Aaltotheater Essen: “Werther” – 28.12.2013

Sechzehn Jahre sind sechzehn Jahre. Das ist schon richtig eine Ansage. So lange nämlich hat Stefan Soltesz die Geschicke der Essener Oper geleitet und bestimmt, zunächst nur als GMD, später übernahm er für viele Jahre auch als „Superminister“ zusätzlich die Intendanz. In dieser Zeit hat er das Haus geprägt und in die erste Reihe geführt. Ein ganz schön dickes Brett, das seine Nachfolger, Intendant Hein Mulders und Chefdirigent Tomáš Netopil, jetzt zu bohren haben, schließlich wird es in naher Zukunft darum gehen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten das  Niveau zu halten und dennoch eigene künstlerische Akzente zu setzen; immer wieder eine spannende Angelegenheit.

In diesem Sinn erweist sich dieser Werther, die zweite Neuproduktion unter der neuen Leitung, als durchaus vielversprechend, wenn auch noch nicht als wirklich richtungsweisend. Auf jeden Fall konnte man sich schon nach wenigen Takten beruhigt zurücklehnen und feststellen, dass die Essener Philharmoniker noch nichts verlernt haben. Im Gegenteil, unter der Leitung von Sébastien Rouland entfaltet das Orchester einen seidenweichen, flexiblen und ausgesprochen schönen Klangteppich, der Dirigent trägt die Sänger und moduliert das Tempo, eine absolut stimmige und idiomatische Interpretation. Lediglich in den Zwischenaktmusiken und Aktschlüssen hätte man sich etwas mehr Kontur und eine gewisse dramatische Würze vorstellen können.

Auch sängerisch gab es an diesem Abend nur Gutes zu erleben, eine in sich geschlossene und hochkompetente Ensembleleistung. So verspricht Abdellah Lasri ein echter Gewinn für das Ensemble zu werden, der junge Marokkaner verfügt über einen kultivierten, metallisch grundierten Tenor von jugendlicher Frische und romantischer Emphase. Lasri singt die Partie des verzweifelten Schwärmers ohne Übertreibungen und ohne Larmoyanz, sehr natürlich und ungekünstelt im Ausdruck, mit schöner Linienführung und in den dramatischen Ausbrüchen mit entsprechenden Reserven. Eine gewisse Tendenz, in der tieferen Lage etwas zu sehr in den Hals hinein zu singen lässt sich durch entsprechende Korrektur des Stimmsitzes sicherlich noch beheben; insgesamt ist das schon wesentlich mehr als nur ein Versprechen für die Zukunft. Während Lasris Werther vom ersten Takt an präsent war, brauchte Michaela Selinger als Charlotte eine gewisse Anlaufzeit, was teilweise auch rollenbedingt sein dürfte. Nach einer eher verhaltenen ersten Halbzeit gewann ihr Vortrag nach der Pause in der berühmten Air des lettres und der Begegnung mit Werther deutlich an Profil und dramatischem Ausdruck, das dunkle und etwas herbe Timbre ist dem Charakter absolut adäquat und auch darstellerisch konnte sie im Laufe des Abends deutlich zulegen. Den relativ undankbaren Part ihres ungeliebten Ehegatten Albert sang Heiko Trinsinger grundsolide, während Christina Clark die Sophie mit hell jubilierenden Soprantönen und großer Spielfreude durchaus aufwertete. Einen kraftvollen Bass von beachtlicher Schwärze ließ Tijl Faveyts als Amtmann hören, seine Freunde und Trinkkumpane Johann und Schmidt waren in der Interpretation von Martijn Cornet und insbesondere Rainer Maria Röhr hörbar die Männer fürs Grobe.

WERTHER Premiere am 30.November 2013 Aalto Musiktheater Essen - Probenfoto -Finale im Schnee (Foto: Matthias Jung)

So homogen und überzeugend die musikalische Seite des Abends gelungen ist, so unbefriedigend war die szenische. Zugegeben: bei dieser Oper verdient der Regisseur mildernde Umstände, denn das Stück funktioniert heute einfach nicht mehr. Die gesellschaftlichen Umstände und Vorgaben haben sich – glücklicherweise! – doch fundamental gewandelt und die Handlung jedweder Glaubwürdigkeit beraubt. Wenn man dann auch noch in Rechnung stellt, was die drei (!) Librettisten aus Goethes Opus zusammengekocht haben… dann beneidet man das Produktionsteam gewiss nicht. Trotzdem kann man sich nach dieser Aufführung nur wundern, dass Carlos Wagner derzeit an mittleren Häusern im deutschsprachigen Raum so eine Karriere macht; der venezolanische Regisseur hatte nämlich keine Spur von einem Konzept oder einer Idee, wie man die Geschichte halbwegs sinnvoll erzählen könnte. Statt zu interpretieren, lässt sich Wagner von seinem Bühnen- und Kostümbildner Frank Philipp Schlößmann ein aufgeschnittenes Wohnhaus auf die Bühne stellen und überlässt die Sänger weitestgehend sich selbst. Mit bemerkenswerter Hilflosigkeit laviert die Inszenierung zwischen Detailrealismus und Anflügen von Symbolismus; etwa wenn, je nach Jahreszeit, mit jedem Auftritt Werthers eine Ladung Herbstlaub, Blütenblätter oder Schnee mit in die gute Stube weht oder am Ende des zweiten Aktes gar ein ganzer Baumstamm durchs Fenster kracht… Fehlt bloß noch das Schwert drin. Ach nein, anderes Stück. Die wenigen Einfälle verlaufen allesamt im Sande und ergeben kein einheitliches Bild. Manches ist auch schlicht peinlich, etwa wenn Schmidt nach durchzechter Nacht nicht nur das ausgesoffene Leergut aus dem Fenster wirft, sondern im Überschwang gleich selbst mit rausfällt, dabei mit den Beinen in der Luft rudernd wie ein Operettenkomiker. In solchen Momenten ist die Sache näher an Dick & Doof als an professioneller Opernregie. Wundersamerweise gelingt dann aber doch noch ein in seiner Schlichtheit und Konzentration überzeugendes Schlussbild: das Puppenhaus fährt zur Seite weg für ein letztes Recontrer der verhinderten Liebenden im beständig und leise rieselnden Schnee. Eine weiße Hölle mit einem achtlos weggeworfenen Weihnachtsbaum in der Mitte. Nicht vollkommen kitschfrei, aber immerhin mal ein starkes Bild. Nur leider zu spät, um die Inszenierung noch zu retten.

Um noch einmal zum Anfang zurückzukehren: ob Stefan Soltesz diesen szenischen Dilettantismus geduldet hätte, ist fraglich. Doch die Liste der Regisseure für die kommenden Neuinszenierungen enthält immerhin Namen wie Christof Loy und Robert Carsen; man darf also auf Besserung hoffen.

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