BR-Symphonieorchester und -Chor: Bernard Haitink dirigiert “Die Schöpfung” – 19.12.2013

„Papa Haydn“ – wohl selten war ein Spitzname so dämlich und hat, wiewohl gut gemeint, das Bild seines Trägers für die Nachwelt derart nachhaltig ruiniert. Papa Haydn, das klingt schon so bräsig, so verzopft, so betulich… Und genauso ist seine Musik dann auch Generationen lang aufgeführt worden: als zahnlose, sanft plätschernde Kuschel-Klassik, die perfekte Klangkulisse zu Heizdecke und Kaffee Hag, bestenfalls als Einspielstück für das Hauptwerk des Abends. Da muss doch mehr dahinter stecken?! Tut es auch. Das haben sie uns inzwischen eindrucksvoll bewiesen, die Herren Harnoncourt, Hogwood, Antonini, Rattle und Co., Originalklang-Apostel ebenso wie musizierende Sinnsucher und Freunde der sogenannten period informed interpretation. So gesehen sind die alten Zöpfe längst ab und Haydn als Komponist rehabilitiert. Sicher, mit Mozart kann er nicht mithalten – was er übrigens auch selbst erstaunlich neidlos erkannte und zugab – und neben Beethovens sinfonischem Furor und präromantischen Feueratem hört sich der Gute zugegebenermaßen schon eher blass an… Trotzdem: ein gut gespielter Haydn ist was Feines und ein Hörvergnügen voller musikantischer Frische.

Nun ist es nicht nur phonetisch ein kleiner Schritt von Papa Haydn zu Papa Haitink, Bernard Haitink. Der holländische Maestro gehört zu den Doyens der Branche und feiert im kommenden Frühjahr immerhin den 85., beim BR-Symphonieorchester hat er bereits 1958 (!) debütiert und gehört seither zu den treuesten künstlerischen Partnern des bayerischen Eliteorchesters und ist seit Jahrzehnten im Münchner Musikleben eine feste Größe. Zudem ist er,  neben seinem Generationsgenossen Pierre Boulez, der vermutlich uneitelste und unpretenziöseste Dirigent, den man sich vorstellen kann, ein hochseriöser und zu Recht beliebter Musiker. 1987 habe ich mein erstes Haitink-Konzert gehört und schon optisch hat er sich seitdem nicht wirklich verändert. Das gilt allerdings auch für seinen künstlerischen Ansatz; damals wie heute steht Haitink für grundsoliden, gefälligen und weitgehend pathosfreien Wohlklang ohne Exzesse in Sachen Tempo oder Dynamik. Wenn man sich eine Konzertkarte für ihn kauft, weiß man, was man bekommt, Enttäuschungen sind praktisch ausgeschlossen. Überraschungen allerdings leider ebenfalls, interpretatorisches Neuland wird nicht betreten, Denkanstöße oder Entdeckungen finden nicht statt. Das ist old school, mit allen Vor- und Nachteilen.

So gab es auch an diesem Abend nicht wirklich was zu meckern, das BR-Symphonieorchester spielte in voller Pracht, mit opulentem romantischen Sound und schillernder Farbigkeit und der großartige Chor in der Einstudierung von Peter Dijkstra wurde seinem überragenden Ruf einmal mehr gerecht und schwang sich in den zahlreichen Lob- und Jubelgesängen zu beeindruckender Klangfülle und Geschmeidigkeit auf. Das klang alles wunderprächtig und hochmusikalisch. Nun ist gerade Die Schöpfung allerdings ein inhaltlich und gattungstypologisch sehr interessantes Werk, das zwar formal noch an die Oratorientradition Händels anknüpft, diese allerdings immer wieder aufbricht und Ausblicke in die Moderne eröffnet. So ist beispielsweise der Einbruch des Lichtes ein Geniestreich; ein allgemeingültiger Topos, auf den später Komponisten wie Beethoven, Rossini, Wagner, Meyerbeer und Strauss ebenso zurückgegriffen haben wie die Filmmusik des 20. Jahrhunderts. Dass die Amtskirche dieser in Teilen sehr eigenwilligen und betont humanistisch geprägten Version der Schöpfungsgeschichte eher ambivalent gegenüber stand, ist kein Wunder; verkörpern Texte und Musik doch jenen fröhlich-naiven, sinnlichen Humanismus, wie er zu der Zeit in den Salons der aufgeklärten Wiener Aristokratie verbreitet war. Die haben das Werk bestellt und bezahlt, ergo schafften sie auch an.

Gerade dieser Aspekt kam in der Aufführung leider entschieden zu kurz, von der visionären Kraft der Musik und ihrer musikdramatischen Modernität war bei Haitink wenig zu spüren. Schon die einleitende Illustration des Chaos, der Welt im Urzustand, klang seltsam geordnet und domestiziert und auch für die Natur(ereignis)schilderungen wie Donner, Blitz und Sturm hätte ich mir eine farbenreichere, dramatischere, suggestivere Gangart gewünscht. Haydns hier zelebrierter extremer Hang zu lautmalerischen Schilderungen war schon 1798 nicht unumstritten, gerade bei der Erschaffung der Tierarten klang an diesem Abend manches eher nach Familiengottesdienst und auch in den Jubelgesängen von Adam und Eva machten sich gewisse Längen bemerkbar.

Von den drei Gesangssolisten begeisterte vor allem Mark Padmore, der derzeit beste und künstlerisch interessanteste englische Tenor; sorry, liebe Bostridge-Fans, ist einfach so. Die Stimme besitzt im Piano eine exquisite Süße, in der Mittellage einen warmen und doch sehr maskulinen und körperhaften Klang und in der Tiefe ein wunderbares baritonales Fundament. Der Vortrag ist differenziert, textdeutlich und von starker gestalterischer Intensität. In Sachen Wortgestaltung und Lebendigkeit war Hanno Müller-Brachmann ihm ebenbürtig, stimmlich hatte der Bariton dagegen nicht seinen Glanztag erwischt; die Stimme rutschte einige Male aus dem Fokus, neben kraftvollen, kernig gesungenen Passagen unterliefen ihm immer wieder auch mürbe und brüchige Töne. Die Sopranistin Camilla Tilling bringt angemessen lyrisches Material mit und bewältigt den Part tadellos, die manchmal etwas sehr neckisch-burschikose Attitüde ist Geschmackssache… Große Begeisterung im ausverkauften Herkulessaal für einen schönen vorweihnachtlichen Ohrenschmaus.

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