Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Die Zauberflöte” – 29.12.2013

So, einen habe ich noch aus dem alten Jahr –  die Duisburger Neuinszenierung der Zauberflöte nämlich. Zauberflöte und Neuinszenierung? Das passt eigentlich nicht so recht zusammen, schließlich ist das doch eine von den Opern, die eigentlich immer und überall mehr oder weniger gleich aussehen, höchstens ein wenig mehr oder weniger üppig ausgestattet, je nachdem was der örtliche Etat so hergibt… Man nimmt ein wenig Freimaurer-Gedöns und hobelt eine Prise rituellen Käse drüber, mischt etwas Märchenzauber dazu und rundet die Sache mit putzigen Tiermasken, Pappmachéfelsen, Plastikpalmenhainen und Sarotti-Kameraden aus dem Exotik-Baukasten ab. Et voilà. Die Leute rennen einem die Bude ein, ob man will oder nicht. Das tun sie auch in der neuen Produktion der Deutschen Oper am Rhein, alle Vorstellungen sind ausverkauft, an Sonntagen gleich im Doppelpack; ein Kassenknüller und –füller, der willkommener nicht sein könnte. Dabei ist diese Zauberflöte tatsächlich anders. Ganz anders sogar.

DOR Lauberzöte1Die Königin der Nacht – Foto: Hans Jörg Michel

Erdacht hat das Spektakel ein Regieteam mit dem rätselhaften Namen „1927“, dahinter verbirgt sich u.a. der Berliner Komische Oper-Intendant Barrie Kosky, der zusammen mit Suzanne Andrade für die Regie verantwortlich zeichnet. Am Berliner Stammhaus wurde diese Flöte schon gespielt, ebenso im fernen Los Angeles; und nun auch an Rhein und Ruhr. Selten wurde mit der gewohnten Ästhetik so radikal aufgeräumt. Das Stück wird nämlich nicht als Oper im engeren Sinne erzählt, sondern als Stummfilm mit Arien. Das hat ja spätestens seit Michel Hazanavicius‘ mit diversen Oscars prämiertem The Artist wieder schwer Konjunktur. Visuell ist dieses Konzept natürlich die Show an sich: anstelle eines Bühnenbildes gibt es nur eine weiße Wand mit diversen schwenkbaren Türen auf zwei Ebenen, durch die wie in einem Wetterhäuschen die Sänger, auf schmalen Trittbrettern fixiert, rein- und rausgedreht werden, die obere Reihe in der schwindelerregenden Höhe von ca. vier bis fünf Metern über dem Bühnenboden… Die restliche Wandfläche wird durch permanente Projektionen und Animationen „bespielt“ und deren Schöpfer Paul Barritt ist hier nicht nur der Spiritus Rector der gesamten Veranstaltung, er hat sich richtig austoben und die ganze Kiste auspacken dürfen. Vor lauter Bildern, Texttafeln – natürlich gibt es keine Dialoge, sondern von Klaviermusik begleitete Zwischentexte – , Zeichnungen, Blumenranken, Fabelwesen etc. glüht bald der Beamer und tanzen die Pixel Samba; Flöte und Glockenspiel bestehen aus fliegenden Figürkes, die animierte Notenzeilen abwerfen, die sich wie Sternenstaub auflösen, es dräuen finstere Monster, es ranken sich bunte Blüten, die sich in Schmetterlinge verwandeln und die wiederum in küssende Lippen oder schwatzende Münder und jedes Stichwort wird graphisch kommentiert und illustriert bis zum Anschlag und darüber hinaus; taucht etwa im Text das Wort „Rätsel“ auf, so glühen sofort 40 Fragezeichen um den Kopf des Sängers herum, auf das Stichwort „Maus“ wachsen ihm in Echtzeit überdimensionale virtuelle Mickymaus-Ohren und so weiter… Die Sarastro-Welt ist gekennzeichnet durch fließende animierte technische Zeichnungen, Baupläne und Schaltkreise, weil ja „Klugheit und Arbeit und Künste hier weilen“. Das ist optisch überwältigend, spektakulär, von überbordender Phantasie, dabei brillant gemacht, temporeich, rasant und mit ganz viel Liebe zum Detail; die schwarze Comic-Katze im Gefolge Papagenos avanciert zum Publikumsliebling. Sänger? Ach ja. Die stehen oder hängen irgendwo inmitten dieser Bilderflut und werden mit Spots herausgeleuchtet. Sie sind Stummfilmfiguren; Papageno etwa im senfgelben Dreiteiler mit Hut ist Buster Keaton, Tamino ist Harold Lloyd, Monostatos Nosferatu und auch die anderen haben in der Welt des Films ihre Vorbilder, die ich mangels Kenntnis jetzt nicht alle dechiffrieren konnte (Ausstattung: Esther Bialas). In der Tat, so hat man die Zauberflöte noch nicht gesehen, und auch keine andere Oper.

