Bayerische Staatsoper: “Yevgenij Onegin” – 4./10.1.2014

Nein, kalt lässt dieser Onegin nach wie vor niemanden, auch nicht mehr als fünf Jahre nach der Premiere. Für die einen ist diese Produktion in der Regie von Krysztof Warlikowski Kult, für die anderen immer noch eine Zumutung. Auch diesmal demonstrierten gewisse Teile des Münchner Publikums ihre weitgehend konkurrenzfreie Borniertheit, pöbelten schon Tage zuvor im Internet und buhten am ersten Abend wieder einmal die Polonaise aus; natürlich nicht die Polonaise an sich, wohl aber das, was dem Regisseur bekanntlich dazu eingefallen ist. Dankenswerterweise hatte der Chef am Pult danach die Faxen dicke und dirigierte an den anderen Abenden direkt durch, weitere Verlautbarungen aus Rang und Parkett Raum unterbindend. Nach wie vor ist dies eine der spannendsten Produktionen im Repertoire, ein ganz starkes Stück Musiktheater, bei dem es mit jedem Besuch noch etwas Neues zu entdecken gibt; zumindest dann, wenn das Stück so gepflegt und exzellent einstudiert ist wie in dieser Wiederaufnahme. Warlikowski hat bekanntermaßen die Handlung vom ländlichen Russland des  frühen 19. Jahrhunderts in die amerikanische Provinz der 1960er Jahre verlegt und so näher gerückt. So weit, so gut. Bis zur Pause zumindest, denn danach wird es durchaus kryptisch, Onegin erlebt das Duell, die Tötung des Freundes und die folgende Irrfahrt als alptraumhafte Phantasmagorie mit stark homoerotischen Zügen, gipfelnd in ebenjener Polonaise, die hier zu einer grotesken Balletteinlage halbnackter Cowboys mutiert. Zu viel offenbar für Ewiggestrige… oder waren Mitglieder von Putins Rollkommando angereist? Warlikowski, zuletzt für seine Inszenierung der Frau ohne Schatten an gleicher Wirkungsstätte gefeiert, hat auch hier Geschichte und Charaktere sehr plastisch, präzise und glaubwürdig nachgezeichnet und auf den Punkt gebracht. Das veränderte Ambiente bietet für ein heutiges Publikum natürlich einen direkteren Assoziationsrahmen, ohne die Handlung selbst zu verfälschen, die wiederum von Malgorzata Szcześniak gestalteten Räume und Kostüme unterstreichen den Ansatz und geben den Darstellern Raum, ihre Charaktere zu entfalten. Onegin ist als Geschichte so stark und so wahr, dass er auch ohne Birkenwäldchen, Zobelpelz und anderen folkloristischen Schnickes funktioniert, er funktioniert sogar ungleich besser. Quod erat demonstrandum.

Onegin2Nach Diktat gefeiert: Kristine Opolais als Tatjana (Foto: Wilfried Hösl)

