Im Kino: “Ich fühl mich Disco” von Axel Ranisch

Wie geht es Einem, wenn man „sich Disco fühlt“? Gute Frage. Da helfen weder Arzt, Apotheker noch Packungsbeilage, sondern nur noch Axel Ranisch. Der Berliner Filmemacher mit Opernfaible, zuletzt mit dem Crossover-Projekt The bear/ La Voix humaine bei den Münchner Opernfestspielen aktiv (siehe Archiv Juni 2013), hat nämlich seinem zweiten Kinofilm diesen Titel verpasst. 

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Nun macht ein origineller Titel alleine noch keinen guten Film, die Gegenbeispiele lassen sich bekanntlich stapeln. In diesem Fall ist allerdings der gesamte Film so abgefahren wie der Titel ahnen lässt, unverhohlen autobiographisch, ja geradezu exhibitionistisch, und mit überbordender Fabulierlust erzählt der Regisseur die Geschichte seiner Kindheit und Jugend nach, in weiten Teilen zumindest: vom dicklich-tapsigen, liebenswert unbeholfenem, musisch veranlagten und schon mehr als nur latent schwulen Florian und seinem Vater Hanno, einem schnauzbärtigen und schmerbäuchigen Koloss, der absurderweise als Turmspringtrainer arbeitet und aus seinem verträumten Filius auf Biegen und Brechen ein „richtiges Mannsbild“ machen will. Der dagegen hängt lieber seinen romantisch-homoerotischen Phantasien nach, verliebt sich natürlich zielsicher in den Falschen und tobt mit seiner seelenverwandt gepolten Mutter in grotesker Maskerade durch die Wohnung, wobei die beiden mit Inbrunst die zotigen Mitgröhl-Songs ihres Lieblings-Schlagerbarden Christian Steiffen schmettern… Christian wie? Das ist kein Witz, den gibt es tatsächlich, er nennt sich auch im wirklichen Leben so und die Lieder aus dem Film sind auf CD erhältlich; wer es nicht glaubt: http://www.christiansteiffen.de! Hier gibt es solche Perlen deutscher Lyrik zu bestaunen wie „Das Leben ist nicht immer nur Pommes und Disco/ Das sage ich Dir/ Manchmal ist das Leben auch nur eine Flasche Bier“ oder „Und die ladies in the house/ Sehen prima aus/ Ich fühl mich Disco/ Ich fass mir in den Schritt/ Und alle machen mit/ Ich fühl mich Disco…“. Als Florians Mutter nach einem Schlaganfall ins Koma fällt (nach einer Überdosis Christian Steiffen?), müssen die beiden irgendwie miteinander auskommen und der Wahnsinn schaltet noch einen Gang rauf.

Nun gibt es ähnliche Plots, die ganzen Coming out- und Vater-Sohn-Konflikte im Kino ja wie Sand am Meer. Aber so virtuos, so abgedreht und hochtourig wie Axel Ranisch hat wohl noch keiner eine solche Geschichte erzählt. Ranisch fährt hier gewissermaßen ein emotionales Formel Eins-Rennen, wechselt manchmal innerhalb einer Szene vom Gaspedal auf die (Spaß)bremse, legt sich furios in die Kurve und läßt die Kupplung kommen, bis der ganze Saal vor Vergnügen schreit. Die Komik bewegt sich immer haarscharf am Abgrund, der Film stürzt aber nie ab, sondern bleibt immer noch gerade so auf Kurs. Die Christian Steiffen-Songs werden knallhart kontrastiert mit Klavierwerken von Rachmaninov, vom Skurrilen zum Anrührenden, von der schrillen Persiflage bis zur puren Poesie ist es immer nur ein winziger Schritt, Ich fühl mich Disco verrührt Kunst mit Kitsch, Trash mit Tränen und puren Klamauk mit tiefem Gefühl. Da wechseln geschliffene und eher ungelenke Dialoge munter einander ab, Wortwitz und Situationskomik bilden die abenteuerlichsten Allianzen, da wird humoristisch scharf geschossen, hart gegen sich und andere. Da spielt Florians Mutter noch als Komapatientin in bewegenden Traumsequenzen mit, da begegnet der sturzbesoffene Vater in der Kneipe dem leibhaftigen Christian Steiffen, haut ihm erst aufs Maul und läßt sich dann Tipps geben für den Umgang mit schwulen Sprößlingen und schließlich brilliert Ranischs Lehrmeister und Vorbild Rosa von Praunheim höchstpersönlich in einem Gastauftritt, der an augenzwinkernder Absurdität kaum noch zu überbieten ist; in seinen besten Momenten erinnert der Film an die österreichische 80er-Jahre- Kultserie Kottan ermittelt und andere Trash-Ikonen.

Was Ich fühl mich Disco so besonders macht? Ganz einfach: dass noch über dem größten Klischee und dem tranigsten Kalauer das Wort LIEBE steht. Denn Ranisch verrät seine Figuren nicht und wahrt ihnen eine unzerstörbare Würde. Für so einen Balanceakt braucht man Schauspieler, die das verstehen und umsetzen können. Und da ist die Besetzung handverlesen, allen voran der offenbar unentstellbare Heiko Pinkowski als Vater Hanno, der fast bis zum Schluß fast alles falsch macht, was falsch zu machen geht, und den ungleichen Sohn am Ende doch für sich gewinnt; ein physisch und charakterlich schwerer Mensch, der kaum Vordergründe zu besitzen scheint. Eine große Talentprobe bietet auch der 16jährige Frithjof Gawenda als Florian und Christina Grosse spielt die Mutter mit großer komödiantischer Geste und ebensolcher Herzenswärme. Prägnant auch die kleineren Rollen, allen voran Robert Alexander Baehr als Radu, das Objekt von Florians Begierde, der mit spürbarer Freude sämtliche Berliner Ghetto- und Proletenklischees aufmarschieren lässt.

Ich fühl mich Disco? Na klar! Und irgendwie würde es einen auch nicht wundern, wenn das demnächst auch im Duden stünde… 

http://www.disco-film.de

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