Staatsoper Berlin: “Don Giovanni” – 27.10.2013

„Im Wald, da sind die Räu-häu-ber…“, das weiß ja jedes Kind aus dem notorischen Liedchen. Manchmal aber ist da zwischen Baum und Gestrüpp auch noch ganz anderes Personal unterwegs; zum Beispiel in Claus Guths Don Giovanni-Inszenierung, 2008 bei den Salzburger Festspielen rausgekommen und seit letzter Saison an der Berliner Staatsoper zweitverwertet. Hier meint der Zuschauer nicht nur, im Wald zu stehen, er tut es tatsächlich. Wie jetzt? Doch, wirklich: das gesamte Stück spielt im deutschen Wald, von Ausstatter Christian Schmidt so liebevoll-detailrealistisch auf die Bühne gebaut, dass jeder Modelleisenbahn-Fan vor Begeisterung Pipi inne Augen kriegt; so schön romantisch und deutsch wie es sich im Freischütz seit Jahrzehnten keiner mehr traut. Und das Ganze aus vier Perspektiven, die Drehbühne rotiert fröhlich durch den Abend (natürlich tut sie das, wir sind ja bei Claus Guth…) und es ist immer gut(h) was los: Leute in elegantem Abenddress fegen durchs Unterholz oder fahren mit dem Auto vor, es wird geturtelt, geliebt, malträtiert und gemordet, der Komtur kommt als Holzmichel daher und am Ende sinkt der dissoluto entseelt ins Grab, die scena ultima entfällt, das Stück endet mit dem auf der Lichtung knienden Leporello im Schneetreiben, während das Lichtdesign noch hinabregnende Schattenrisse spendiert wie bei Lars von Trier. Nein, Leerlauf oder Langeweile kann man dem nicht nachsagen, der Abend ist voller neuer Konstellationen, Auftritte und Detaildeutungen, ebenso wie von Merkwürdigkeiten und gewollten Konfrontationen mit dem Text. Da schauen die unteren Zweige schon ein wenig nach schief eingesteckten Kleiderbügeln aus, dann hängt da urplötzlich und wie gerufen eine Schaukel am Baum und eine verrostete Bushalte steht am Wegesrand. Jaaaa, wir wissen, dass hier einer die letzte Haltestelle verpasst hat. Oder besser gesagt: nicht nur einer. Leporello ist ein hyperaktiver drogensüchtiger Freak mit Breakdance-Fimmel, Elvira eine hysterische Teilzeitstalkerin und Anna eine Borderlinerin mit Pagenkopf, die während „Ah, non mi dir“ dem Lebensabschnittsbegleiter die Knarre aus der Manteltasche stibitzt und sich in die Büsche schlägt, ganz offenbar in suizidaler Absicht. Wahnsinnige aller Klassen, vereinigt Euch. Der Don selbst hat übrigens im Kampf mit dem Komtur auch eine Kugel abgekriegt und stirbt sozusagen den ganzen Abend auf Raten; die Handlung gerät für den Titelhelden zum letzten Hurra einer Wüstlingskarriere, einem letzten Aufflackern vor dem großen Timeout. Was natürlich sowohl die manische Getriebenheit der Figur, als auch die dynamisch-verknappte dramaturgische Anlage seiner Solo-Szenen motiviert. Also: man hat sicher schon intellektuell ausgefeiltere Regiekonzepte gesehen, aber eine anregende und unterhaltsame Inszenierung ist das auf alle Fälle.

Giovanni SOB3  “Reich mir Hand…” oder auch mehr! Christopher Maltman (Giovanni) und Anna Prohaska (Zerlins) – Foto: Monika Rittershaus

