Münchner Volkstheater: “Julius Cäsar” – 29.11.2013

Bekanntlich stammen die Shakespeare-Dramen in Wirklichkeit gar nicht von William Shakespeare, sondern von einem vollkommen unbekannten Autor gleichen Namens… Dieser in Theaterkreisen noch immer beliebte Witz zielt natürlich darauf ab, dass man nach wie vor über Leben und Schaffen eines der populärsten Dramatiker überhaupt kaum etwas Gesichertes weiß. Dafür ist der Julius Cäsar das vermutlich beste Beispiel; wenn man den Text wirklich genau liest und sich die Sprache auf der Zunge und am Rachen zergehen lässt, kommt man kaum um die Feststellung herum, dass dieses Stück von mindestens zwei verschiedenen Autoren stammen muss, die sprachlichen und stilistischen Diskrepanzen sind einfach zu groß, um noch als Stilmittel oder Formschwankung durchzugehen.

Solchen Erwägungen geht man am Münchner Volkstheater von vornherein aus dem Weg, indem man ohnehin alles anders macht. Der junge ungarische Regisseur Csaba Polgár hat für seine Inszenierung das Stück radikal entkernt und in eine Art Steinbruch verwandelt, aus dem er einzelne Marmorbröckchen entführt und in eine Art existenzialistische Polit-Groteske mit Slapstick-Elementen eingearbeitet hat, „nach William Shakespeare“ steht denn auch auf den Karten; nicht, dass nachher wieder einer meckert! Polgár und seine Dramaturgen Gergely Bánki und Ildiko Gáspár haben den Text nicht nur radikal auf knackige 1 3/4 Stunden mit ohne Pause zusammengestrichen und von ursprünglich 42 auf nur noch 12 Rollen eingedampft, sondern auch mit zig Zutaten, Extempores und Kommentaren verrührt. Das ist im Einzelfall herrlich schnoddrig und amüsant, zuweilen aber auch eher albern und aufgesetzt, der Originaltext wirkt in diesem Zusammenhang oftmals wie eine Behauptung oder ein Zitat, in jedem Fall aber wie in Anführungszeichen gesetzt. Auch stehen vier jener zwölf Rollen so gar nicht im Stück, sondern bilden eine Art Chor der antiken Tragödie, ein unabhängiges Ensemble von Kommentatoren. In Putzfrauen- und Hausmeisterkluft schrubben und wienern sie Boden und Wände, unterhalten sich dabei auf Ungarisch und singen wunderbare vierstimmige Kanons und Madrigale; das Repertoire reicht von gregorianischen Chorälen bis hin zu The Final Countdown. Caroline Adler, Katalin Szilágyi, Richárd Barbarás und Támas Herczeg machen das bisweilen so stoisch und knochentrocken, dass es einen schier schmeißt vor Lachen.

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Ursula Maria Burkhart (Cäsar) mit landestypischem Pelztier (Foto: Arno Declair)

