“Nicht ganz schlechte Menschen” – Der neue Roman von Helmut Krausser

Um es gleich mal vorauszuschicken: Helmut Krausser war mal einer meiner Lieblingsautoren, seine bildmächtige, kraftmeiernde und von echtem Pathos wie von wunderbarer Nonchalance und erzählerischer Plastizität durchzogene Sprache immer ein Genuss. Insbesondere die beiden Romane Melodien und Thanatos halte ich nach wie vor für mit das Beste, was die deutschsprachige Literatur in den letzten 25 Jahren hervorgebracht hat. Aber auch die Hagen Trinker-Trilogie und nicht zu vergessen die scharfzüngigen Tagebücher sind durchaus prägende Lese-Erlebnisse für mich gewesen. Leider gehört der Sprachmagier, der jene Großtaten vorgelegt hat, mittlerweile der Vergangenheit an und sein Werk ist seitdem zu einer einzigen Achterbahnfahrt zwischen guten, mittelprächtigen und mehr oder minder misslungenen Büchern geworden; immer auf, bzw. neben dem schmalen Grat zwischen Ambition, Erfüllung und Scheitern, getragen von erzählerischer Substanz, breit gefächertem Wissen und einem an Hybris zumindest grenzenden künstlerischen Ego. Aus diesem Spannungsfeld haben seine sämtliche Romane ihren ganz eigenen Reiz bezogen, nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich sie auch immer wieder gekauft und gelesen; überspitzt könnte man Krausser als die wundersamste Wundertüte der deutschen Gegenwartsliteratur bezeichnen.

Krausser Cover

Sein neues Opus Nicht ganz schlechte Menschen ist allerdings keine Gratwanderung sondern ein Absturz in künstlerische Niederungen, die man ihm niemals zugetraut hätte. So leid es mir tut und aller Wertschätzung zum Trotz, hier gibt es nichts mehr zu beschönigen. Dabei sind Handlungsentwurf, Konzeption und Personal durchaus vielversprechend und hätten bei sorgfältigerer Ausgestaltung einiges an Potenzial geboten. Im Zentrum der Handlung stehen zwei ungleiche, da zweieiige Zwillingsbrüder, Max und Karl Loewe, geboren 1915 in einem kleinbürgerlichen Berliner Elternhaus. Nach dem Tod des Vaters und mit seiner Erbschaft versehen, entwickeln sich beide charakterlich und weltanschaulich immer weiter auseinander: während Karl sich dem Kommunismus verschreibt, widmet sich der ideologisch weniger gefestigte passionierte Nietzsche-Bewunderer Max primär der Berliner Halbwelt und der Befriedigung seiner, durchaus zweigleisig ausgeprägten, erotischen Bedürfnisse. Nach der Machtergreifung durch die Nazis flüchten die Brüder zusammen mit der halbjüdischen und in Max verliebten Prostituierten Ellie nach Paris, wo sie, als Halbgeschwister getarnt, mit dem Hotelier Pierre Geising eine seltsame Liaison à Quatre eingehen und dessen Etablissement nach und nach zu einem diskreten und kulturell verbrämten Anlaufpunkt für zahlungskräftige homosexuelle Klientel machen… Karl absolviert derweil ein Intermezzo im spanischen Bürgerkrieg im Umfeld der Internationalen Brigade – zu echten Kampfeinsätzen gebricht es ihm an Mut – und macht die Bekanntschaft des englischen Antifaschisten und angehenden Schriftstellers Eric Blair; dass dieser eher unter seinem Pseudonym George Orwell bekannt wurde, muss man wissen, Krausser erwähnt es nicht. Nach einigen Irrungen und Wirrungen und einem angedeuteten Kriminalfall im Umfeld des Hotels beschließt das seltsame Trio die gemeinsame Emigration in die USA; allerdings werden Max und Karl wenige Stunden vor der Abreise bei einem Pferderennen unter einer einstürzenden Tribüne begraben. Klappe zu, Affen tot. Ein vergleichbar läppisches und lustlos hingerotztes Romanfinale habe ich lange nicht mehr gelesen, das grenzt eigentlich schon an Arbeitsverweigerung.

 

Und ist leider symptomatisch für die erzählerischen und sprachlichen Schwächen des Werkes; dass der Autor hin und wieder so liebenswert anachronistische Worte wie „alldieweil“ oder „Unterschleif“ (altmodisch für Unterschlagung) verwendet und zuweilen auch mal einige der wunderbar lakonischen Helmut Krausser-Sätze vorkommen wie „Erst als Ellie ihn darum bat, Mäßigung zu zeigen und hin und wieder, seien es auch plump vorgetäuschte, Selbstzweifel zu äußern, begriff er, wie empfindlich, auf die flügellahmen Federn getreten, talentlose Menschen reagierten, sobald sie sich mit einem noch lebendigen Genie konfrontiert sahen.“ , hilft dem Ganzen leider nicht in die Strümpfe. Im Gegenteil: der Tonfall ist bestenfalls glatt und plaudernd und der Text wimmelt nur so von Banalitäten, Gemeinplätzchen, Flapsigkeiten und sachlichen Fehlern, gewürzt mit platten Klischees und aufdringlicher Bildungshuberei. Nur ganz selten und in der einen oder anderen Nebenfigur blitzt Kraussers altgewohnte Charakterisierungskunst zuweilen noch einmal kurz auf, etwa in der Gestalt des wild salbadernden, rätselhaften Propheten und Anarchisten Jean Zanoussi oder des Grafen Paulignac (der korrekterweise Polignac heißen müsste, aber mit dem Französischen hat der Autor es auch andernorts nicht so), einem schwulen Aristokraten und Herrenreiter, der die deutsche Kultur bewundert und antisemitischen Theorien gegenüber aufgeschlossen ist. Solche Gestalten hat es nun sicherlich gegeben. Ansonsten bleiben die Charaktere durchweg flach, klischeehaft und unglaubwürdig. Ganz ehrlich, ich konnte es bei der Lektüre über weite Strecken kaum fassen, wie schlecht das geschrieben ist und habe mich ernsthaft gefragt, ob überhaupt, und wenn ja von wem, dieses (Mach)werk lektoriert worden ist…

 

Vollends zum Debakel wird der Roman allerdings durch den Versuch, hier ein großes Gesellschaftspanorama mit Anspruch auf historische Glaubwürdigkeit zu schaffen und die Geschichte der Protagonisten mit den politischen Umwälzungen zwischen den beiden Weltkriegen in Relation zu setzen. Dieser Versuch bleibt schon im Ansatz stecken, anstatt die historischen Ereignisse in den Erzähltext einzuarbeiten und substanziell mit den Charakteren, ihren Gefühlen und Handlungen zu verbinden, wie es die eigentliche Aufgabe des Autors gewesen wäre, werden diese lediglich in Form von kurzen, in einer anderen Schrifttype gedruckten, Einschüben referiert. Da hat es sich der Autor peinlich einfach gemacht, was allerdings zum latenten Eindruck von Lustlosigkeit und Desinteresse, den der Text ausstrahlt, bestens passt. Gerade an diesem Punkt hätte die Erzählung wirklich interessant werden können, aber die Chance vergibt Krausser geradezu kläglich. Wie so etwas funktioniert, kann man bei Joseph Roth, Hemingway oder Feuchtwanger nachlesen, von Thomas und Heinrich Mann ganz zu schweigen.

Vielleicht haben wir es hier tatsächlich nicht mit ganz schlechten Menschen zu tun, auf jeden Fall aber mit einem ganz schlechten Roman.

 

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