Musiktheater im Revier Gelsenkirchen: “L’Italiana in Algeri” – 25.12.2013

Gioachino Rossini war so manches: gefeierter Komponist, Opernreformer, Aphoristiker, Lebemann und Gourmet sowie nach seinem Rückzug aus dem Operngeschäft mit gerade mal Mitte Dreißig der vermutlich fröhlichste Frührentner (nicht nur) der Musikgeschichte. Darüber hinaus hat er, ohne dass dieser Umstand jemals gebührend gewürdigt worden wäre, in seinen komischen Opern das absurde Musiktheater erfunden, die vollkommene Entkoppelung von Textinhalt und musikalischer Form, die virtuose musikalische Organisation des Nonsense.

Dies hat Regisseur David Hermann in seiner Inszenierung von L’Italiana in Algeri am Gelsenkirchener MIR beherzigt und damit für einen wunderbar amüsanten, spritzigen und kurzweiligen Opernabend gesorgt. In seiner 1813 entstandenen opera buffa nimmt Rossini den Zusammenstoß zweier Kulturen, der europäischen und der orientalischen, humorvoll auf die Schippe und verrührt dies noch genüsslich mit den schon damals gängigen Geschlechterklischees und dem skurrilen Typenarsenal einer handfesten italienischen Musikkomödie. Nun kann ja gerade ersteres heute, in Zeiten der political corectness und der öffentlichen Hysterie leicht auf ganz dünnes Eis führen… Hermann entgeht dem, indem er den Bey Mustafà samt seinem Hofstaat und den Schauplatz Algier kurzerhand in eine andere, räumlich und politisch ungleich weiter entfernte Weltgegend versetzt und umwidmet: irgendwo in die Südsee nämlich, die Entführerin reist nicht ins Serail, sondern in den Dschungel. Für die Dramaturgie des Stückes spielt das keine Rolle und die diversen textlichen wie szenischen Gags funktionieren auch in diesem Umfeld prächtig. Eigentlich sogar fast noch besser, da man das so noch nicht gesehen hat und dieses Konzept wirklich originell ist. Für den ersten “Wow!”-Effekt sorgt bereits das Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic: ein riesiges, mitten im Dschungel abgestürztes Flugzeugwrack, in weiten Teilen ausgeweidet und von der Natur zur Hälfte schon zurückerobert. In dieser Maschine haust ein Stamm putziger Ureinwohner mit geschnitzten Masken, zwischen Teddybär und Star Wars (Kostüme: Bettina Walter), Ladung und Ausrüstung des Havaristen tauchen immer wieder da auf, wo es niemand vermutet und werden fröhlich zweckentfremdet. Dass sich der Großteil dieser Gesellen am Ende des Tages als die gefangenen Italiener entpuppt, die sich die “Pensa alla Patria” Masken und Umhänge abstreifen und ungläubig ins Licht blinzeln wie beim Gefangenenchor aus Fidelio, mag vielleicht nicht ganz logisch sein, aber siehe oben! Natürlich kriegen sie die Maschine am Ende wieder flott und heben ab, lediglich Taddeo geht so in seiner Rolle als Kaimakan so auf, dass er freiwillig im Urwald zurückbleibt, während Stammesfürst Mustafà als “Pappataci” seine Spaghetti mampft; ein nettes Zitat aus Ponnelles berühmter Inszenierung, die jahrzehntelang die Bühnen beherrscht hat. Das ist einfach exzellent gemachtes musikalisches Unterhaltungstheater, mit leichter Hand und viel Witz, hohem Tempo und Genauigkeit, getragen von der ansteckenden Spielfreude des Ensembles und auch des Chores. Das Publikum hatte verständlicherweise seinen Spaß und ging voll mit.

Ensemble Belcanto im Dschungelcamp – Foto: Pedro Malinowski

A propos Ensemble: dass man in Gelsenkirchen, einer der finanziell klammsten Kommunen der Republik, nicht über die Mittel verfügt, die angesagtesten Goldkehlen und Koloraturkanonen einzukaufen, versteht sich von selbst. Hier muss durch Engagement, Spielfreude und Ensemblegeist ausgeglichen werden, was im Einzelfall an Virtuosität und Vokalbravour fehlen mag. Eine echte Primadonna gab es dennoch zu bestaunen, Carola Guber als Isabella nämlich. Schon mit dem ersten Auftritt kehrt sie das Unterholz zuoberst und mischt den Regenwald auf; ein singendes Vollweib, “lecker ordinär”, dominant, kokett, notorisch gut gelaunt und vor allem hinreißend selbstironisch. Eine Königin des Urwalds, die aus jedem Wink, jedem Umzug oder Abgang eine Staatsaktion macht. Die dazugehörige Stimme ist sicher kein Naturereignis, aber ein geläufig, sauber und musikalisch geführter und sehr angenehm timbrierter Mezzo. Hongjae Lim als ihr Lindoro setzt effektvolle Spitzentöne in den Saal, kämpft etwas mit den schnellen parlando-Passagen und legt im Pappataci-Terzett eine Gangnam Style-Persiflage hin, dass kein Auge trocken bleibt. Einigen Sopranglanz verbreiten Alfia Kamalova als Elvira und Anke Sieloff als Zulma. Größere Abstriche sind dagegen bei den tiefen Herren zu machen: während Piotr Prochera als Taddeo seine Probleme mit Rhythmus und Intonation durch sein lebhaftes Spiel noch einigermaßen wettmachen kann, fallen Dong-Won Seo als Haly und vor allem Krysztof Borysiewicz als Mustafà doch sehr ab. Gerade bei letzterem ist das natürlich sehr bedauerlich, da so der Gegenpart zu Gubers Italiana weitgehend ausfällt; selbst in der 6. Parkettreihe ist er akustisch kaum noch präsent und den wenigen vernehmbaren Phrasen fehlt es an Bassfarbe.

FOTOS: PEDRO MALINOWSKI L’Italiana in Algeri Komische Oper in zwei Akten von Gioacchino Rossini Text von Angelo Anelli Ua 1813 Besetzung: Mustafa: Krzysztof Borysiewicz Elvira: Alfia Kamalova Zulma: Anke Sieloff Haly: Dong-Won Seo Lindoro: Hongjae Lim IC.Guber, H.Lim, A.Kamalova, K.Borysiewicz und P.Prochera (Foto: Pedro Malinowski)

Dirigent Askan Geisler am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen ging die Sache zunächst recht zaghaft an und schien das Orchester eher einbremsen zu wollen, Rossinis musikantischer Wirbel stellte sich so natürlich nicht ein. Erst im Laufe des ersten Aktes gewann das Dirigat an Sicherheit, Tempo und Musizierfreude, ein Sonderlob geht an den Hornisten für sein Solo in der ersten Lindoro-Arie.

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