Spielen tut das Ganze auch nicht in Rom, schon gar nicht im alten, sondern in einem schwer definierbaren, leicht schmuddeligen Festsaal mit unverkennbar ostzonalem Charme, dessen Wände zur Gänze mit Jagdtrophäen und ausgestopftem Viehzeug behängt sind (Bühne: Lili Izsák). Wenn der Vorhang aufgeht, stehen Freunde, Römer und Landsleute in Habacht-Stellung inmitten dieser seltsamen Location und warten. Sie warten lange. Das nervt. Dann endlich erscheint Cäsar! Und ist… man ahnt es schon, eine Frau. Zu Shakespeares Zeit wurden bekanntlich auch alle Frauenrollen von Männern gespielt, in letzter Zeit hat das Regietheater den Spieß umgedreht und besetzt Männer mit Frauen. Macbeth hat es schon getroffen, Shylock und sogar König Lear. Und jetzt auch Cäsar. So what? Worin der ästhetische oder inhaltliche Mehrwert solcher Travestien besteht, habe ich noch nie verstanden. Jedenfalls baut sich die Cäsarin an der Rampe auf und lächelt gefühlt jeden Zuschauer in den ersten fünf Reihen einzeln an. Das nervt. Dann beginnt sie, ihre Pumps an einer Schuhputzmaschine auf Hochglanz zu trimmen… erst den linken, dann den rechten. Das nervt jetzt richtig. So ein Beginn ist normalerweise für einen Theaterabend bereits der Todesstoß. Hier allerdings entwickelt sich dann doch in burlesk-überdrehtes und durchaus originelles Spektakel, das zumindest nie langweilig wird. Allerdings leider auch weniger erhellend als eigentlich erhofft. Schließlich kommt das Regieteam aus Ungarn, einem Land also, dessen innenpolitische Situation dem Rom Cäsars nicht unähnlich ist, in dem die Demokratie nur noch eine täglich weiter ausgehöhlte Fassade und der Sturz in die Diktatur mehr als nur eine reale Option ist. Schon Shakespeare selbst hat sich in diesem Werk weit weniger für die Herrscherfigur selbst, als vielmehr für die Strahlkraft der Macht und deren Kehrseite interessiert. Entsprechend stark liegt der Fokus auf den Verschwörern. Diese Akzentuierung hat Polgár sogar noch weiter zugespitzt, schon nach nicht mal der Hälfte des Abends findet Cäsar ihr Ende – mit dem Kopf in die rotierende Schuhputzmaschine gestopft, ebenso wie später Brutus; ein Moment zwischen Inspektor Barnaby und Tarantino. Das Verschwörer-Trio Cassius, Brutus und Casca ist ein wirrköpfiger, infantiler Haufen von Posern und Maulhelden, angeführt von Cassius – und dieser, der einzige echte Mann nach antikem Verständnis, ist hier ebenfalls mit einer Frau besetzt. Eine bemerkenswerte Pointe, zudem werden erotische Begierden und Lockungen hier ganz knallhart als Mittel zu Machterwerb und –erhalt, zu Manipulation und Obsession inszeniert. Das hat man so tatsächlich noch nicht gesehen. Und die hochattraktive Mara Widmann nutzt die Chance straight ahead, spielt mit vollem Einsatz und bietet auch in Sachen Textbehandlung und Bühnenpräsenz die mit Abstand überzeugendste Performance des Abends; beinahe außer Konkurrenz. So sehen keine Sieger aus und die Opposition hat zwar die Macht, aber keinen blassen Schimmer, was damit anzufangen wäre. Dementsprechend qualvoll ist der Verfall jener Macht und aller Allianzen, eine Lösung ist nicht in Sicht und das Spiel könnte, mit anderem Personal, gleich von vorne beginnen. Eine von tiefem Misstrauen in politische und gesellschaftliche Strukturen getragene Haltung, wie sie derzeit für die Arbeiten vieler Regisseure aus Osteuropa typisch ist. Und in diesem Punkt ist dann doch mehr Shakespeare drin in der Packung, als man auf den ersten Blick meint. Polgárs Ansatz geht mit dem Text sicherlich ruppig um, manches mag man als etwas respektlos empfinden, den Grundgestus dieser Geschichtstragödie verfehlt er nicht. Dennoch vermag die Umsetzung am Ende des Tages nicht vollauf zu überzeugen, dafür ist sie über weite Strecken nicht konsequent genug. Eine solche Deutung müsste noch härter sein, noch greller, noch schmutziger, von richtig anarchischem Witz und Mut zur Groteske… da ist die Schuhputzmaschine ein guter Anfang, mehr aber auch nicht.

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Als Verschwörer sieht man besser! – Mara Widmann (Cassius) und Jean-Luc Bobert (Brutus) – Foto: Arno Declair

Leider überträgt sich diese szenische Indifferenz auch etwas auf das Ensemble. Außer Mara Widmann überzeugt vor allem der sehr agile Pascal Riedel als Marc Anton, der mit einer gekonnten Mischung aus Wurstigkeit und Pathos auch seine berühmte Trauerrede zu einem Kabinettstück macht. Ansonsten wird gerne mal sehr dick aufgetragen und chargiert, dass die Auslegeware Wellen wirft , die Charaktere bleiben indes bloße Karikaturen ihrer selbst und die originalen Textpassagen kommen so hölzern rüber wie beim Vorsprechen für die Schauspielschule. Da ist man hier am Hause eigentlich ungleich besseres gewohnt… Auch Cäsar selbst gewinnt in der Darstellung durch Ursula Maria Burkhart kaum Profil; warum man ausgerechnet gegen diese freundliche, etwas unbeholfene Dame ein Mordkomplott schmiedet, bleibt unverständlich.

Ein kurzweiliger Theaterabend, der aber nicht wirklich ins Zentrum führt.

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