, der richtig die Puppen tanzen und die Screens glühen läßt, der Handlung noch eine Meta-Ebene einzieht und die Geschichte eindrucksvoll und ohne Brüche in die Jetztzeit übersetzt. Nun ist die Analogie zwischen der zaristischen Brautschau mit heutigen Casting-Ereignissen so naheliegend, dass es beinahe banal sein könnte, doch Tcherniakov geht noch einen Schritt darüber hinaus und weitet diese Neudeutung zu einer knallharten Systemkritik aus: die Opritschniki, jener geheimnisvolle militärische Geheimbund der Zarenzeit, mutiert hier zu den Regenten des Medienzeitalters, einem klandestinen Clan von Meinungsführern, die ohne jedwede Kontrolle oder Transparenz die Gesellschaft mit ihren Produkten nach Belieben täuschen und manipulieren und eine ihnen genehme Form der Realität erschaffen. Konsequenterweise ist in Tcherniakovs Inszenierung auch der Zar selbst eine Erfindung jener Kreise, ein während der Ouvertüre auf einer bühnenfüllenden Leinwand aus den Porträts verflossener russischer Herrscher digital zusammenmontierter Popanz; ich werde gesendet, also bin ich. Und für jenen virtuellen Zaren sucht Russland natürlich auch das passende Superweib, um den Spaß der zynischen Medienleute zu erhöhen, diesmal ein real existierendes… Die Katastrophe ist somit vorprogrammiert. Tcherniakov inszeniert, wie üblich im eigenen Bühnenbild und unterstützt von den Kostümen von Elena Zaytseva und dem Lichtdesign von Gleb Filshtinsky, einen virtuosen Politthriller, der wechselweise im Fernsehstudio und dessen Nebenräumen sowie in der Wohnung der Sobakins spielt, letztere ein pastellig-ländlicher Albtraum mit Rosentapete und Flachbildfernseher, auf dem die zuvor produzierten Lügengebilde als Abendnachrichten laufen. Dabei verzichtet die Regie auf wohlfeile, allzu platte Gleichsetzungen, aber natürlich kann sich der Zuschauer sein Teil denken und Verbindungen zu real existierenden Propagandabildern des aktuellen Kreml-Potentaten ziehen… Bestechend an Tcherniakovs Arbeit ist aber nicht nur das Konzept als solches, sondern auch dessen brillante, präzise und hochmusikalische Umsetzung. Hier findet nichts einfach nur so, aus Zufall oder Jux und Dollerei, statt, jeder Gang, jede Geste und jeder Blick haben etwas zu erzählen, kommunizieren miteinander und bilden ein hochspannendes szenisches Geflecht. Nirgends gibt es konzeptionelle Unschärfen zu beklagen, das Ganze ist von einer Stimmigkeit, die man nur selten auf der Opernbühne erlebt. Zudem ist Tcherniakov auch ein begnadeter Bilder-Erfinder, der mit einer einzigen Einstellung, einer Konstellation, einem Bild eine ganze Figur mit ihren Befindlichkeiten präsent machen kann. So etwa im zweiten Akt, wenn Ljubascha von draußen die angebliche Nebenbuhlerin ausspioniert und immer rasender wird vor Eifersucht und Neid; ein im Fenster stehender Rosenstrauss symbolisiert Liebe, Idylle und das häusliche Glück, das sich hinter den halbzugezogenen Vorhängen erahnen läßt, der Kontrast zum Psycho-Wrack auf der Straße tut schon weh. Und auch das Finale ist bei Tcherniakov natürlich ganz großes Kino, wenn die delirierende Marfa im Studio zwischen Scheinwerfern und Kabeltrommeln elendig zugrunde geht, während die Programme des Imperiums munter weiter die vorproduzierten Glamourfilme der strahlenden, in die Menge winkenden neuen First Lady ausstrahlen – Evita Peron lässt ungeniert grüßen, in vier Akten vom schüchtern-liebreizenden Mädchen über die stolze Zarenbraut bis hin zum Mythos für Millionen made by Russian Television. Don’t cry for me, Russia? Doch, denn die Musik rückt zum Glück die Verhältnisse wieder zurecht und ergreift affektgesättigt Partei. Schließlich sind wir immer noch in der Oper. Und erleben hier ganz großes Musiktheater.

zarenbraut_276Die Stimmung steigt… (Foto: Monika Rittershaus)