DOR Lauberzöte2Pamina und Papageno mit Blumen und Bienchen – Foto: Hans Jörg Michel

Sobald sich das Staunen und die Überrumpelung etwas gelegt haben, wirft dieser bildliche Overkill allerdings eine Reihe von Fragen auf. Denn am Ende des Tages ist auch die Zauberflöte eben doch eine Oper und kein Film und kein Comic. Heißt im Klartext: Oper ist eine Bühnenkunst, jeden Abend und im Moment gestaltet von singenden und agierenden Menschen auf der Bühne. Hier dagegen werden die Sänger zwangsläufig so fest in ein starres szenisches Korsett gepresst, dass von einer individuellen Rollengestaltung eigentlich nicht mehr die Rede sein kann, der Aktionsradius ist praktisch gleich Null, jede Geste und jeder Gesichtsausdruck vorgegeben und standardisiert, Spontanität oder Individualität sind ausgeschlossen. Bei einmaligem Ansehen mag das durch den Reiz des Neuen noch funktionieren, aber wenn man vor Ort wohnte und sich das Spektakel öfter geben wollen würde, wäre der Witz vermutlich schnell dahin. Eine gewisse Gewöhnung ist schon bei diesem Erstbesuch festzustellen, auch das Staunen hat seine Halbwertzeit. Dazu kommt, dass die Berührungspunkte zur erzählten Geschichte bei näherem Hinsehen doch eher dürftig und von lose assoziativem Charakter sind; eigentlich könnte man beinahe jede Oper vor dieser Kulisse singen lassen, bis hin zum Ring… Und, wenn ich schon am Meckern bin: der Chor. Chor??? Ähem, ja… der Chor. Wohin denn damit? Der passt nicht auf die Waschbretter in der Wand. Und eigentlich überhaupt nicht ins Konzept. Also: einfach mal Bärte angeklebt und Zylinder aufgesetzt und auf die Vorbühne gestellt. Ins Dunkel natürlich, man soll ja möglichst wenig davon mitkriegen. Und am Ende muss man ihn dann doch noch mitmachen lassen… als Chorus Line von Pamina- und Tamino-Klonen vor gerafftem Revuevorhang. Bekanntlich lautet Schikaneders wunderbar lapidare Szenenanweisung für das Finale: „Das Theater verwandelt sich in die Sonne“. Wo bitte, wenn nicht hier, hätte man das endlich mal umsetzen können? Wieder nicht. Das ist am Ende ein schwaches Bild.

DOR Lauberzöte3Links die geflügelte Flöte, rechts Tamino – Foto: Hans Jörg Michel

Eines allerdings leistet die Bilderflut perfekt: sie lenkt wohltuend von den musikalischen Darbietungen ab. Denn die waren in dieser Nachmittagsvorstellung, kann man nicht anders sagen, desolat. Und wir sprechen hier nicht vom Tristan oder den Trojanern… sondern von einer Mozart-Oper. Wenn man die schon nicht mehr akzeptabel besetzt kriegt, sollte man sich doch mal Gedanken machen. Die überzeugendste Leistung des Nachmittags bot Florian Simson als wirklich bedrohlicher, messerscharf und präzise artikulierender Monostatos im Nosferatu-Outfit, hier gewann diese sonst meist unerträglich klischeehaft gezeichnete Figur endlich einmal wirklich Profil. Zu den wenigen Positiva der Aufführung gehörten auch die schön lyrisch und musikalisch gestaltete Pamina von Anett Fritsch und mit Abstrichen noch das Paar Papageno und Papagena mit Richard Šveda und Luiza Fatyol, auch wenn man gewiss schon „saftigere“ Stimmen in der Rolle des Vogelfängers gehört hat. Aber dann. Eigentlich habe ich gar keine Lust, die gehäuften vokalen Unzulänglichkeiten dieser Besetzung im Einzelnen durchzugehen… Aber Opernkritik funktioniert nun mal nicht immer nach dem Lustprinzip. So endete der Kampf der beiden Grundprinzipien des Lichtes und der Finsternis mit einem grausamen Null zu Null: weder der brüchige, substanzarme und unschön polternde Sarastro-Bass von Sami Luttinen noch die technisch überforderte und gellend schrille Königin der Nacht von Beate Ritter wurden ihren Partien auch nur ansatzweise gerecht. Das gilt auch für Ovidiu Purcel, der den Tamino nicht schön sondern nur schön laut sang; die unangenehm gepresste, enge Tongebung, der permanente Überdruck auf die Stimme und der auf die Dauer ermüdend eintönige Vortrag machten seinen Auftritt zu einer echten Geduldsprobe. Ein sehr inhomogenes Damentrio waren Romana Noack, Annika Kaschenz und Katarcyna Kuncio, die sich höchstens momentweise auf gemeinsames Tempo und Rhythmus einigen konnten.

Eine echte „Dirigenten-Oper“ ist die Zauberflöte bekanntlich nicht, dafür ist die orchestrale Textur zu locker und die Arien arg weit über die Partitur verstreut. So bleiben dem Mann am Pult nur relativ wenige Möglichkeiten, sich gestalterisch zu profilieren; eine davon ist die Ouvertüre. Die fiel hier unter der Leitung von Axel Kober gleich mal in ihre Bauteile auseinander, die diversen Generalpausen zerlöcherten den musikalischen Fluss und Lust auf mehr machte dieser Auftakt nur bedingt. Allerdings kamen der Dirigent und die Duisburger Philharmoniker danach zunehmend besser ins Spiel und sorgten für eine insgesamt durchaus lebendige Wiedergabe; allerdings muss ich zugeben, angesichts der Optik dem Orchester immer weniger Beachtung geschenkt zu haben. Auch der Chor sang aus seiner Vorbühnenverbannung heraus mit vollem Einsatz.

Ich bin sicher alles andere als ein Nostalgiker oder Vergangenheitsverklärer; aber angesichts der Erinnerung an so manche Zauberflöten-Aufführungen an selbiger Stätte in den 80er und 90er Jahren konnte einen das nur noch traurig machen.

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