Bayerische Staatsoper: “Tosca” – 13.12.2013

Ja, is denn heid scho Weihnachten? So ähnlich wie in dem bekannten Werbespot dürften die Staatsopern- Besucher am Freitagabend vor dem dritten Advent reagiert haben als vor der Vorstellung Hausherr Nikolaus Bachler vor den Vorhang trat und mit stolzgeschwellter Brust als Ersatz für den ursprünglich vorgesehenen italienischen Mittelklasse-Barden keinen geringeren Ersatz als Publikumsliebling Jonas Kaufmann aus dem Hut zog… Für die zahlreichen Fans des wuschelköpfigen Lokalmatadoren war die Bescherung damit tatsächlich um anderthalb Wochen vorverlegt, für Kaufmann selbst war der Abend gleich ein doppeltes Heimspiel; schließlich hatte er den temperamentvollen Maler und Freiheitskämpfer Mario C. aus R. bereits in der Premiere im Juli 2010 sowie in der Wiederaufnahme im Oktober 2012 verkörpert. Dass er sich dies mitten in den Endproben für sein Rollendebüt in Verdis Forza del destino in gut einer Woche noch angetan hat, verdient natürlich größten Respekt und sagt eine Menge über das enge, beinahe familiäre Verhältnis des Hauses und des Publikums zu seinen Stars aus. Dass unter diesen Umständen der eine oder andere Spitzenton nicht ganz stressfrei klang, ist nachvollziehbar, aber auch unabhängig davon gehört Kaufmann zu den Künstlern, die den Unterschied machen und einen Opernabend musikalisch und darstellerisch prägen. Dabei fügte er sich auch ohne Probe nahtlos in die Vorstellung ein, seine Interpretation war wie gewohnt sinnlich, suggestiv und hochmusikalisch und gerade im dritten Akt wartete er, im Zusammenspiel mit dem Dirigenten, mit einer Vielzahl feiner Farb- und Ausdrucksnuancen auf. Diesmal allerdings führte sein Auftritt auch zu einer gewissen Verwerfung in Form eines deutlichen Qualitätsunterschiedes zum restlichen Ensemble. Am ehesten konnte noch Catherine Naglestad in der Titelpartie mithalten. Die Amerikanerin wurde ihrem Renommée als leidenschaftliche und ausdrucksstarke Interpretin einmal mehr gerecht, allerdings musste die darstellerische Intensität diesmal auch eine Reihe stimmlicher Unebenheiten kaschieren, gegen Ende hatte sie zudem auch mit Konditionsproblemen zu kämpfen. Insgesamt bestätigte sich der Eindruck, dass es Rollen gibt, die der Künstlerin besser in der Stimme liegen. Ein glatter Ausfall war hingegen in der Rolle des Scarpia zu beklagen: Scott Hendricks ist kein bigotto satiro, kein kaltherziger Psychopath in der Maske des Gentleman, sondern ein graumäusiger mürrischer Schreibtischtäter. Dass vor ihm „ganz Rom gezittert“ haben soll, vernahm man mit Erstaunen, glauben tat man es nicht. Aber auch gesanglich blieb Hendricks um Klassen unter dem, was an einem First Class-Opernhaus gefragt ist, die Stimme ist für das Nationaltheater mindestens eine Nummer zu klein, klingt heiser, resonanzarm und in Artikulation und Phrasierung schmerzhaft unitalienisch. Ach ja, noch ein Tipp: man wirkt NICHT bedrohlicher, wenn man alle drei Minuten zwischen zwei Phrasen einen bemüht dreckigen J.R. Ewing-Lacher vom Stapel lässt…!  Das BSO-Hausensemble war diesmal mit Goran Jurić (Angelotti), Francesco Petrozzi (Spoletta) und Christian Rieger (Sciarrone) solide, mit Christoph Stephinger (Mesner) ausbaufähig vertreten, der Staatsopernchor entfaltete im Te Deum des ersten Aktes beeindruckende Klangfülle.

Tosca BSOFoto: Wilfried Hösl

Nun dürften allerdings die wenigsten Besucher wegen der Sängerbesetzung gekommen sein und erst recht nicht wegen der banalen szenischen Einrichtung von Luc Bondy, sondern einzig und allein, um zu hören, ob der neue Chef Kirill Petrenko auch Puccini kann und was er aus dieser vielstrapazierten Partitur herauszaubern würde. Um es gleich vorweg zu sagen: schier Unglaubliches. Puccini ist ja, gerade oltr’alpe, also nördlich des Alpenhauptkamms, immer noch ein sträflich unterschätzter Komponist, an dem sich Generationen von Dirigenten aufs Übelste versündigt haben. Mit dieser Tradition des Schreckens, mit der Verschnulzung und Überzeichnung seiner Musik, macht Petrenko konsequent Schluss. Er zeigt uns Puccini weniger als den Nachfolger Verdis, sondern in erster Linie als Zeitgenossen von Strauss, Mahler und Schreker; als einen ambitionierten und hochinnovativen Musiker an der Nahtstelle zweier Jahrhunderte. Tosca so wie Petrenko sie dirigiert, ist eben kein „Quälodramma“ (wie es Richard Strauss in seiner so kollegialen Art ausdrückte) und kein shabby little shocker, sondern eine moderne Partitur von immenser emotionaler Sprengkraft. Petrenko kann es sich leisten, beinahe grenzwertig breite tempi anzuschlagen, da er diese in jedem Moment mit Sinn und Spannung füllt. Der Klang ist körperhaft und opulent, dabei aber vollkommen entfettet und ungeheuer differenziert, unsentimental und transparent. Die Härten und Schroffheiten der Musik werden kein bißchen abgeschliffen oder geglättet, so können die lyrischen Momente einen ungeahnten poetischen Zauber entfalten. Puccini ist Dialektik in Musik, Liebe, Leidenschaft und Tod als bestimmende Faktoren menschlichen Lebens und Strebens verschmelzen hier zu einem ganz speziellen Lebensgefühl, zu einer unverwechselbaren musikalischen Farbe. Innigste Affekte blühen im Schatten von Diktatur und Terror, umgekehrt bringen sie aber auch eine leuchtend heroische Kraft hervor. Solche magischen Augenblicke gibt es viele in Petrenkos Tosca-Dirigat, beglückend viele. Damit zurück zur Eingangsfrage… Ja, irgendwie schon!

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