Bayerische Staatsoper: “Der fliegende Holländer” – 20.1.2014

So ganz unbefangen und fokussiert konnte an diesem 20. Januar 2014 vermutlich kaum ein Musikfan weltweit einer Opern- oder Konzertaufführung lauschen; zu tief und stark war die Trauer um Claudio Abbado, einen der ganz Großen der Musikwelt, einen der bedeutendsten, uneitelsten, vornehmsten und warmherzigsten Künstler, welche die Branche erlebt hat, einen wunderbaren Musiker und Humanisten. Die Musikwelt trägt Trauer in diesen Tagen. Die ganze Musikwelt? Nein, denn die Bayerische Staatsoper hielt es nicht einmal für nötig, Abbado mit einer Gedenkminute zu ehren. Eine grobe, eine unverständliche Unterlassung und Respektlosigkeit! Sollte das etwa damit zu tun haben, dass Abbados – leider nur wenige – Auftritte am Max-Joseph-Platz lange vor dem Amtsantritt des heutigen Intendanten stattgefunden haben?

Dass es an diesem Abend so schwer fiel, sich auf das aktuelle Geschehen zu konzentrieren und sich immer wieder Gedanken und Erinnerungen dazwischen schoben, lag allerdings nicht nur am Umstand an sich, sondern auch an einer Aufführung, die man freundlicherweise mit „inhomogen“ beschreiben könnte und die von künstlerischer Geschlossenheit weit entfernt war. Das Hauptproblem war einmal mehr die Besatzung der Kommandobrücke, sprich: des Dirigentenpultes. Hier gilt schon seit der Premiere 2006 ein fröhliches Rotationsprinzip, eine Verlegenheitslösung folgte der anderen, wirklich überzeugt, oder gar begeistert, hat keiner der Steuermänner. Der Auftritt von Gabriel Feltz allerdings markierte den bisherigen Tiefpunkt. Bereits die Ouvertüre kam einem kollektiven Blackout gleich, eine solche Menge von Patzern, Aussetzern, Wacklern sowie schmieriger und unsauberer Intonation hat man in diesen Mauern lange nicht gehört; so schlecht spielen die Damen und Herren des Staatsorchesters sonst nur im Ballett… Wie ein und dasselbe Orchester innerhalb von anderthalb Wochen Glanzleistungen wie im Onegin oder Mahlers Dritter und dann eine solche Havarie abliefern kann, ist mir ein Rätsel. Wesentlich besser wurde es auch nicht, Feltz mag ja ein vielversprechender junger Dirigent sein, hier jedoch zeigte er sich schon mit der Koordination der Abläufe überfordert, mit einer wirklichen Interpretation erst recht. Teilweise spulte er die Partitur mit lähmend-lethargischen Tempi und Gestus herunter, nur die Aktschlüsse und Matrosenchöre ließ er knallen, als wolle er sich um eine Kapellmeisterstelle auf dem Oktoberfest bewerben, die überlangen Generalpausen schlugen Schneisen in den musikalischen Fluss, die breit waren wie der Sankt-Andreas-Graben; um mal im nautischen Bild zu bleiben.

     BSO Holländer2“Du Stern des Unheils sollst erblassen!” – Anja Kampe (Senta) und Evgeny Nikitin (Holländer) im zweiten Akt – Foto: Wilfried Hösl

Unter diesen Umständen muss man den Sängern umso mehr Respekt zollen, die alles Menschenmögliche taten, die Geschichte dennoch stattfinden zu lassen, was zum größten Teil auch von Erfolg gekrönt war. Allen voran ist einmal mehr Anja Kampe zu nennen, das Herz und die Seele der immer noch beeindruckenden Inszenierung von Peter Konwitschny. Auch im achten Jahr seit der Premiere hat ihre Interpretation nichts von ihrer Eindringlichkeit eingebüßt; im Gegenteil, sie wird eher noch stärker. Die Verbindung von „nordischer“ Herbheit mit sehnsuchtsvoller Ausdrucksglut macht sie zu einer Idealbesetzung der Figur, sie vereint unverbrauchte Frische, bedingungslose Identifikation und Strahlkraft mit einem hohen Maß an Reflexion und Gestaltung. Gerade den innigen, kontemplativen Momenten wie „Fühlst Du den Schmerz, den tiefen Gram“ gibt Kampe mit schwebend-leichtem und doch klar konturiertem Vortrag eine Magie, der sich niemand entziehen kann. Daneben tat sich Evgeny Nikitin in der Titelrolle unerwartet schwer. Dabei strahlt sein knorrig-dunkles Timbre genau jene Dämonie und undomestizierte Männlichkeit aus, die ideal für die Figur des numinosen Geisterwesens sind. Diese Qualität bringt Niktin vor allem in den leisen und kantablen Momenten wunderbar zur Geltung, etwa zu Beginn seines Monologs oder im Mittelteil der Szene mit Senta. In den großen dramatischen Ausbrüchen dagegen fehlt es etwas an Volumen und Durchschlagskraft und in der Schlußszene hatte er nichts mehr zuzusetzen und kämpfte mit konditionellen Problemen. Wie zu hören war, machte dem Künstler eine noch nicht völlig ausgeheilte Erkältung zu schaffen, auf eine Ansage hatte er allerdings verzichtet. In Hochform präsentierte sich dagegen Kwangchul Youn als Daland, sein kultivierter, opulent und doch agil geführter Bass war die reine Wonne. Michael König, nicht verwandt mit seinem früheren Fachkollegen Klaus König, gab den Erik als tumben, weinerlichen Grobian und bot gesanglich eine durchaus solide Performance, lediglich in der Höhe wird die Stimme etwas dünn. Wenn Okka von der Damerau ins Geschehen eingreift, gibt es keine unbedeutenden Rollen, auch als Mary macht sie mit pastosem Alt und lebhafter szenischer Präsenz auf sich aufmerksam. Letzteres probiert auch Kevin Conners als Steuermann, läuft aber Gefahr zu überdrehen.

Viel Wagner gibt es ja eh nicht diese Saison, da hätte man mit dem wenigen ruhig etwas pfleglicher umgehen können.

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