An diesen Abenden hätte das Stück auch Tatjana heißen können, denn diese, in Gestalt von Kristine Opolais, war das eigentliche sängerische und darstellerische Epizentrum des Abends. Opolais gehört unbestritten zu den charismatischsten und wandlungsfähigsten Singdarstellerinnen der Jetztzeit. Zwar liegt ihr nicht jede Rolle, die sie im Repertoire hat, diejenigen, die ihr liegen, macht sie allerdings umwerfend. Zu diesen gehört die Tatjana, der herbdunkle Sopran der Künstlerin passt in Sachen Stimmfarbe und –charakter, Volumen und Umfang perfekt zur Figur, der innere Werdegang Tatjanas vom verträumt-naiven Landei bis hin zum glanzvollen Society-Star haben nur wenige so suggestiv verkörpert. Emotionaler und stimmlicher Brennpunkt ihrer Interpretation ist natürlich die berühmte Briefschreibeszene: wie Opolais hier die völlig unkontrolliert aufwallenden Gefühle, den Bekennermut und die bedingungslose Hingabe fühlbar macht und in jede Note legt, das ist ganz großes Kino. Neben einer solchen Powerfrau muss der Partner schon mal schauen, wo er bleibt und Artur Rucinski tat sich anfangs auch tatsächlich ein wenig hart. Nach der Pause gewann er stimmlich und darstellerisch aber erheblich an Präsenz und bot im bewegenden Finale ein Duell auf künstlerischer Augenhöhe. Am letzten Abend präsentierte er sich vom Start weg musikalisch freier und ungleich besser. Herausragend auch Edgaras Montvidas, ein Lenskij mit durchaus männlichem Timbre und hochmusikalischem Vortrag, der stets die feine Grenze zwischen Melancholie und Sentimentalität bewahrt und in der Weltabschiedsarie mit feingezeichneter Pianokultur berührt. Ekaterina Sergeeva gelingt als quirlige und stimmschöne Olga ein prima BSO-Debüt und als Amme Filipjevna ist Larissa Diadkova schon beinahe eine Luxusbesetzung. Ein spätes, aber beeindruckendes Glanzlicht der Aufführung setzt auch Rafal Siwek als Gremin; der ist nicht der gemütliche Sugar Daddy, sondern ein echtes Mannsbild mit Glatze, Korsarenbart und einem mächtigen Schwarzbass, den er aber auch differenziert zu führen versteht. Dennoch: mit diesem Fürsten sollte man sich besser nicht anlegen.

Onegin1Kristine Opolais (Tatjana) und Artur Rucinski (Onegin) – Foto: Wilfried Hösl

Trotz dieser ausgezeichneten Ensembleleistung findet das eigentliche Ereignis des Abends im Orchestergraben statt. In diversen Foyer-Gesprächen hörte man immer wieder, dass Kirill Petrenko bei Tchaikovskij ja ohnehin ein „Heimspiel“ habe… ist natürlich Kokolores; sonst müsste ja jeder Deutsche einen grandiosen Wagner dirigieren können. Tchaikovskijs Musik ist, ähnlich wie diejenige Puccinis, über Generationen schwerst misshandelt und verkitscht worden, übrigens auch von Dirigenten mit russischem Pass. Mit den gängigen schmalzigen Klischees räumt Petrenko gründlich auf, sein Zugriff auf die Partitur ist von großer Tiefenschärfe, Plastizität und poetischer Innigkeit geprägt. Wie meist wählt er auch hier eher langsame Tempi und nimmt sich Zeit, in die Schichtungen der Musik einzudringen. Vor allem ist Petrenko bei aller orchestralen Feinarbeit ein echter Theatermusiker, der seine Sänger trägt und befeuert. Der Unterschied zu Mariss Jansons‘ eher sinfonisch geprägten Ansatz von vor zwei Jahren mit dem BR-Symphonieorchester ist frappierend und auf seine Weise ebenso erhellend. In Petrenkos Dirigat gibt es keine Nebensächlichkeiten und auch sonst meist verschenkte Momente, wie das kurze orchestrale Aufleuchten ganz am Ende des ersten Aktes werden hier zu Höhepunkten. Das wird vom Staatsorchester wunderbar differenziert umgesetzt, auch die Ballszenen mit ihren Walzern, Cotillons und Polonaisen sind weit entfernt von vordergründiger Schmissigkeit. Grandios auch der Auftritt des Staatsopernchores, so präzise, homogen und dabei auch ausdrucksstark, da steht schon ein weiterer Protagonist auf der Bühne – auf den Boris Godunov darf man sich schon freuen.

Glenn Gould nannte Tchaikovskij einst etwas süffisant „Die meistbesuchte Touristenattraktion der russischen Musik“. An diesen Abenden hätte er seine Meinung vermutlich revidiert. Diese Musik erzählt von seelischen Abgründen, von Sehnsucht, Verlangen, Verzweiflung und innerer Leere, und Petrenko lässt all das in jedem Takt so suggestiv aufscheinen, dass es einem stellenweise fast den Hals zuschnürt.

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