BayerischesStaatsorchester/ Kirill Petrenko dirigiert Mahlers 3. Sinfonie – 13.1.2014

Ein Anblick, der schon richtig Laune macht wenn man den Saal betritt: die Bühne ausgebaut bis vorne hin über den Graben und soweit das Auge reicht nur Pulte und Stühle und Stühle und Pulte… von der Rampe bis zur Brandmauer. Hier wird gleich das ganz große Rad gedreht. Und dann füllt sich der Schauplatz und die Ansicht wird noch imposanter, denn gleich gibt’s richtig was auf die Ohren.

Gustav Mahler nämlich. Und zwar nicht einfach nur Mahler, sondern gleich dessen dritte Symphonie, eines seiner monumentalsten und gewaltigsten Orchesterwerke. Mahler, das ist Hardcore-Sinfonik, heavy classics sozusagen, nichts für Klassik-Kuschler und auditive Warmduscher. Diese Musik packt einen mitten im Zentrum, wühlt emotional das Unterste zuoberst und macht keine Gefangenen. Wer sich dem nicht bedingungslos und lustvoll aussetzen will oder kann, der soll es bleibenlassen. Das gilt übrigens auch für Dirigenten; eine Mahler-Sinfonie kann man nicht mal so eben dirigieren, weil halt wieder ein Mahler „dran“ ist oder ein Jubiläum ansteht. Das ist Bekenntnismusik pur, nix für Spießer, nur für Genießer.

Mahler III BSODie sinfonischen Heerscharen – Foto: Wilfried Hösl

Dass Kirill Petrenko für sein erstes Akademiekonzert als GMD gerade dieses Werk ausgesucht hat, ist natürlich eine Ansage. Und wie er es dirigiert erst recht. Der Abend wurde zu einer Sternstunde des Staatsorchesters, klangliche Urgewalten verschmolzen mit poetischer Leichtigkeit und scharfer Pointierung zu einem wahren Klangwunder. Da war plötzlich alles zu hören, die kleinsten Details, alles liebevoll herausgearbeitet und zum Strahlen gebracht, und zugleich spannt Petrenko einen einzigen Spannungsbogen über fast neunzig Minuten Nettospielzeit (Ja, auch diesmal nimmt er sich die Zeit, die er braucht…), da gibt es keine Löcher oder Absenzen, der ganze sinfonische Koloss scheint auf einem einzigen Atem zu schweben. Dabei ist Petrenkos Zugriff ungewohnt vital, strotzend vor Energie, Kraft und Glanz, geradezu ungebrochen heroisch, der ganze Kopfsatz eine überwältigende Machtdemonstration, ebenso wie die letzten zehn Minuten des gigantisch langen Finalsatzes; wie der Dirigent hier diese unglaubliche Steigerung bis hin zur finalen Klangorgie ansetzt und durchzieht, das muss man gehört haben, das lässt sich in dürren Worten nicht wiedergeben. Die Brüche, die Schroffheiten und ironischen Zuspitzungen haben andere Dirigenten sicherlich stärker betont, aber auch sie kommen zu ihrem Recht und sind unter der Oberfläche immer präsent und hörbar, bei allem Klangzauber wird nichts abgeschliffen oder zugekleistert. Petrenko versetzt den Zuhörer in einen Rausch, behält aber selbst in jedem Moment den Zügel in der Hand, kontrolliert, dosiert, mischt ab. So fällt nichts auseinander, franst nichts aus oder verfällt in undifferenziertes Lärmen. Auch in der gewaltigsten Fortissimo-Entladung tut der Sound nicht weh und knallt nicht, es klingt immer noch rund und musikalisch. Das ist in diesem Stück umso wichtiger, da die etwas ungewöhnliche musikalische Struktur aus zwei riesigen Eck- und gleich vier filigraneren und kürzeren Binnensätzen bei schwächeren Dirigenten oft auseinander driftet, hier dagegen gelingt eine perfekte musikalische und semantische Synthese. Großen Anteil daran hat nicht nur das Orchester, sondern auch der Damen- und Kinderchor der Staatsoper in der Einstudierung von Sören Eckhoff und Stellario Fagone: ein betörendes, stellenweise geradezu sphärisches Leuchten, dabei aber auch mit der nötigen „Bissfestigkeit“ für die bei Mahler so typischen folkloristischen Anwandlungen. Die Solistin Okka von der Damerau thronte inmitten der sinfonischen Heerscharen auf einem kleinen Podest und sang mit frischer, sinnlicher Altstimme in allen Lagen wunderbar klangsatt und kultiviert; kein Wabern oder mystisches Geraune, sondern einfach schön auf Linie gesungen. Lediglich auf die Textdeutlichkeit könnte die Künstlerin noch etwas mehr Acht geben. Christian Böld gab das Posthorn-Solo im ersten Satz (vom „Waldvogel-Platz“ in der Galerie aus) mit musikantischem Elan und lyrischem Sehnen und auch die anderen Holzbläser-Soli standen dem nicht nach.

Das Publikum reagierte auf die orgiastische Schlußsteigerung mit mehreren langen Sekunden atemloser Stille gefolgt vom hörbaren kollektiven Durchatmen von 2.200 Menschen; und dann brachen sämtliche Applausdämme. Es war vollbracht.

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