Womit wir bei den Sängern wären. Und da ist jetzt angesichts eines auf höchstem Niveau homogenen Ensembles tatsächlich pure Schwärmerei angesagt. Eine bessere und glaubwürdigere Besetzung der Titelrolle als Olga Peretyatko vermag man sich derzeit kaum vorzustellen. Mit ihrem Auftritt kommt eine andere Farbe ins Spiel, hier wird förmlich ein Licht entzündet. Die Auftrittsarie im zweiten Akt ist pure lyrische Wonne und vokales Leuchten, doch nicht nur süß zwitschernd, sondern mit Kern gesungen und bei allem Liebreiz auch von tiefer Sensibilität und innerer Festigkeit erfüllt; dass diese junge Frau für Höheres geboren ist, übersetzt sich auf Anhieb, davon können weder blaues Pünktchenkleid noch weiße Söckchen ablenken. Dass Peretyatkos Sopran neben jugendlicher Anmut und silbrigem Höhenglanz auch über herb-melancholische Klangfarben verfügt, kommt ihr hier ganz besonders zugute, den gespenstische Dialog mit dem toten Geliebten – ein unverzichtbares Element JEDER romantischen Wahnsinnsszene – gestaltete sie mit atemberaubender Intensität. Das genaue Gegenstück verkörperte Anita Rachvelishvili als Ljubascha: eine Furie im Hosenanzug, impulsiv, leidenschaftlich, extrovertiert und beinahe zerfetzt von ihren konträren Gefühlen. Auch stimmlich gab sie der Figur mit hochdramatisch loderndem und wunderbar klangsattem Mezzosopran Profil, einige Phrasen sprengten beinahe schon die Dimension des Schillertheaters. Mit ergrautem Lockenhaupt und sportiv-elastischen Bewegungen gab Johannes Martin Kränzle den eitlen, aalglatten Machtmenschen Grjasnoj. Es mag unter den heutigen Baritonen größere Balsamiker geben, aber in Sachen Rollengestaltung, Präsenz und Charakterzeichnung spielt Kränzle in der ersten Liga, sein Zusammenbruch am Ende gibt der ansonsten ein wenig eindimensional gezeichneten Partie noch einen starken emotionalen Schub. Rollenbedingt eine Spur weniger profiliert, gleichwohl aber untadelig agierten Pavel Černoch als Lykov und Tobias Schabel als Maljuta-Skuratov. Als Sobakin ist Anatolij Kotcherga mit seinem immer noch profunden und substanzreichen Bass schon beinahe eine Luxusbesetzung und gibt Marfas Vater schon Züge einer Tschechow-Figur. Stephan Rügamer als verdruckster giftmischender Intrigant Bomelius und Anna Lapkovskaya als Marfas Freundin Dunjascha boten ebenfalls stimmige Rollenporträts.

Und, last but not least: welch eine Freude, die große Anna Tomowa-Sintow wieder auf der Opernbühne zu erleben! In der Episodenrolle der Kaufmannswitwe Saburova mischte sie mit hinreissender Selbstironie und spürbarem Spaß an der Freud die Nachbarschaft auf, die Stimme war präsent und leuchtkräftig, einige Phrasen verströmten eine geradezu sensationelle Klangkultur. Für die Künstlerin hat sich mit diesem gefeierten Auftritt und der Rückkehr an die Staatsoper auch der Kreis geschlossen; schließlich startete sie von hier ihre Weltkarriere.

zarenbraut_227Rivalität bis in den Tod: Ljubascha (Anita Rachvelishvili) und Marfa (Olga Peretyatko) – Foto: Monika Rittershaus

Auch orchestral ist die Braut in der Hauptstadt Chefsache und Daniel Barenboim griff höchstselbst zum Taktstock. Wer insgeheim befürchtet hatte, er würde den guten Nikolai Andrejevitch sozusagen zwangswagnerisieren und dessen Lyrismen in gewaltigen Klangfluten hinwegspülen, sah sich angenehm enttäuscht; Barenboim dirigierte sogar äußerst differenziert, das Orchesterspiel war agil, farbenreich, transparent und von federnder Eleganz. Rimskijs Musik mögen vielleicht die großen Höhepunkte und die unverwechselbaren, im Ohr haftenden melodischen Einfälle etwas abgehen, aber sie ist doch sehr unterhaltsam und abwechslungsreich, spielt immer wieder mit harmonischen Rückungen, instrumentaler Farbgebung und folkloristisch anmutenden Tanzrhythmen und Chorpassagen. Dies arbeitete Barenboim mit seiner Staatskapelle ungeheuer plastisch und suggestiv heraus, wobei sich vor allem die Holzbläser ein Sonderlob verdient hatten. Lediglich die etwas unglückliche, da extrem trockene Akustik des Schillertheaters steht einem noch geschmeidigeren Orchesterklang im Weg. Eigentlich hätte man ja schon mit Beginn dieser Saison ins Stammhaus zurückkehren wollen, aber wie das mit Berliner Großbauprojekten halt so ist…

Ein in allen Belangen großartiger Opernabend! Vielleicht nehmen sich Barenboim und Tcherniakov ja demnächst noch die eine oder andere Rimskij-Oper vor? Auswahl wäre ja genug vorhanden…!

 

 

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