Die will natürlich entsprechend vermittelt werden. Guth war da auf der sicheren Seite, da Christopher Maltman, der die Titelpartie 2008 mit ihm in Salzburg kreiert hatte, auch in der Bundeshauptstadt am Start war. Ohne ihn würde es vermutlich auch nicht funktionieren, Maltman gibt den Herren des Waldes mit irrlichternder Präsenz und drängender Intensität und spielt den siechen Verbrecher mit geheimnisvoller Aura; geradezu beklemmend die immer häufiger werdenden Anfälle. Außerdem ist sein viriler, weich leuchtender Bariton in jedem Takt ein Quell purer Freude. Ihm zur Seite gibt Adrian Sampetrean einen etwas trockener timbrierten, doch ebenso präsenten und persönlichkeitsstarken, Leporello und entgeht auch der hier beträchtlichen Gefahr, zu überzeichnen. Sehr im Gegensatz übrigens zu seinem Salzburger Rollenvorgänger…! Zu den Aktivposten des Abends gehörten auch die quirlige und sehr stimmschön singende Anna Prohaska als Zerlina und der kraftvoll-impulsive, aber kultiviert auf Linie singende Adam Plachetka; hier kündigt sich durchaus ein künftiger Leporello oder Figaro an. Weniger überzeugend agierte der vierte im Zeichen des Baßschlüssels, Jan Martiník als Komtur hat zwar gewaltiges Material, klingt für sein Alter aber schon entschieden zu hohl. Dorothea Röschmann – auch sie war 2008 in Salzburg schon dabei, damals allerdings als Donna Anna – hinterließ als Elvira einen wesentlich besseren Eindruck als vor einigen Wochen in München; ganz offensichtlich konnte sie sich mit dieser Sichtweise und Kostümierung weit mehr anfreunden und hatte die Stimme auch technisch besser im Griff. Gesanglich gab es bei Christine Schäfers Donna Anna wenig auszusetzen, als Figur war sie allerdings kaum präsent und ließ deren überspannte Leidenschaftlichkeit total vermissen, gesungen war das zwar sauber und musikalisch, aber sehr fragil und dünn im Klang und irgendwie beinahe unbeteiligt. Und dann war da noch ihr ungeliebter Verlobter… Auch wenn ich mich jetzt bei den zahlreichen „Villazónistas“, den Fans von Rolando Villazón unbeliebt mache: als Don Ottavio ist Villazón vollkommen fehl am Platz. Er verunstaltete die Partie nicht nur mit pseudo-romantischem Schmierlegato und „kreativer“ Phrasierung, sondern irritierte auch mit teilweise haarsträubender Intonation;  über die Koloraturen von „Il mio tesoro“ sei hier lieber der Mantel der Höflichkeit gebreitet. Bei aller, durchaus vorhandenen, Wertschätzung wäre es außerdem zu wünschen, dass der Künstler auch im Auftreten wieder mehr unterscheidet zwischen dem Opernsänger Rolando Villazón und dem gleichnamigen Fernsehclown; hier wäre nämlich ersterer gefragt gewesen.

Giovanni SOB2 “Stell Dir nich so an, trink noch eenen mit…” Die Tafelszene mit D. Röschmann, C. Maltman und A. Sampetrean (Foto: Monika Rittershaus)

Schier unglaublich allerdings war, dass – angeblich – hier dasselbe Orchester und derselbe Dirigent am Werk gewesen sein sollen, die zwei Tage zuvor in der Zarenbraut so brilliert hatten. Vielleicht mutet sich Daniel Barenboim derzeit mit einer Opern- und einer Ballettpremiere sowie umfangreichen Konzertverpflichtungen etwas zu viel zu, was aber das äußerst zähe, unsaubere und unkoordinierte Spiel des Orchesters nicht entschuldigen kann. Vor allem in zweiten Akt zerfiel der Orchesterpart in lähmend-betulichem Tempo geradezu in Einzelteile, man traute seinen Ohren kaum. In Salzburg, an der Scala und anderen Top-Adressen hat Barenboim dieses Stück bereits erfolgreich dirigiert; und trotzdem hatte man an diesem Abend keinen Moment lang das Gefühl, als gehe ihn die Veranstaltung irgendetwas an.

Fazit dieses zweiten Hauptstadt-Opernabends: Mozart ist eben doch wesentlich anspruchsvoller als immer noch viele glauben und der Teufel hat diesmal den falschen Don geholt. Unter musikalischen Gesichtspunkten zumindest.

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